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Donnerstag, 21. März 2019

Windkraft

Unterm Radar

Von Ralf Köpke | 21. Februar 2019 | Ausgabe 08

Wer hierzulande ein neues Windrad bauen will, muss an Ausschreibungen teilnehmen. Eigentlich. Für Anlagen mit 750 kW und weniger gilt das nicht.

S1 UA Windkraft (2)
Foto: EWT

Vor allem im Ausland, wie hier bei einer Kläranlage im englischen Fleetwood, sind die kleinen Windräder schon im Einsatz.

Clemens Pohlkemper hat sich in den letzten Jahren öfters geärgert. Und zwar immer dann, wenn der Landwirt von seinem Hof auf den gegenüberliegenden Schöppinger Berg blickte. Auf der für das westliche Münsterland mit etwa 150 m beachtlichen Anhöhe sind seit knapp zwei Jahrzehnten 14 Windenergieanlagen in Betrieb.

„Den Wunsch, eine eigene Windturbine zu betreiben, hat es bei mir seitdem ununterbrochen gegeben“, erzählt der Hähnchen- und Schweinemäster. Sein Problem: Seine Grundstücke liegen außerhalb der für die Windkraftnutzung vorgesehenen Konzentrationszonen.

Die Lösung: Im vergangenen Spätherbst knackte Pohlkemper das Problem, indem er einen hierzulande noch neuen Windturbinentyp errichtetete: eine DW61-750kW des niederländischen Herstellers Emergya Wind Technologies B.V. (EWT).

Unter den gängigen Großturbinen dürfte die EWT-Anlage mit einer Leistung von nur 750 kW mit Abstand die kleinste sein. „Mit unserem Portfolio setzen wir bewusst auf die Sub-Megawattklasse, auch wenn das ein Nischenmarkt ist“, betont Vertriebsleiter Bas Hoogeveen.

Foto: Enercon GmbH/

Windkraftanlagen unter 1 MW Nennleistung vertreibt der deutsche Marktführer Enercon vor allem im Ausland. Im Bild die Baureihe E-53 mit 800 kW.

Unter den führenden Windenergie-Anlagenherstellern, die in Europa tätig sind, ist in dieser Größenklasse nur noch Enercon mit 800-kW-Anlagen vertreten. In dieser Leistungsklasse hat der ostfriesische Windturbinenhersteller im vergangenen Jahr in Deutschland nach eigenen Angaben nur zwei Anlagen verkauft. „Die Zielmärkte für diese kleine Anlagengröße liegt ganz klar im internationalen Bereich“, heißt es am Firmensitz in Aurich.

Hoogeveen ist froh, dass die bundesweit erste EWT-Anlage endlich in Betrieb ist. Von dem Referenzprojekt in Schöppingen verspricht sich der kleine Windturbinenhersteller aus den Niederlanden weitere Aufträge in Deutschland – und zwar aus zwei Gründen: Mit einer Leistung von 750 kW liegen die EWT-Anlagen gerade unter dem Schwellenwert, der sie zur Teilnahme an den seit gut zwei Jahren üblichen Ausschreibungen verpflichtet. Diese „kleineren“ Anlagen erhalten stattdessen für den eingespeisten Windstrom eine feste Vergütung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz.

Planungsrechtlich sind Windturbinen der Sub-Megawattklasse durchaus im Vorteil, da sie auch außerhalb von ausgewiesenen Konzentrationszonen gebaut werden können. Die Voraussetzung dafür ist

allerdings, dass die Anlage nahe an einer sogenannten privilegierten Einrichtung wie einem Landwirtschaftsbetrieb als untergeordnete Nebenanlage genehmigt wird und deren Betreiber mehr als 50 % des erzeugten Windstroms selbst verbraucht. Was bei Clemens Pohlkemper auf seinem Hähnchen- und Schweinemastbetrieb der Fall ist.

Den Windstrom nutzt der Westfale für die Kühlung, Beleuchtung und Lüftung der Ställe, spätestens Ende dieses Jahres will er auch alle Hofgebäude mit dem Ökostrom beheizen. „Die Genehmigungsbehörde im Kreis Borken hat sich sehr kulant gezeigt und mir für den Umbau unserer Heizungsanlagen ein Jahr Zeit eingeräumt“, sagt Pohlkemper.

Er hofft, dass sich seine Investition in gut zwölf Jahren amortisiert hat – vorausgesetzt, der Wind lässt ihn nicht im Stich. Nach den Berechnungen soll die EWT-Anlage jährlich gut 1,8 Mio. kWh erzeugen. Um künftig nicht vom Windstrom allein bei der Energieversorgung abhängig zu sein, baut der Landwirt seine Gasthermen aber nicht ab.

Wer diese Möglichkeit nutzen will, muss aber wissen: Das Genehmigungsverfahren für die kleine EWT-Anlage ist genauso aufwendig und zeitraubend wie für die weitaus leistungsstärkeren Windturbinen.

