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Donnerstag, 21. März 2019

CES 2019

Schmelztiegel in der Wüste

Von Johannes Winterhagen | 10. Januar 2019 | Ausgabe 01

48-Zoll-Cockpitdisplays und Hochleistungsprozessoren: In Las Vegas verschwimmen die Grenzen zwischen Fahrzeug- und Computertechnik endgültig.

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Foto: Audi AG/Tobias Sagmeister

Wer in einem Audi e-tron in den letzten Tagen durch die Wüstenstadt Las Vegas fuhr, konnte Virtual Reality der besonderen Art erleben. Auf einer Plattform verschmelzen Fahrzeug- und Entertainment-Technik zu einer ungewöhnlichen Einheit.

Eine per Mobiltelefon gesteuerte Milchpumpe, eine Kamera, die Säuglinge am Arm tragen, oder Airbags für Fahrradfahrer: Fast keine Erfindung ist zu absonderlich, um auf der Consumer Electronics Show (CES, 8. bis 11. 1.) in Las Vegas kein Publikum zu finden. Die Messe, vor mehr als 50 Jahren als Ordermesse für Elektronikeinzelhändler ins Leben gerufen, hat sich zum Schaufenster des Silicon Valley gemausert. Und die Elektronikgiganten haben längst ein anderes Publikum im Visier. Mehr und mehr entpuppt sich die Messe als Business-Plattform.

Vor allem die Automobilindustrie, aber auch andere professionelle Kunden stehen bei US-Chipherstellern und asiatischen Elektronikkonzernen im Fokus. Beispiel Qualcomm: Zur CES 2019 wirbt das kalifornische Unternehmen vor allem für die drahtlose Kommunikation zwischen Autos verschiedener Hersteller. Diese soll nicht auf WLAN, sondern auf dem Mobilfunkstandard „C-V2X“ basieren. Er sieht vor, dass Geräte aller Couleur – also auch Autos und Ampeln – auf einer speziell dafür reservierten Frequenz von 5,9 GHz direkt miteinander kommunizieren können.

Im US-Bundesstaat Colorado wurde dafür gemeinsam mit Ford ein ausführlicher Praxistest durchgeführt. Er sei erfolgreich verlaufen, bestätigte Amy Ford von der Verkehrsbehörde Colorados. Daher wolle man nun 20 Mio. $ in den Ausbau von weiteren 500 km Straße investieren. Damit entsteht in dem dünn besiedelten Bundesstaat – dort kommen nur etwa 20 Einwohner auf 1 km² – das vorerst größte Netz intelligenter Autobahnen in den Vereinigten Staaten.

Die Plattform für das Datenmanagement stammt von Panasonic. Eine weitere Konsequenz des Pilotprojekts: Don Butler, bei Ford für vernetzte Fahrzeuge verantwortlich, kündigte an, dass ab 2022 alle in den USA verkauften Fahrzeuge mit C-V2X ausgestattet sein sollen.

Die klassischen Zulieferer der Automobilindustrie werden umgekehrt immer mehr zu Elektronikspezialisten. So stellt ZF Hardware für künftige Robotertaxis vor. 600 Billionen Rechenoperationen pro Sekunde können die acht Prozessoren im Zentralrechner durchführen. Die Grafikprozessoren stammen dabei entweder von Nvidia oder von Xilinx – mit beiden Chipherstellern ist ZF eine nicht exklusive Partnerschaft eingegangen.

Die Grundidee besteht darin, eine skalierbare Hard- und Softwarearchitektur aufzubauen, die für alle Stufen des automatisierten Fahrens identisch ist und herstellerübergreifend eingesetzt werden kann. Der Hintergrund: Die Validierung eines solchen Systems kostet sehr viel Geld, deshalb soll es, ähnlich der Elektronik in einem Flugzeug, nach Serieneinführung möglichst nicht mehr geändert werden.

Oliver Briemle, bei ZF für Elektronikarchitekturen verantwortlich, bestätigt, dass die hohe Rechenleistung auf Vorrat angelegt ist: „Wer die Hardware wegen neuer Funktionen ändern muss, gehört zu den Verlierern.“ Nur eine Handvoll von Systemlieferanten werde künftig in der Lage sein, solche Zentralrechner für Roboterautos anzubieten.

