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Mittwoch, 17. Januar 2018

Medica

Wearables halten Einzug in die Medizin

Von Klaus Jopp | 9. November 2017 | Ausgabe 45

Tragbare Elektronik etabliert sich für Diagnose und Therapie. Das zeigt die Messe Medica 2017.

Wearables BU
Foto: Bioservo Technologies AB

Zusatzkraft: Der Handschuh des schwedischen Herstellers Bioservo unterstützt Patienten, deren Hände nach einem Schlaganfall zu schwach sind.

Vor allem im Fitnessbereich sind sie der Renner. Ob Schritte, Laufstrecke, Kalorien oder Herzfrequenz: Wearables zeichnen alle Bewegungsdaten auf und werten sie aus. 2016 haben Verbraucher weltweit bereits 250 Mio. solcher tragbaren Geräte angeschafft; erste Prognosen für 2020 gehen sogar von mindestens 400 Mio. Wearables aus.

Foto: Bioservo Technologies AB

Individuelle Einstellungen für den bionischen Handschuh lassen sich per iPhone- oder Android-App vornehmen.

Das liegt auch daran, dass aus den „Gadgets“, also dem technischen Schnickschnack, längst Anwendungen mit echtem medizinischen Wert geworden sind. So sollen 2020 bereits über 50 % aller tragbaren Geräte medizinische Gründe haben. „Wearables sind einer der wesentlichen Enabler für die Digitalisierung im Gesundheitswesen“, bestätigt Christian Stammel, Gründer und CEO der WT Wearable Technologies Group.

In allen Phasen der medizinischen Versorgung – von der Prävention über die stationäre und ambulante Behandlung bis hin zur Reha – beeinflussen Wearables neue Behandlungsmethoden und eröffnen neue Wege für Diagnose, Monitoring und Medikation. Auf der bevorstehenden weltweit größten Medizinmesse Medica (13. bis 16.11.) in Düsseldorf werden bis zu 150 Aussteller erwartet, die Innovationen rund um die Wearables vorstellen.

Die weltgrößte Medizinmesse Medica

Die Palette reicht vom intelligenten Pflaster zum Messen des Blutzuckerspiegels, wie es Abbott in Wiesbaden bereits umsetzt, über Patches, die Medikamente in der individuell benötigten Menge verabreichen, bis hin zu „schlauen“ Pillen, die die korrekte Medikation überwachen. So können Ärzte mit einem Sensor in Tablettenform von Proteus Digital Health verfolgen, wann Patienten ihre Arzneimittel nehmen.

Die Therapietreue ist entscheidend bei der medikamentösen Behandlung. Das Insulinmanagementsystem „mylife OmniPod“ der Ypsomed GmbH in Liederbach ist da eine neue Art der Insulinpumpentherapie. Der dazu gehörige Pod (Insulinspender) wird direkt auf die Haut geklebt – ohne störende Schläuche zwischen Pod und dem „Personal Diabetes Manager“. Dadurch erhalten Pumpenträger mehr Freiheit im Alltag. Auch für die rund 300 Mio. Asthmakranken weltweit gibt es eine gute Nachricht: Health Care Originals hat ein smartes Pflaster entwickelt, das u. a. Hustenfrequenz, Atmung, Pfeifgeräusche sowie Herzfrequenz überwacht.

Auch für die Mobilisierung werden die kleinen Helfer immer wichtiger: So lassen sich über Bewegungssensorik und robotische Unterstützung Bewegungsimpulse durch den Patienten verstärken. Bioservo im schwedischen Kista hat dafür den SEM-Handschuh entwickelt, der Schlaganfallpatienten Zusatzkräfte verleiht. SEM steht für Soft Extra Muscle und stärkt als künstlicher Sehnenzusatz die vorhandene Muskulatur.

Ein Grund für den Erfolg der Wearables ist die fortschreitende Miniaturisierung, die immer kleinere und für den Patienten angenehmere Lösungen hervorbringt. „Medizinische Wearables werden zunehmend in Form von intelligenten Pflastern entwickelt und ermöglichen es ihren Trägern, Langzeitüberwachungen oder auch die Medikation nahezu unsichtbar für den Außenstehenden anzuwenden“, sagt der WT-Gründer Christian Stammel.

Bereits eingeführt sind Systeme zur Überwachung von Vitaldaten. So hat Biovotion in Zürich, 2015 als innovativstes Unternehmen für medizinische Geräte in Europa ausgezeichnet, eine Multisensorplattform entwickelt, die am Oberarm Daten wie Herzfrequenz, Stress oder Atmung aufnimmt. Per App werden diese ausgewertet und visualisiert.

Entsprechende Sensorik steht ebenfalls für Textilien zur Verfügung, in die Aufnehmer für EKG, Körpertemperatur, Atemfrequenz oder Schweißproduktion direkt integriert werden. Neue Produkte erfassen sogar die Schlafqualität oder ermöglichen als Fertilitätstrecker Frauen eine Prognose für den nächsten Eisprung.

Ohne Zweifel eröffnen Wearables Anbietern und Anwendern vielversprechende Perspektiven. Doch vor dem Markteintritt sind etliche Hürden zu überspringen. Dazu zählen die medizinische Zulassung, Aspekte von Schnittstellen und Dateninteroperabilität sowie der Datenschutz.

„Weltweit sind die medizinischen Regulierungsbehörden mit dem Themengebiet der Wearables stark gefordert und passen sich sukzessive den neuen Herausforderungen an“, berichtet Experte Stammel. Während Wearables im Krankenhaus zunächst noch eine untergeordnete Rolle spielen, sollten sich Arztpraxen durchaus auf dieses Thema einstellen.

Erste auch medizinisch zertifizierte Gesundheitsmonitore wie der „Philips Health Watch“ erleichtern Ärzten den Einsatz von Wearables als zuverlässigen Indikator. Das Gerät gewinnt Vitaldaten, die unter Einhaltung der Datenschutzrichtlinien in einer Cloud gespeichert und auf Wunsch mit Medizinern geteilt werden können.

Die Patienten halten einen solchen Ansatz zu einem großen Teil für sinnvoll: Nach einer aktuellen Umfrage von Deloitte und Bitkom würden mehr als 90 % der Befragten ihre mobil erhobenen Gesundheitsdaten mit ihrem Arzt teilen. Nach Einschätzung von Stammel wird sich die Nutzung von medizinischen Wearables kurzfristig als Leistungsmerkmal hochwertiger Arztpraxen etablieren.

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