Heinz Thier weiß um diese Klippen. Unabhängig davon zeigt sich der Geschäftsführer der BBWind Projektierungsgesellschaft, die insbesondere bäuerliche Klientel zu ihrem Kundenstamm zählt, von der EWT-Anlage angetan: „Das ist eine sehr interessante Maschine, die ich mir auf so manchen Höfen wegen der Option der Eigenstromnutzung gut vorstellen kann.“

Deshalb werde BBWind die Anlage auch in das „eigene Portfolio aufnehmen“, sprich, neben den Modellen bekannter Windschmieden künftig die EWT-Maschine bei neuen Projekten – wo es Sinn macht – den potenziellen Betreibern anbieten.

Was für EWT fast so etwas wie ein Ritterschlag ist. Über BBWind dürfte das EWT-Team einen einfacheren Zugang zu Landwirten bekommen. Denn Energiewirte wie Clemens Pohlkemper, deren Stromverbrauch zwischen jährlich 1 Mio. kWh und 5 Mio. kWh liegt, stehen bei EWT für das anlaufende Deutschlandgeschäft im Fokus: „Um große Teile des Eigenverbrauchs zu decken, ist unsere Anlage nicht nur für die Landwirtschaft geeignet, sondern beispielsweise auch für Kühlhäuser, Gartenbaubetriebe oder kleinere und mittelständische Unternehmen aus der Metallbranche“, sagt EWT-Vertriebsleiter Hoogeveen.

Auf die gleiche Kundengruppe zielt auch die B.Ventus GmbH ab, die auf der Essener Energieleitmesse E-World Anfang Februar ihre neue Kleinwindanlage mit 250 kW Leistung vorgestellt hat. B.Ventus ist als hauseigenes Start-up im Eon-Konzern entstanden. Der Energiekonzern, der weiterhin mit 30 % an dem jungen Unternehmen beteiligt ist, hat hierzulande auch den exklusiven Vertrieb der auf eine maximale Gesamthöhe von 50 m ausgelegten Anlage übernommen.

„Das ist ein geiles Produkt“, sagte Eon-Geschäftsführer Otmar Zisler bei der Präsentation auf der Messe, „für uns zählt auch Kleinwind zu den Bausteinen für eine zunehmend dezentralere Energieversorgung“. Mit der neuen Kleinwindanlage schließe Eon eine Lücke im regenerativen B2B-Angebot.

Mit ebenfalls 30 % ist neben Eon auch die Leitner AG an B.Ventus beteiligt. Das Südtiroler Unternehmen ist nicht nur für seine Seilbahnen bekannt, sondern auch – in geringerem Masse – für seine Windturbinen. Für seine Kleinwindanlagen greift B.Ventus, deren bundesweite erste Anlage Mitte März in Schleswig-Holstein offiziell in Betrieb geht, auf die getriebelose Antriebstechnik von Leitner zurück.

Wettbewerb im mittelgroßen Kleinwindsegment: Nach Worten von EWT-Vertriebsleiter Hoogeveen haben die Niederländer derzeit an die 30 Genehmigungsanträge gestellt: „Wir werden sicherlich nicht für jeden Antrag grünes Licht bekommen, wollen uns aber mit unserem dezentralen Ansatz auf dem deutschen Markt etablieren.“

Kennern der Windbranche dürfte das Design der EWT-Anlagen bekannt vorkommen, ähnelt es doch mit dem wuchtigen Ringgenerator hinter dem Rotor dem Erfolgsmodell E-40 von Enercon. Sowohl EWT als auch Enercon setzen beide auf die getriebelose Antriebstechnik. Was kein Zufall ist: Denn EWT hatte 2004 die Patente für die 750-kW-Anlage aus der Konkursmasse von Lagerwey und seinem Gründer Henk Lagerwey übernommen. Bis heute hat EWT gut 600 seiner Sub-Megawattanlagen in der Leistungsklasse zwischen 500 kW und 900 kW verkaufen können, mehr als die Hälfte davon in Großbritannien.

Die Nachfolgefirma von Henk Lagerwey hatte der deutsche Marktführer Enercon Ende 2017 komplett übernommen. Nicht die einzige Schnittmenge zwischen Enercon und EWT. Der deutsche Marktführer hat sich bei der Entwicklung seiner neuen Plattform für 4-MW-Anlagen aus Kostengründen von der eiförmigen Gondel verabschiedet und ist weitestgehend zum Design aus E-40-Tagen zurückgekehrt.

„Was wir durchaus positiv bewerten“, sagt EWT-Vertriebsleiter Hoogeveen, „denn das zeigt uns, dass wir mit unserem Technologieansatz ganz richtig liegen.“ Was auch als Qualitätsversprechen gegenüber künftigen EWT-Windmüllern zu verstehen ist.