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Sonntag, 21. Januar 2018

Rekultivierung

Vietnams Energiepläne

Von Ralph H. Ahrens | 16. November 2017 | Ausgabe 46

Vietnam will bis 2050 klimaneutral sein. Dazu könnte ein Projekt zur Bioethanolherstellung mit deutscher Beteiligung beitragen.

Vietnam Werk
Foto: Ralph H. Ahrens

Zwischen Futtergras und Akazien hindurch öffnet sich der Blick auf die Gebäude der Firma Masan, wo die Erze aufgearbeitet werden.

Eine Energiewende kann schon mal an unerwarteten Orten beginnen – etwa in der weltweit größten Wolframmine Nui Phao im Norden Vietnams. Auf der 1 ha großen Abraumhalde wurde 2016 ein halber Meter Erde aufgeschüttet. Jetzt wachsen dort Akazien, Cassava (Maniok) sowie ein in Vietnam gezüchtetes Futtergras. Landwirte aus der Nachbarschaft pflegen das Versuchsfeld.

Energiepolitisches Konzept für Vietnam

Die Idee, auf Brachland aus dem Bergbau und Kohleabbau Pflanzen zu ziehen, stammt aus Deutschland. „Wir testen seit 2016 an drei Standorten, welche Pflanzen wo am besten wachsen“, erläutert Michael Zschiesche, Geschäftsführer des Unabhängigen Instituts für Umweltfragen (UfU) in Berlin. Das Konzept dafür entwickelte UfU gemeinsam mit dem Altlastengutachterbüro MSP in Bochum.

„Uns geht es um Energiepflanzen“, sagt Zschiesche. Damit will man zeigen, dass es neben der Nutzung fossiler Energieträger auch nachhaltige und wirtschaftlich funktionierende Wertschöpfungsketten gibt. Dabei verfolgt das UfU drei Ansätze, die Bausteine einer Energiewende in Vietnam sein können: die Herstellung von Bioethanol aus stärkehaltigen Knollen der Cassava oder aus den Halmen der Zuckerhirse; das Verfeuern von Holz schnell wachsender Bäume wie Akazien in Biomassekraftwerken; oder die Erzeugung von Biogas mit dem Dung von Vieh, das mit dem Futtergras aufgezogen wurde. Da die Böden oft schwermetallbelastet sind, werden sie teils vorsorglich gekalkt, um die Schwermetallaufnahme der Pflanzen zu verringern.

Foto: Ralph H. Ahrens

Kostenlose Ernte: Ein Landwirt trägt ein dickes Bündel Futtergras, das auf der Abraumhalde gezogen wurde.

Ein zweites Versuchsfeld liegt inmitten eines Steinkohletagebaus neben der bei Touristen beliebten Ha-Long-Bucht. Der Boden dort enthält nur wenige Nährstoffe, starke Regenfälle und Stürme befördern zudem die Erosion. „Wir testen dort robuste Akazien mit dem Ziel, Kurzumtriebsplantagen zu etablieren“, erklärt Sebastian Weiland, UfU-Mitarbeiter in Hanoi. Das dritte Feld im Süden liegt in einer Bauxitmine. Hier seien die Bodenbedingungen am besten, sagt Weiland. Während Landwirte in der Wolframmine das Futtergras „nur“ viermal jährlich ernten, gelinge dies dort sogar siebenmal.

Aktuell braucht das Land am südchinesischen Meer viel Bioethanol. Denn die stellvertretende Premierministerin Trinh Dình Dung hatte im Mai angekündigt, dass Tankstellen ab 2018 nur noch sogenanntes E5-Benzin mit 5 % Bioethanol verkaufen dürfen – eine Zumischung, die in der EU weit verbreitet ist, ohne dass dies gekennzeichnet wird.

Die Zeitvorgabe der Regierung sei zwar unrealistisch, doch Weiland freut es, dass Finanz- und Industrieministerium gemeinsam einen Förderplan entwickelt haben: E5-Benzin soll niedriger besteuert, Bioethanol steuerfrei aus den Philippinen eingeführt und der heimische Anbau stärke- und zuckerhaltiger Pflanzen ausgeweitet werden. Auch auf nicht genutzten Brachflächen, hofft Weiland. Die Regierung geht zudem davon aus, dass mehr als zwei Unternehmen Bioethanol aus Stärke oder Zucker herstellen.

Große Akzeptanzprobleme für E5-Benzin sieht Weiland nicht. Die Regierung hatte bereits fünf Städte – u.a. Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt – sowie zwei Provinzen verpflichtet, den Kraftstoff bis 2014 einzuführen. Doch das Projekt scheiterte, weil u. a. Benzin mit und ohne Biosprit jeweils gleich besteuert wurde und zu wenig stärke- oder zuckerhaltige Pflanzen für die Bioethanolherstellung verfügbar waren.

