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Freitag, 22. Februar 2019

Raumdesign

Schöner arbeiten

Von Bettina Reckter | 24. Mai 2018 | Ausgabe 21

Statt Arbeitswabe und Einzelzimmer sehen Experten die Zukunft von Büroarbeitsplätzen in multifunktionalen Raumstrukturen.

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Foto: VDI Wissensforum

Sofakissen im Büro? Wenn es denn die Produktivität und Kreativität der Mitarbeiter steigert, dann haben die Vorgesetzten keine Bedenken.

Sitzen ist das neue Rauchen“, sagt Boris Feodoroff von der Deutschen Sporthochschule (DSHS) Köln und spielt damit auf die negativen Auswirkungen moderner Bürostühle auf die Gesundheit an. Es muss also mehr Bewegung ins Büro. Höhenverstellbare Arbeitsplatten, dreidimensional bewegliche Stühle und Steh-Sitzhilfen können Anreize schaffen.

Und: „Körperlich aktive Leute sind geistig viel leistungsfähiger“, weiß Feodoroff, das liege an der besseren Durchblutung des Gehirns, messbar anhand der Sauerstoffsättigung im Blut. Die Kölner Hochschule hat darauf reagiert. Der interne E-Mail-Verkehr sei dort verboten, sagt der Wissenschaftler. Wer etwas abzusprechen habe, müsse eben mal kurz zum Kollegen rübergehen.


Doch auch die Büroform selbst kann den Mitarbeitern zu mehr Gesundheit, Agilität und Kreativität verhelfen. Das ist das Ergebnis einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart. Im Auftrag der Designfunktion Gruppe, München, wurden dazu mehr als 1000 Fachbeauftragte für „Neue Arbeitswelten“ in kleinen und mittleren Unternehmen bis hin zu großen Konzernen befragt.

Das Büro der Zukunft heißt Multispace. Das ist neudeutsch und steht für offene Raumstrukturen und eine große Bandbreite an Flächen- und Raumoptionen, die flexibel von allen Mitarbeitern genutzt werden können. Auf den ersten Blick sieht das recht ansprechend aus. Offene Räume, niedrige Sidebords, unkonventionelle Arbeitsinseln, frische Farben, viele Textilien, Pflanzen und sogar Kuschelecken mit Sofakissen.

Für jede Arbeitsform sind bestimmte Zonen vorgesehen: Es gibt klassische Arbeitstische zum konzentrierten Arbeiten am PC, Freiräume für Meetings, flexible und ungewöhnlich gestaltete Sitzgelegenheiten fürs Brainstorming, aber auch wohnzimmerartige Rückzugsmöglichkeiten sowie Kleinsträume und sogar Zellen fürs ungestörte Telefonat mit Geschäftskunden.

„Diesen Mix aus Büroformen finden wir heute nicht nur bei kleinen Start-ups, sondern auch in großen Konzernen mit mehr als 50 000 Mitarbeitern“, erklärt Stephanie Wackernagel vom Fraunhofer IAO. Der Studie zufolge würde außerdem die Arbeitgeberattraktivität davon profitieren, wenn hierarchische Strukturen weniger stark ausgeprägt seien.

Doch nicht alle Mitarbeiter finden das gleichermaßen gut. „Den Führungskräften wurden im Zuge der Umstrukturierung die Einzelbüros weggenommen“, berichtet Bettina Reichart, Projektleiterin im Bereich Human Resources bei der Lufthansa. Der Mangel an Rückzugsmöglichkeiten habe zu massiven Problemen geführt. Und sicher fühlte sich auch so mancher seiner Privilegien beraubt.

Andere Erfahrungen hat da die Firma Ströer mit Sitz in Köln gemacht. Das Medienunternehmen mit rund 13 000 Mitarbeitern betreibt etwa 300 000 Werbeflächen, von der Litfaßsäule über Plakatflächen an Bahnhöfen bis hin zu Werbebannern im Internet. 2017 sei das Jahr des Umzugs gewesen. Von 90 Standorten sei man auf 63 zurückgegangen, erzählt Birgit Oßendorf-Will, Personalleiterin bei Ströer. Wer in eines der neuen Büros gekommen sei, habe gesagt: „Das will ich auch.“ Da habe man eine regelrechte Sogwirkung gespürt.

„In acht von zehn Projekten, die wir als Planer und Einrichter betreuen, entscheiden sich Unternehmen bereits für Multispace“, berichtet Samir Ayoub, geschäftsführender Gesellschafter von Designfunktion. Je vernetzter die Prozesse im Büro etwa durch gemeinsame Projektarbeit, desto wichtiger die Planung. Für Flächen ab 400 m² konzipiert das Unternehmen Zonen, die den unterschiedlichen Bedürfnissen nach Konzentration, Kommunikation und Rückzug gerecht werden sollen.

Kurze Wege sollen verbinden, was zusammengehört – so eine Philosophie dahinter. Der folgt man zum Beispiel im VDI Wissensforum. Dort spricht man heute nicht mehr von Arbeitsplätzen, sondern von Arbeitsmöglichkeiten. Im Prinzip sucht sich also der Mitarbeiter morgens aus, wo er am besten arbeiten kann. Auch hier haben die Führungskräfte kein Einzelbüro mehr. Die Abteilungsleiter sitzen mit im Großraumbüro, wenn auch etwas abseits.

Jedem Mitarbeiter steht ein kleiner abschließbarer Spind zur Verfügung, in dem er seine persönlichen Utensilien aufbewahrt. Rollcontainer gibt es zwar, kaum einer benutzt sie aber noch. Das papierlose Büro wird hier gelebt, das kann spüren, wer durch die offene Etage geht. Kaum ein Aktenschrank findet sich mehr, die halbhohen Regale wirken eher als optische Raumteiler denn als Aufbewahrung für Unterlagen. Ganz allgemein herrscht hier eine „clean desk policy“, am Ende des Tages räumt jeder seinen Platz komplett frei.

Eine Schwachstelle bleibt die Akustik. Die Ohren kann man nicht verschließen. Ein hoher Geräuschpegel am Arbeitsplatz drückt die Produktivität, Hall mindert die Verständlichkeit des gesprochenen Wortes. An Decken und Wänden angebrachte Paneele, Vorhänge, Sessel mit hochgezogenen Lehnen und spezielle Teppiche sollen daher möglichst viel Schall schlucken.

„Gute Raumakustik lässt sich vorab simulieren“, weiß Christian Nocke, Sachverständiger des Akustikbüros Oldenburg. Die DIN 18041 „Hörsamkeit in Räumen“, die Richtlinie VDI 2569 „Schallschutz und akustische Gestaltung im Büro“ und andere arbeitschutzrechtliche Texte geben ihm gute Regeln an die Hand.

Dennoch: Vielen Mitarbeitern im Multispace ist gerade die Lautstärke am Anfang unangenehm. Sie senken automatisch die Stimme, was allerdings dazu führt, dass das Gewisper noch intensiver wahrgenommen wird als ein lautes Gespräch auf dem Flur. Den Kollegen, die im VDI Wissensforum viel telefonieren müssen, war im Vorfeld eine akustische Abschirmung versprochen worden. „Aber mal ehrlich: Das funktioniert hier nicht so toll“, sagt ein Mitarbeiter.

Gut die Hälfte der für die Fraunhofer-Studie Befragten erwartet, dass der Multispace die dominante Büroform in ihrem Unternehmen wird. Bleibt zu hoffen, dass jeder Kollege dann auch genau das Eckchen findet, in dem er konzentriert und kreativ seine Arbeit erledigen kann.