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Samstag, 20. Januar 2018

Automatisierung

Teilen und mehren

Von Johannes Winterhagen | 12. Oktober 2017 | Ausgabe 41

Stefan Pollmeier, Inhaber des gleichnamigen Antriebsspezialisten aus Südhessen, arbeitet intensiv an Industrie-4.0-Standards mit.

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Foto: ESR Pollmeier

Systemprüfung: An Arbeitsplätzen wie diesem werden die Servoantriebe montiert, geprüft und bei Bedarf repariert.

Kurz vor dem Ortsende von Modau, einem Ortsteil des südhessischen Ober-Ramstadt, steht ein unscheinbares, grün gestrichenes Gebäude zwischen Einfamilienhäusern. Inmitten des bullerbüartigen Idylls wird an der Zukunft gearbeitet, an der industriellen Zukunft. Hier arbeitet Stefan Pollmeier, geschäftsführender Gesellschafter der 1969 gegründeten ESR Pollmeier GmbH. ESR steht für elektronische Steuer- und Regeltechnik. Das ist der Kern der Idee, mit der sich Pollmeiers Vater selbstständig gemacht hat, zu einer Zeit, als die Mikroelektronik allmählich reif wurde für erste industrielle Anwendungen.

Die ESR Pollmeier GmbH

Heutzutage liefert ESR nicht nur Servosteuerungen, sondern komplette Antriebe, sowohl für lineare als auch für rotatorische Bewegungen. Die Lösungen sind immer dann gefragt, wenn es darum geht, Bewegungen besonders feinfühlig und präzise auszuführen – etwa um in einer vollautomatisierten Fertigung die Deckel auf Zahnpastatuben zu schrauben oder die Platten der Strahlkühlung in einem Teilchenbeschleuniger exakt zu positionieren.

Entwickelt werden solche Lösungen im eigenen Haus; bestückt werden die Platinen bei einem Auftragsfertiger. Die Elektromotoren, aufgrund der Leistungsdichte stets permanentmagneterregte Synchronmaschinen, werden bei Qualitätsanbietern aus dem deutschen Sprachraum zugekauft und teilweise auf spezielle Anwendungen angepasst. Endmontage der Antriebe und Aufspielen der Software erfolgen im eigenen Betrieb, der rund 30 Mitarbeiter beschäftigt.

Foto: Johannes Winterhagen

Stefan Pollmeier treibt mit seiner ESR Pollmeier GmbH die Digitalisierung in der Antriebstechnik voran.

So könnte es weitergehen, bei ESR, genauso wie in anderen Betrieben der überwiegend mittelständisch geprägten Automatisierungsbranche. Doch seit 2012 herrscht Unruhe. „Industrie 4.0“, die digital vernetzte Steuerung der Produktion, beschäftigt nicht nur die Firmen, auch Verbände und Politiker sind längst eingebunden. Von Anfang an beteiligt sich Stefan Pollmeier an der Diskussion über die Zukunft der Produktion, arbeitet in Gremien des Elektrotechnikverbands ZVEI mit, sitzt in Steuerungskreisen neben Managern von Großunternehmen wie Siemens. „Ob man den Begriff Industrie 4.0 mag oder nicht, Digitalisierung und Vernetzung werden voranschreiten“, sagt er. „Für ein kleines Unternehmen wie uns ist es extrem wichtig, auf der Höhe der Zeit zu bleiben.“ Rechtzeitig die richtigen Produkte zu entwickeln, sei eine Überlebensfrage. Anders als so mancher Konzern kann ESR nicht zehn Produkte entwickeln, von denen nur eines marktreif wird. „Durch den ständigen Austausch in verschiedenen Konstellationen vermeiden wir Fehlentwicklungen“, so Pollmeier.

Langfristig, zeigt sich der Firmenchef überzeugt, verändere die Digitalisierung den kompletten Produktlebenszyklus seiner Antriebe. Schon die Entwicklungsdaten – etwa zur funktionalen Sicherheit eines Antriebes – würden digital zur Verfügung gestellt. Dadurch kann die Entwicklung beim Kunden beschleunigt werden, da dieser die Anlagensoftware schon erarbeiten und testen kann, wenn der physische Antrieb noch nicht ausgeliefert ist. Während des Betriebes würden permanent alle Betriebsdaten ausgewertet, um Rückschlüsse auf den Zustand der Anlage und damit Konzepte zur vorausschauenden Wartung zu ermöglichen. Die Fähigkeit, bestimmte Daten liefern zu können, würde zunehmend nachgefragt – und eines Tages eventuell sogar gefordert. Aber, so Pollmeier, Hardwarekompetenz sei bei Industriesteuerungen nach wie vor gefragt. „Wir setzen zum Beispiel auf kompakte Geräte, die trotzdem mit höheren Endstufenschaltfrequenzen arbeiten können.“ Auch die akustischen Eigenschaften der Antriebe seien wichtig, etwa beim Einsatz auf Prüfständen im Laborumfeld.

Um das Zusammenspiel von Anwendern und Anbietern von Maschinen und Automatisierungskomponenten zu ermöglichen, ist Standardisierung unabdingbar. Ein Grund dafür ist das Zusammenwachsen der klassischen Automatisierungstechnik, die weitgehend durch Industrienormen abgedeckt ist, mit der Informationstechnik. „Dabei geht es zum Teil auch darum, Begriffe eindeutig zu definieren“, erläutert Pollmeier und nennt das Beispiel Echtzeit: „Wenn der Maßstab der IT noch erfüllt wird, ist das Werkzeug in der Produktion eventuell schon zerstört.“ Normen und Standards sind die Voraussetzung dafür, dass Industrie 4.0 in der Breite gelebt werden kann. Wo immer solche Standards entwickelt werden, versucht der Unternehmer sich durch direkte Mitarbeit in den definierenden Gremien einzubringen oder zumindest die Entwicklung zu verfolgen und zu kommentieren. So arbeitete er an RAMI 4.0 mit, der von der Plattform Industrie 4.0 entwickelten Referenzarchitektur. „RAMI war ein wichtiger Schritt für die ganze Branche“, sagt Pollmeier. „Die Architektur erlaubt es, die unterschiedlichen Sichtweisen von Betreiber, Hersteller und Komponentenlieferanten zu vereinigen.“ Man habe eine begriffliche Landkarte geschaffen, an der sich alle Beteiligten orientieren können.

Folien und Papiere reichen Pollmeier jedoch nicht. Gemeinsam mit dem Mittelstand-4.0-Kompetenzzentrum Darmstadt und der IHK will er die duale Mechatronikerausbildung verbessern. Dazu ließ er von einem Masterstudenten im eigenen Betrieb einen Demonstrator entwickeln, mit dem wesentliche Merkmale vermittelt werden können.

Wann Industrie 4.0 Wirklichkeit wird, will Pollmeier nicht pauschal beantworten. Das hänge stark von den jeweiligen Anforderungen ab. Schon heute sind viele ESR-Antriebe nach seiner Angabe „Industrie 4.0 ready“, allerdings mit Einschränkungen. In zehn Jahren hingegen sei von einer vollständigen Umsetzung auszugehen – doch bis dahin sind noch einige Fragen zu klären, etwa hinsichtlich der Strukturen für die IT-Sicherheit. „Auch das geht nur in einem branchenübergreifenden Miteinander“, sagt Pollmeier. Und vermutlich mit vielen langen Abstimmungssitzungen.

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