Eine Ausnahme ist die Provinz Quang Nam in der Landesmitte. Sie nahm freiwillig am E5-Projekt teil – und zwar mit Erfolg, denn dort verkaufen alle Tankstellen E5-Benzin. Dessen Marktanteil liegt bei 80 %. Ein Grund für das Engagement war, dass eine der beiden Bioethanolanlagen hier läuft.

Mehr Biomasse zu nutzen, macht Vietnam aber nicht gleich klimafreundlich. Es droht sogar das Gegenteil: Die dortige Einheitsregierung setzt auf mehr Steinkohle. Zurzeit decken 27 Kohlekraftwerksblöcke an 19 Standorten gut ein Drittel des Strombedarfs. Bis 2030 sollen mehr als 35 neue gebaut werden. Diese dann über 65 Blöcke an mehr als 35 Standorten würden gut die Hälfte des Bedarfs decken. Die Regierung will so den enormen Energiehunger stillen: Bei einem Wirtschaftswachstum von jährlich 7 % soll sich der Energiebedarf bis 2030 verdreifachen. So jedenfalls steht es im aktuellen siebten Zehnjahres-Energieentwicklungsplan.

Doch es regt sich Widerstand – etwa in Teilen der Wirtschaft: Shrimp-Farmer im Mekong-Delta fürchten um die Wasserqualität des Flusses. Und in der Tourismusbranche wird geargwöhnt, Urlaubsgebiete könnten durch den Kraftwerksausbau unattraktiv werden. Bereits heute fahren Touristen auf dem Weg zur Ha-Long-Bucht im Norden an zwei Kohlekraftwerken vorbei.

Auch hochrangige Politiker äußern sich inzwischen zurückhaltend: Ministerpräsident Nguyen Xuan Phuc will den Bau von Kohlekraftwerken im Mekong-Delta begrenzen. Und für Industrieminister Nguyen Chi Dung muss der neue Energieentwicklungsplan nachhaltiger sein. Regierungsvertreter verkündeten zudem bereits 2016 auf der Vertragsstaatenkonferenz zum Klimarahmenabkommen, das Land wolle bis 2050 klimaneutral sein.

Dabei hat Vietnam enormes Potenzial für Erneuerbare. Windgeschwindigkeiten von bis zu 8 m/s bieten gute Bedingungen für Windparks an der 3000 km langen Küste. Ein erster Park liefert seit 2016 Strom. Weitere sind in Planung. Auch deutsche Firmen können mitmischen: so wie Enercon in Aurich, die nächstes Jahr Windräder für zwei Windparks liefern wird. Eingespeister Windstrom wird mit 7,8 US-ct/kWh vergütet.

Auch Photovoltaikanlagen könnten die Abhängigkeit von der Kohle senken. Investoren haben bereits Anlagen mit einer Kapazität von 10 000 MW beim Industrieministerium angemeldet, seit im Sommer eine Einspeisevergütung von 9,35 US-ct/kWh gezahlt wird. Dabei übersteigt die Kapazität jene 6000 MW, die die Regierung bis 2030 prognostiziert hat, bereits deutlich.

Organisationen wie GreenID (Green Innovation and Development Centre), die sich um mehr Nachhaltigkeit in Vietnam bemühen, sind zuversichtlich, dass sich erneuerbare Energiequellen allmählich etablieren (s. Interview li.). Und sie hoffen, dass die Regierung im kommenden Zehnjahres-Energieentwicklungsplan einen deutlich größeren Anteil an erneuerbarer Energieversorgung verankert. Diesen Plan will die Regierung 2020 bekannt geben. Die Diskussion um die Ausrichtung der Energiepolitik hat also begonnen.

Zurück zur Wolframmine: Die grüne Abraumhalde bringt nur Vorteile. Craig Bradshaw, Geschäftsführer des Minenbetreibers Masan, ist begeistert: „Trotz der starken Regenfälle im August gab es keine Erosion von der Abraumhalde.“

Das Unternehmen hat das Futtergras nun auch an anderen Plätzen der Mine angepflanzt. Auch Landwirte profitieren: Sie dürfen das Futtergras kostenlos mitnehmen, verfüttern oder als Setzlinge verwenden, um selbst Futtergras anzubauen. Und Landwirt Vu Van Binh nutzt den Dung seiner Tiere, um Biogas herzustellen, mit dem er kocht.

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