Die Studie eines fahrerlosen Shuttle-Fahrzeugs präsentiert Bosch in Las Vegas. Sie dient allerdings weniger der Präsentation der Fahrzeugtechnik als vielmehr des digitalen Ökosystems, das Bosch möglichen Betreibern solcher Fahrzeuge anbietet.

Es umfasst sowohl die App, mit der Fahrzeuge bestellt und aufgeschlossen werden, als auch die im Hintergrund laufenden Systeme für das Flottenmanagement. Die sind mit mehreren Kameras im Innenraum ständig verbunden. Eine Software zur Bilderkennung erkennt Verschmutzungen des Innenraums bis hin zu einem Kaugummi am Sitz sofort und veranlasst das Ausrücken eines Reinigungsteams. Auch drohende technische Defekte, etwa in dem im Unterboden untergebrachten Elektroantrieb, sollen über die ständige Onlineverbindung an den Flottenbetreiber gemeldet werden.

Schaeffler stellt weitere Details zu dem bereits 2017 präsentierten „Mover“-Konzept vor, bei dem es sich ebenfalls um ein viersitziges Robotertaxi handelt, das jedoch innerhalb weniger Minuten zu einem Stadtlieferwagen umgebaut werden kann. Die elektromechanische Lenkung stammt von Paravan, einem Unternehmen, das einst auf behindertengerechte Fahrzeugumbauten spezialisiert war. „Paravan ist das einzige Unternehmen, das eine weltweite Straßenzulassung für das Fahren ohne Lenkrad hat“, sagte Schaeffler-Technikvorstand Peter Gutzmer. „Die Technik hat sich in mehr als 1 Mrd. km bewährt.“

Auf der CES beschäftigen sich Automobilhersteller und Zulieferer viel damit, wie der Innenraum selbstfahrender Autos aussehen könnte. So zeigte Byton das Cockpit des M-Byte, eines avisierten Serienmodells. Es verfügt über ein 48-Zoll-Display, das unterhalb der Windschutzscheibe positioniert ist und die komplette Breite des Armaturenbretts überspannt. Dabei handelt sich um ein gebogenes Display, das in bis zu drei Inhaltsbereiche aufgeteilt werden kann. Im Stand lassen sich zudem die Vordersitze um bis zu 12° nach innen drehen, so entsteht eine Art Kinoatmosphäre.

Audi hingegen will den Passagieren auf den Rücksitzen ein interaktives Spieleerlebnis bieten: Die per Virtual-Reality-Brille dargestellten Inhalte reagieren auf die Bewegungen des Fahrzeugs. In einer Rechtskurve fliegt dann beispielsweise auch das Raumschiff in der virtuellen Welt nach rechts.

Die mit immer größeren Bildschirmen ausgestatteten Fahrzeuge aller Hersteller verlangen mehr Rechenleistung. So hat Qualcomm seinen Chipsatz überarbeitet. Die dritten Generation der „Snapdragon“ genannten Plattform umfasst nicht nur Betriebssystem und einen Zentral-, einen Sicherheits- und einen Grafikprozessor. Integriert ist auch ein weiterer Prozessor, mit dessen Hilfe Anwendungen der künstlichen Intelligenz wie Spracherkennung schneller gerechnet werden können. Die Livedemonstration in der Pressekonferenz funktionierte jedoch nicht auf Anhieb. „Das ist nicht wahr“, antwortete der Sprachassistent auf die Frage nach den nächsten Restaurants.

Eine ganz andere Lösung präsentierte Marc McAllister von Harley-Davidson: Bei dem ersten vollelektrischen Motorrad des Herstellers ersetzt ein Smartphone von Panasonic ein fest installiertes Infotainmentsystem. Es kommuniziert über Bluetooth mit der Fahrzeugelektronik. „Live Wire“, so heißt das Motorrad, dessen Vorverkauf mit der CES beginnt, sei vor allem für den Einsatz in urbanen Regionen gedacht. „In diesem Umfeld ist Konnektivität ein absolutes Muss.“

Immer größer werden hingegen die Flachbildfernseher, um die sich an den Ständen von LG, Panasonic und Samsung nach wie vor Menschentrauben drängten: Bei Samsung verfügt das Topmodell mittlerweile über eine Diagonale von 98 Zoll. Zeit zu rollen, muss sich LG bei seinem aufrollbaren Bildschirmexponat gedacht haben.