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Montag, 22. Januar 2018

Windkraft

Stählerne Schnittstelle

Von Ralf Köpke | 28. September 2017 | Ausgabe 39

Für Anlagen mit Getriebe sind Schrumpfscheiben des Maschinenbauers Stüwe fast Teil der Grundausstattung. Ein Prüfstand hilft, neue Märkte passgenau zu bedienen.

w - Stüwe Hattingen BU
Foto: Stüwe

In Europa einzigartig: Mit einem Prüfstand für reibschlüssige Verbindungen will Schrumpfscheibenspezialist Stüwe neue Anwendungen systematisch entwickeln.

Hattingen am Südrand des Ruhrgebiets hat eine Attraktion, die revierweit bekannt ist: Im Wodantal gibt es einen Skischlepplift mit einer Länge von 220 m. Weniger bekannt ist, dass ein Hidden Champion der Windbranche sein Domizil im Hattinger Stadtteil Welper hat: das Maschinenbauunternehmen Stüwe.

Schrumpfscheiben

Geschäftsführer Jan Stüwe managt das Familienunternehmen zusammen mit seiner Cousine Rena seit Frühherbst 2014 in dritter Generation. Stüwe ist Weltmarktführer bei Schrumpfscheiben: eine wichtige Verbindungsstelle zwischen Rotorwelle und Getriebe im Antriebsstrang jener Windkraftanlagen, die als Antriebstechnik auf ein Getriebe setzen. Diese stählerne Schnittstelle bringt es auf ein Gewicht von bis zu 2 t.

Angesichts der hohen Dreh- und Biegemomente ist für das Funktionieren und die Lebensdauer dieser Bauteile eine völlig spielfreie, das heißt eine reibschlüssige und kerbenfreie Verbindung mit der Schrumpfscheibe entscheidend. „Das ist von besonderer Bedeutung bei hohen stoßartigen Belastungen, wie sie in Regionen mit stark böigen Winden auftreten“, erklärt Jan Stüwe. „Mit der Schrumpfscheibe lassen sich Montage und Demontage von Bauteilen im Antriebsstrang einfacher und damit kostensparender bewerkstelligen.“

Vor mehr als 20 Jahren ist das mittelständische Unternehmen, bei dem derzeit rund 120 Mitarbeiter auf der Lohnliste stehen, mit seinen Schrumpfscheiben in die Windindustrie eingestiegen. Heute stehen alle führenden Hersteller – von Siemens, General Electric, Vestas, Nordex bis zu Hyundai aus Südkorea – auf der Kundenliste.

„Zu allen Unternehmen haben wir ein besonderes Vertrauensverhältnis, da wir dank der Auslegung der Schrumpfscheiben schon drei, vier Jahre vorher wissen, über welche Leistung ihre künftigen Windenergieanlagen verfügen werden“, lässt Vertriebsleiter Christof Heßling durchblicken. Ganz spannungsfrei ist das Verhältnis dennoch nicht. „Wir spüren den Preisdruck der Hersteller“, sagt Geschäftsführer Stüwe.

Von Preisnachlässen ist der Mittelständler in den letzten Jahren nicht verschont geblieben – und dieser Druck lässt nicht nach. Um weiterhin „High Quality“ liefern zu können, haben die Hattinger jüngst einen sechsstelligen Betrag in einen selbst entwickelten Prüfstand investiert, nach eigenen Angaben der erste Prüfstand für Welle-Nabe-Verbindungen in Europa.

Auf dem Prüfstand können Reibschlussverbindungen zur sicheren Übertragung von Drehmomenten bis 6000 kNm simuliert werden. „Je exakter wir die Schrumpfscheibe überprüfen können, desto eher bekommt der Kunde das Produkt, das er braucht“, erklärt Jan Stüwe. Bislang basierten die Überprüfungen auf Berechnungen und Erfahrungswerten.

Der neue Prüfstand wird nicht im Dauereinsatz sein. „Wir brauchen allein über acht Stunden, um eine Schrumpfscheibe zu verschrauben. Deshalb werden wir nur Prototypen testen“, betont Vertriebsleiter Heßling. Er geht davon aus, dass der Prüfstand etwa zehnmal im Jahr zum Einsatz kommt.

So ganz ungetrübt sind die Zukunftsaussichten für Stüwe im Windsektor, auf den rund 70 % des Umsatzes von rund 30 Mio. € entfallen, derzeit aber nicht. Was mit der Struktur des Windmarkts, aber auch mit den politischen Rahmenbedingungen zusammenhängt.

Für das laufende Jahr erwarten Branchenexperten einen internationalen Zubau von rund 60 000 MW. Mittlerweile entfällt rund die Hälfte der neu installierten Windkraftleistung auf China. „In China, das fest in der Hand einheimischer Hersteller ist, wollen wir nicht produzieren“, sagt Heßling. Die Angst, dass dort das langjährig erworbene Know-how abgekupfert wird, schwingt in seinen Worten mit.

In den USA und Europa scheinen die großen Wachstumssprünge vorbei zu sein. Die Ursachen in Deutschland, mit Abstand wichtigster Windmarkt in Europa, sind der Wechsel des Förderregimes und das Ausbaulimit, das 2016 vom Bundestag beschlossen wurde.

Für dieses Jahr geht die Windbranche noch von einem Rekordwert im Zubau an Land von gut 5000 MW aus. 2019 dürften es noch etwa 2000 MW sein. Erste namhafte Windturbinenhersteller wie Nordex haben bereits die Notbremse gezogen und jüngst für dieses Jahr die Streichung von 500 Stellen angekündigt.

„Uns trifft der Rückgang in der Windbranche gleich doppelt, da die Zahl der neuen Windturbinen auch durch das Repowering zusätzlich sinkt“, sagt Jan Stüwe. Dabei werden teils mehrere kleinere Anlagen durch weniger, aber leistungsstärkere Anlagen ersetzt.

Deshalb setzt der Geschäftsführer für sein Unternehmen auf neue Absatzmöglichkeiten. „Der Prüfstand hilft uns, unsere Produkte besser zu verstehen“, sagt Stüwe. Und das braucht es, um die Schrumpfscheiben für neue Anwendungen optimal anzufertigen, seien es Schiffsgetriebe, Rührwerke, Zementmühlen – oder Seilbahnen.

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