Passwort vergessen?  |  Anmelden
 |  Passwort vergessen?  |  Anmelden
Suche

Donnerstag, 21. Februar 2019

Intralogistik

Tradition und „familiärer Geist“

Von Rolf Müller-Wondorf | 16. November 2017 | Ausgabe 46

Mit Förder- und Verpackungstechnik sowie mit Sortiersystemen besteht das Familienunternehmen Beumer auf dem Weltmarkt.

Beumler_Aus den Unternehmen (6)
Foto: Beumer

Die Wurzeln: An der Oelder Straße gründete Bernhard Beumer 1935 sein Maschinenbauunternehmen, das klassische Fördertechnik produzierte.

Im westfälischen Beckum liegt das angestammte Firmengelände der Beumer Group. Die unmittelbare Nähe zur Zementstraße deutet darauf hin, wo das Unternehmen ursprünglich herkommt – aus der Baustoff- und Zementindustrie. Heute präsentiert sich der Maschinen- und Anlagenbauer als moderner, global aufgestellter Anbieter von Logistiklösungen. Seit dem Jahr 2000 führt Christoph Beumer, der Enkel des Firmengründers, die Geschäfte. Von seinem lichtdurchfluteten Büro im oberen Stockwerk der architektonisch ansprechend gestalteten Unternehmenszentrale aus, behält der promovierte Maschinenbauer den Überblick und – mehr noch – entwickelt Visionen für die Zukunft seiner Unternehmensgruppe. Dazu nutzt er unter anderem Kontakte in die Berliner Gründerszene. „Es ist erstaunlich, auf welche Ideen die jungen Menschen kommen, wenn man ihnen Vertrauen schenkt und sie einfach mal machen lässt“, verrät Beumer. Die Zusammenarbeit habe bereits viele neue Denkansätze für künftige Geschäftsmodelle hervorgebracht.

Beumer Maschinenfabrik GmbH & Co. KG

Ansonsten aber ist der Firmenchef bodenständig geblieben: „Für den Erfolg ist maßgeblich der familiäre Geist verantwortlich. An unseren Wahlspruch – wir wollen den langfristigen Erfolg und nicht den kurzfristigen Gewinn – haben wir uns bis heute konsequent gehalten.“ Den langfristigen Erfolg des Unternehmens sichert Beumer durch kontrolliertes Wachstum, ein breites Angebotsspektrum und die globale Aufstellung. Deren Anlagen und Systeme sind in allen Teilen der Welt im Einsatz. Dazu treibt die Unternehmensgruppe ihre Internationalisierung voran und gründet Gruppengesellschaften, in China und in Thailand sogar Produktionsstandorte. Das Unternehmen ist dadurch in den vergangenen Jahren organisch sehr stabil gewachsen. Unerschrocken von der aufziehenden Finanz- und Weltwirtschaftskrise, übernahm Beumer 2009 den dänischen Sortiertechnikspezialisten Crisplant, später andere Unternehmen in Indien, den USA und Belgien.

Foto: Beumer

Christoph Beumer: „Wir wollen den langfristigen Erfolg und nicht den kurzfristigen Gewinn.“

Hunderttausende Koffer an Flughäfen in Frankfurt, London, Peking, Singapur und in aller Welt gehen inzwischen täglich über Gepäckanlagen von Beumer. Tausende Pakete laufen jeden Tag über Transportbänder des Intralogistikspezialisten in Paketzentren nahezu aller großen Kurier- und Paketdienstleister. Mit der Übernahme der indischen Enexco Technologies, Hersteller von Mahlanlagen und Packmaschinen für die Zementindustrie, hat Beumer seine Präsenz in wichtigen Märkten gestärkt und gleichzeitig sein Portfolio systematisch ausgeweitet, ohne die angestammten Segmente zu verlassen.

Und die Integration der doch sehr verschiedenen Kulturen? Diese sieht der Geschäftsführer als Chance, voneinander zu lernen. „Wir wollen ein Arbeitsumfeld schaffen, in dem jeder die Individualität des anderen respektiert“, betont Beumer. Und weil die lokalen Mitarbeiter in den Gruppengesellschaften die gleiche Sprache wie die Kunden sprechen, fühlen diese sich verstanden. Das schafft Kundenbindung.

„Ich betrachte das Unternehmen als ein kleines Schmuckkästchen“, erklärt Beumer. „Mein Großvater hat es gegründet – damals war es zuerst nur ein Holzkästchen. Er hat es etwas mit Samt ausgekleidet. So hat er das Unternehmen dann an die zweite Generation weitergegeben. Diese hat wieder ein wenig mehr hineingetan und es schöner gemacht.“ In dieser Tradition wurde das Schmuckkästchen schließlich an ihn übergeben. Derjenige, der dieses Schmuckkästchen erhält, hat einzig die Aufgabe, es zu verwahren, zu erhalten und, wenn möglich, immer ein bisschen schöner zu machen – in keinem Fall darf er es verbrauchen. „Es wird zwar ein Unternehmen vererbt, in erster Linie aber Verantwortung übertragen“, betont Beumer und erinnert damit an die lange Tradition des Familienunternehmens.

Eine Tradition, die am 9. 12. 1935 begann. An diesem Tag startet der 33-jährige Unternehmer Bernhard Beumer mit vier Mitarbeitern in die Selbstständigkeit. Bisher hat er bei einem Essener Unternehmen in der Fördertechnik gearbeitet. Sein wichtigstes Gründungskapital ist neben Mut und Entschlossenheit vor allem der Erfahrungsschatz aus seinen bisherigen Tätigkeiten: Zunächst als Reparaturschlosser, danach im Bergbau, anschließend folgt ein Ingenieurstudium. Die Idee, auf eigenen unternehmerischen Beinen zu stehen, beschäftigt ihn schon länger. Als in seiner Heimatstadt Beckum eine leer stehende Fabrik zu erwerben ist, greift er zu. Der Grundstein seiner Geschäftsaktivitäten ist die klassische Fördertechnik. Dazu bringt er die ersten Aufträge aus der Baustoff- und Zementindustrie und auch aus dem Bergbau mit.

Als entscheidender Schritt für den Erfolg der Beumer Fördertechnik erweist sich seine Entwicklung der Tragrolle mit Labyrinthdichtung. Diese Innovation lässt sich der Firmengründer patentieren und integriert sie in weitere Produkte.

Aus der Tragrolle leitet er auch das noch heute bestehende Firmenzeichen ab: Der Kreis stellt das Rohr der Tragrolle im Querschnitt dar, der Pfeil steht für die Tragrollenachse und deren Laufrichtung.

Die Firma wächst. Bis zum Ausbruch des zweiten Weltkriegs sind bereits etwa 100 Mitarbeiter beschäftigt. Sein Sohn, Bernhard Beumer jun., baut das Unternehmen weiter aus. In den 1960er-Jahren legt er die Grundlagen für kurvengängige Bandanlagen. Heute zählt Beumer bei diesen Anlagen zu den globalen Technologieführern .

Eine eindrucksvolle Referenz ist die 2008 gebaute, 12,5 km lange Muldengurtförderanlage in der chinesischen Provinz Sichuan, die pro Stunde rund 2200 t Kalkstein vom Steinbruch ins Zementwerk transportiert. Die Anlage überbrückt insgesamt 1,5 km Wasserfläche, große Bambuswälder und überwindet auch auf kurzen Distanzen Höhenunterschiede von bis zu 100 m. Inzwischen ist die Anlage sogar auf 25 km erweitert worden.