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Montag, 22. Januar 2018

Schienenverkehr

Siemens und Alstom: Wettbewerber werden Partner

Von Ralf Roman Rossberg | 5. Oktober 2017 | Ausgabe 40

Der Mobilitätsmarkt ist stark in Bewegung geraten. Die traditionellen Wettbewerber Siemens (ICE) und Alstom (TGV) legen ihre Aktivitäten zusammen. Künftig wollen sie gemeinsam den Herausforderungen auf dem Weltmarkt begegnen.

BU Siemens
Foto: dpa Picture-Alliance/Marijan Murat

Seite an Seite, doch künftig in eine gemeinsame Richtung: Siemens (ICE) und Alstom (TGV) fusionieren – auch, um gegen den chinesischen Konkurrenten CRRC bestehen zu können.

Für die europäische Bahnindustrie wird der 26. September 2017 in die Annalen eingehen. Der deutsche Siemens- und der französische Alstom-Konzern werden künftig im Mobilitätsbereich ein gemeinsames Unternehmen bilden.

Der Zusammenschluss wird als Verbindung zweier Gleicher beschrieben, beide Seiten halten 50 % der Anteile. Gleichwohl tritt die französische Seite auffallend stärker in Erscheinung: Börsennotierung in Frankreich, Konzernzentrale im Großraum Paris, Vorstandschef kommt von Alstom. Auch die Unternehmenszentrale für Schienenfahrzeuge wird in Frankreich angesiedelt.

Berlin erhält den zentralen Sitz der Sparte Mobilitätslösungen, und Jochen Eickholt, CEO von Siemens Mobility, soll „eine zentrale Rolle“ in dem zusammengeschlossenen Unternehmen Siemens Alstom spielen. Der Verwaltungsrat wird aus elf Mitgliedern bestehen; fünf und den Vorsitzenden entsendet Siemens, vier sind unabhängig. „Wir setzen die europäische Idee in die Tat um und schaffen gemeinsam mit unseren Freunden bei Alstom auf lange Sicht einen neuen europäischen Champion der Eisenbahnindustrie“, erklärte Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG.

„Der Weltmarkt hat sich in den vergangenen Jahren erheblich gewandelt. Ein marktbeherrschender Akteur in Asien hat die globale Marktdynamik verändert“, so Kaeser. Dass dieser Akteur China heißt, ist kein Geheimnis; vor allem der Markt für Hochgeschwindigkeitszüge wird seit dem Zusammenschluss zweier chinesischer Hersteller von der damit entstandenen CRRC beherrscht. „Gemeinsam können wir ein breiteres Angebotsspektrum anbieten“, ergänzte Kaeser.

Auch bei Alstom herrschte Aufbruchstimmung. „Heute ist ein Schlüsselmoment in der Geschichte von Alstom. Er untermauert die Stellung des Unternehmens bei der Konsolidierung des Bahnsektors“, so Henri Poupart-Lafarge, Vorstandsvorsitzender von Alstom SA, der auch den neuen Konzern leiten wird.

Durch den Zusammenschluss von Alstom und Siemens Mobility soll die Reichweite über alle Kontinente hinweg erhöht werden, um die Mobilitätsherausforderungen der Städte und Länder zu bewältigen. Kunden und Nutzer der Lösungen sollen durch intelligentere und effizientere Systeme profitieren. Jetzt gelte es die Teams, aber auch die Kompetenzen beider Unternehmen zusammenzuführen und die Synergien der Standorte zu nutzen.

Die Geschäftsaktivitäten beider Unternehmen ergänzen sich weitgehend. Künftig soll ein stark erweitertes und breitgefächertes Produkt- und Lösungsspektrum angeboten werden, das kostengünstige Plattformen für den Massenmarkt ebenso wie für Spitzentechnologien beinhaltet. Auch die internationale Präsenz kann sich ausdehnen: Alstom ist stark im Nahen und Mittleren Osten sowie in Afrika, Indien, Mittel- und Südamerika vertreten, Siemens in China, USA und Russland.

Nach den letzten Jahresabschlüssen von Alstom und Siemens verfügt das neue Unternehmen über einen Auftragsbestand von 61,2 Mrd. €, erwirtschaftet 15,3 Mrd. € Umsatz. ein bereinigtes EBIT von 1,2 Mrd. € sowie eine bereinigte EBIT-Marge von 8 %. Siemens und Alstom rechnen ab Ende 2022 mit jährlichen Synergien von 470 Mio. €. In mehr als 60 Ländern rund um die Welt wird das neue Unternehmen 62 300 Mitarbeiter beschäftigen.

Auch ein Blick auf die Fertigungsprogramme, die Standorte und die Mitarbeiter beider Unternehmen lohnt sich. Siemens unterhält Werke in München, Krefeld, Braunschweig und Berlin, weltweit auch in Österreich, der Schweiz, Frankreich, England, Russland, den USA und Australien.

Das Werk in München-Allach wurde von Krauss-Maffei übernommen. Siemens konzentriert sich dort auf den Lokomotivbau. In Krefeld hingegen werden ganze Züge gebaut, so der ICE 4 noch bis 2020.

Unter der Unternehmensbezeichnung Velaro gingen bislang Hochgeschwindigkeitszüge mit bis zu 350 km/h Geschwindigkeit nach Spanien, Russland, in die Türkei und nach China, als Eurostar fahren sie durch den Kanaltunnel zwischen dem europäischen Festland und Großbritannien. Weltweit hat Siemens 823 Fahrzeuge mit Velaro-Technik geliefert, davon 143 vollständige Züge, die restlichen 680 mit Velaro-Komponenten.

Für den Nahverkehr baut Siemens den Desiro, der künftig vom Mireo abgelöst wird. Das technische Zentrum mit der Entwicklung von Schienenfahrzeugen befindet sich in Erlangen. Siemens hat auch einen Schwerpunkt bei der Leit- und Sicherungstechnik, der früheren Signaltechnik. Zu dem Fertigungsstandort Braunschweig ist nach der Wende ein zweiter in Berlin hinzugekommen, das ehemalige DDR-Werk WSSB.

Alstom bietet über die Fertigung aller Arten von Zügen hinaus als einziger Hersteller in Deutschland auch Wartung, Instandhaltung und Modernisierung aller Nahverkehrszüge an. Werke bestehen in Salzgitter, Braunschweig und Stendal. Salzgitter obliegen Entwicklung und Fertigung von Zügen und Bauteilen. Das Spektrum reicht von S- und U-Bahnen bis zur Straßenbahn. Dafür bietet die Plattform Coradia Anpassung an unterschiedliche Einsatzbedingungen. Bundesweit sind über 1200 Coradia-Regionalzüge bei vielen Eisenbahnverkehrsunternehmen im Einsatz.

Die neueste Entwicklung von Alstom gilt dem Brennstoffzellenantrieb. Ein damit ausgerüsteter Coradia-Zug hat seine ersten Testfahrten im März 2017 erfolgreich absolviert. Ziel ist, emissionsfreie Züge zur Serienreife zu führen und Dieselmodelle damit abzulösen.

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