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Mittwoch, 20. Februar 2019

Nutzfahrzeuge

Schwer unter Strom

Von Klaus Reckert | 25. Oktober 2018 | Ausgabe 43

Bei alternativen Antriebskonzepten für „Brummis“ wurde der Elektroantrieb lange als chancenloser Exot dargestellt– jetzt zeichnet sich ein Wandel ab.

BU E-Trucks
Foto: Renault Trucks

Vollelektrisches Verteilerfahrzeug: Der Elektro-Truck D ist für ein Gesamtgewicht von 16 t konzipiert. Als Typ „D Wide“ kommt er auf 23 t.

Auf der IAA Nutzfahrzeuge Ende September hatte bei Renault Trucks mit „Z.E.“ eine vollelektrische Baureihe Premiere. Der seit 2011 zur Volvo-Gruppe gehörende Hersteller ist überzeugt, dass Elektromobilität die wichtigste künftige Lösung für die zunehmenden innerstädtischen Probleme wie Luftverschmutzung und Lärmbelastung darstellen wird.

Darum investiert das Unternehmen bereits seit 2009 stark in die Forschung und Entwicklung von Elektro-Lkw. In Zusammenarbeit mit Pilotkunden wurde speziell der Betrieb unter realistischen Einsatzbedingungen verschiedener vollelektrischer Versuchsfahrzeuge im Bereich von 12 t bis 16 t zulässigem Gesamtgewicht erprobt. Diese Praxistests mit u. a. Carrefour, Guerlain, Nestlé sowie der Delanchy-Gruppe ermöglichten es, grundlegende Erkenntnisse bezüglich des Einsatzes, der Batteriecharakteristik, der Ladeinfrastruktur sowie des Services und der Wartung von Elektro-Lkw zu gewinnen.

Zusätzlich zu diesen Versuchsfahrzeugen brachte Renault Trucks bereits 2010 in Frankreich einen 4,5-Tonner, den Maxity Elektro, auf den Markt: „Durch diese Markteinführung konnten wir unser Vertriebsnetz auf den Verkauf, die Wartung und Reparatur von Elektrofahrzeugen vorbereiten“, erklärt François Savoye, Leiter der Abteilung Energiestrategie bei Renault Trucks.

„Unsere aktuelle Modellreihe an Elektrofahrzeugen ist nun eine rentable Transportlösung, was 2010 noch nicht der Fall war.“ Überdies profitiert Renault Trucks von der Forschung und der Entwicklung der Volvo-Gruppe. Die so realisierten Skaleneffekte ermöglichen es laut Savoye, bereits 2019 eine ganze Modellreihe an Elektrofahrzeugen herauszubringen.

Im Produktionswerk von Renault Trucks in Blainville-sur-Orne in der Normandie wird dafür eine eigene Montagelinie exklusiv für die rein elektrischen Lkw eingerichtet. Konsequenterweise stellte der Hersteller daher Elektromobilität auch ins Zentrum seiner Messeaktivitäten in Hannover und zeigte dort neben einem Transporter Renault Master Z.E. auch den Truck D Wide Z.E. mit einem speziellen Aufbau für die Abfallentsorgung.

Auch bei Hyundai werden Unternehmen, die Fahrverbote in Innenstädten fürchten müssen, bereits ab kommendem Jahr fündig. Der koreanische Hersteller setzt für seinen Fuel Cell Electric Truck auf die Kombination von Elektromotor mit 350 kW Leistung und einer Brennstoffzelle, die mit einer Leistung von 190 kw Reichweiten von bis zu 400 km ermöglichen soll. Die Betankung der acht im Fahrgestell untergebrachten Wasserstofftanks soll nur etwa sieben Minuten dauern, der Wasserstoff steht dabei unter einem Druck von 350 bar. Geplant sind in den nächsten fünf Jahren rund 1000 Lkw auf der Straße.

Auf die gleiche Kombination – hier noch ergänzt durch einen kleinen Akku mit 12 kWh Kapazität – setzt auch Toyotas Sattelschlepper Project Portal, dessen Beta-A-Version laut Hersteller bereits 16 000 km im Praxistest absolviert hat.

Der Nikola One von der Nikola Motor Company ist gleichfalls ein Sattelschlepper mit Brennstoffzellen als Energielieferant und jeweils zwei E-Motoren für jede der drei Achsen mit zusammen 735 kW.

Als schwere Lkw für den Fernverkehr positioniert Daimler den eCascadia, von dem noch in diesem Jahr 30 Fahrzeuge bei Kunden in den USA in den Fahrbetrieb genommen werden. Die Batterien mit 550 kWh sind laut Hersteller für Reichweiten von bis zu 400 km gut. Sie sollen innerhalb von 90 min wieder auf 80 % Kapazität gebracht werden können, was einer Strecke von 320 km entspricht. Hierzulande ist der 18- bzw. 25-Tonner eActros von Mercedes bei den Pilotkunden, u.a. dem Paketversanddienst Hermes, seit Mitte des Jahres in der Praxiserprobung. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse sollen später in die Serie einfließen. Es wird Aufbauten wie Plane/Ladefläche, Kühlwagen, Trockenkoffer etc. geben. Die Lithium-Ionen-Akkus mit 240 kWh sollen eine Reichweite von etwa 200 km ermöglichen. Ein Ladevorgang soll dabei zwischen zwei und elf Stunden dauern. Der Produktionsstart ist 2021 geplant.

Der kleinere Frightliner eM2 106 zielt hingegen auf lokalen Zustellverkehr. Seine Batterien haben 325 kWh Kapazität, was einen Aktionsradius von 370 km ermöglichen soll. Noch Ende dieses Jahres wird den Plänen zufolge mit dem eCitaro ein vollelektrischer Bus und mit dem eVito ein Transporter dazustoßen, der Sprinter soll bereits 2019 in einer Elektrovariante auf den Markt kommen.

Um das Transportersegment geht es auch beim Work XL, den Ford in seinem Kölner Werk für die DHL-Tochter Streetscooter zusammenbauen wird. Antriebsstrang und Karosserieaufbau stammen von Streetscooter, Ford montiert diese auf das Fahrgestell des Ford Transit, das in der Türkei hergestellt wird. Das Einsatzgebiet wird die urbane Paketzustellung sein. Der Elektromotor leistet 90 kW. Mit der Akkukapazität von maximal 76 kWh sollen Reichweiten von bis zu 200 km erreicht werdn können.

Das US-Start-up Thor wird für UPS einen schweren Elektrotruck mit nur 80 km bis 160 km Reichweite bauen – u. a. für den Werksverkehr. Es hat eine etwas höhere Fertigungstiefe als Ford. Doch auch hier werden zahlreiche Fremdkomponenten verbaut, die Elektromotoren beispielsweise stammen vom Zulieferer TM4, der zur Dana Inc. gehört. Paketlieferspezialist UPS hat auch Tesla mit der Entwicklung eines Elektrotrucks beauftragt.

Der von Volkswagen kürzlich vorgestellte I.D. Buzz Cargo ist wieder ein Transporter. Zu seinen Vorzügen gehören sicher das an den Ur-VW-Bus T1 erinnernde, ansprechende Design und die in Aussicht gestellten Reichweiten von bis zu 550 km. Allerdings ist hier der Serienstart erst für das 2022 avisiert. Wer nicht so lange auf lokal emissionsfreie und leise Lieferfahrzeuge warten will, kann sich von Veredler Abt einen e-Caddy oder e-Transporter bauen lassen – mit einem Aktionsradius von zwischen 200 km und 400 km.