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Samstag, 16. Februar 2019

Stromnetze

Ungenutztes Potenzial

Von Heinz Wraneschitz | 20. Oktober 2016 | Ausgabe 42

Der Ausbau der Übertragungsnetze steht derzeit im Zentrum der Energiewende. Aber ein Verteilnetzausbau könnte manch teure Leitung überflüssig machen.

w - Zelluläre Netze BU
Foto: Rainer Weisfolg

Der Netzausbau wird bundesweit vor allem auf Basis der Höchstspannungsnetze geplant und diskutiert. Potenziale des Verteilnetzes spielen dabei bislang kaum eine Rolle.

Verteilnetze seien das Herzstück der Energiewende, heißt es oft, „doch wer weiß das schon?“, fragt Katherina Reiche, Hauptgeschäftsführerin des VKU, des Verbands Kommunaler Unternehmen, besser bekannt als Stadtwerke. Das bewusst zu machen, nennt sie ihre große Aufgabe, denn in den letzten zwei Jahren drehte sich die Diskussion – gerade in Bayern – vor allem um eine Frage: Wie soll der Ausbau der großen Stromtrassen auf Basis von Höchstspannungsgleichstromübertragung, kurz HGÜ, erfolgen – als Freileitung oder per Erdkabel?

Josef Hasler, Chef des Nürnberger Regionalversorgers N-ergie, kritisiert, dass „keine Diskussion darüber stattfindet, wie viele Übertragungsnetze wir brauchen“. Denn nicht in diese würde die größte Menge Ökostroms in Deutschland eingespeist, der als Begründung für den HGÜ-Ausbau diene: Nein, zu 97 % flössen Wind-, Solar- und Biostrom in die Verteilnetze der VKU-Mitgliedsunternehmen.

Foto: Heinz Wraneschitz

„Es ist schlimm, dass keine Diskussion darüber stattfindet, wie viele Übertragungsnetze wir brauchen.“ Josef Hasler, Vorstandsvorsitzender N-ergie, Nürnberg.

Genau dazu hatte der VDE (Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik) bereits 2015 die Studie „Der Zellulare Ansatz“ veröffentlicht: 45 % der geplanten HGÜ-Trassen könnten danach überflüssig sein. Dafür müssten jedoch auf regionaler Ebene die verschiedenen Energiequellen zu Zellen verschaltet und Speicher genutzt werden (s. VDI nachrichten, 27/2015).

Eine neue Studie der Prognos AG und der Uni Erlangen im Auftrag der N-ergie, deren Ergebnisse letzte Woche vorgestellt wurden, konkretisiert den VDE-Ansatz. Die Frage des Nürnberger Versorgers an die Forscher war: „Was würde passieren, wenn erneuerbare Stromerzeugung nicht nur strikt im Norden, sondern auch im Süden gebaut würde?“ Hasler zufolge ermittelte das Rechenmodell der Universität Erlangen, das für die Studie benutzt wurde, beim dezentralen Ansatz „1,7 Mrd. € Wohlfahrtsgewinne jährlich und zudem eine Halbierung des HGÜ-Ausbaus“.

Prognos-Projektleiter Frank Peter kritisiert vor allem das „Sammelsurium von Annahmen, das zu 15 HGÜ-Trassen in vier Trassen des Netzentwicklungsplan (NEP) des Bundes geführt hat“. Das Credo des NEP – „der Netzausbau ist zentraler Baustein der Energiewende“ – sei eine „argumentative Sackgasse“, so Peter. Er begründet das mit dem „gesellschaftlichen Akzeptanzproblem von Leitungen und der Kostensteigerung plus Verzögerung durch Erdverkabelung“.

Fest steht: Die vier Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) stehen hinter den neuen Leitungen. Leider lege das aktuelle Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) nicht fest, wo die Ökostromanlagen errichtet werden müssten, kritisiert Veronika Grimm, Lehrstuhlinhaberin für Volkswirtschaftslehre des Energie-Campus der Universität Erlangen: „Das Hauptproblem am Szenariorahmen des Bundes: Hier ist der Ausbau von Erzeugung festgelegt, aber nicht die Nachfragesituation und die Produktionskosten an den jeweiligen Orten. Was gebaut wird und was es kostet, entscheidet jeder Investor selbst.“

 „Nicht alle Probleme sollten durch Netzausbau gelöst werden“, mahnten daher die Studienpartner und ihr Auftraggeber N-ergie letzte Woche. Doch bisher dringt ihre Stimme nicht zu den Gesetzesmachern durch, obwohl der HGÜ-Ausbau in den letzten Jahren gerade in Bayern heftig diskutiert wurde.

Seit der Münchner Ministerpräsident Horst Seehofer sein Nein zum HGÜ-Ausbau in ein Ja zur Erdverkabelung gewandelt hat, sind die Proteste seitens der Landesregierung aber abgeebbt. Nur: Auf jeden Fall brauchen die Industriestandorte im Südosten und Südwesten Bayerns eine sichere Stromversorgung, wenn Ende 2022 die letzten Kernkraftwerke (KKW) vom Netz gegangen sein werden: 30 % „Kapazitätslücke“ wären durch Import in der Nach-KKW-Zeit zu füllen, hat Landesenergieministerin Ilse Aigner errechnen lassen.

Die Bundesnetzagentur geht „davon aus, dass die Leitungen im Jahr 2025 fertiggestellt sind. Bis dahin werden die fehlenden Netze mit kostspieligen Netz- und Systemsicherheitsmaßnahmen überbrückt“, schreibt die Agentur auf Nachfrage. Grundsätzlich nimmt die Behörde in Bonn an, dass insbesondere die großen Stromleitungen SuedLink und SuedOstLink notwendig seien, „um den im Norden und Osten erzeugten Strom aus erneuerbaren Energien in den verbrauchsstarken Süden nach Bayern zu transportieren“.

Die Agentur zieht den „zellulären Ansatz“ des VDE aktuell nicht in Betracht. „Ein direkter Einfluss auf die kurz- bis mittelfristige Entwicklung der Energiewirtschaft in Deutschland ist nicht erkennbar, weswegen er für die Erstellung des Szenariorahmens 2017 bis 2030 und des Netzentwicklungsplans 2017 bis 2030 keine Bedeutung hat“, so die Bonner auf Nachfrage.

Markus Lieberknecht, Pressesprecher des Übertragungsnetzbetreibers Tennet, verweist am Beispiel des „Netzausbaus Onshore Süd“ auf den per Gesetz vorgegebenen Ablauf: Die Übertragungsnetzbetreiber berechneten den Bedarfsplan 2030 und legten ihn der Agentur vor. „Die lässt von der TU Graz nachrechnen und macht daraus den Netzentwicklungsplan.“ Spielraum für Alternativszenarien sind dabei nicht vorgesehen.