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Dienstag, 23. Januar 2018

Geldanlage

Zeche zu und Kippe aus

Von Stefan Terliesner | 13. Oktober 2016 | Ausgabe 41

Immer mehr Investoren wollen mit ihren Investments gesellschaftliche Probleme lösen – z. B. das Klima schützen oder Krebs bekämpfen.

BU_Investing
Foto: dpa/Picture-Aliance/Evgeniy Maloletka

Kohle und Tabak verbannen Staatsfonds und Vermögensverwalter zunehmend aus ihren Portfolios.

In wenigen Tagen wird der „Umbau in eine neue Weltwirtschaft“ eingeleitet. Nachdem auch die EU dem UN-Klimaschutzabkommen von Paris zur Reduzierung der Treibhausgase zugestimmt hat, tritt der Vertrag Anfang November in Kraft. Das sei die Chance für „nachhaltigere Volkswirtschaften“, würdigte Ban Ki Moon, Generalsekretär der Vereinigten Nationen, das Ereignis. Anleger können durch ihre Investitionsentscheidungen den Umbau unterstützen.

Mehr als 55 Länder, die mindestens 55 % der weltweiten Emissionen verursachen, haben das Regelwerk bisher ratifiziert. Demnach soll die Erwärmung der Atmosphäre möglichst auf 1,5 °C im Vergleich zum vorindustriellen Niveau begrenzt werden. Gelingt das nicht, bedrohen Klimaveränderungen nicht nur Pflanzen und Tiere, sondern in zu kurzer Zeit auch vielerorts den Menschen.

Um das 1,5-Grad-Ziel erreichen zu können, müssen die Treibhausgasemissionen weltweit zwischen 2045 und 2060 auf null zurückgefahren werden. Lässt man die Möglichkeit der Abscheidung und Lagerung von Kohlendioxid (CO2) außen vor, müsste die Verbrennung fossiler Energieträger wie Kohle, Öl und Gas schlichtweg beendet und die Energieversorgung vollständig auf erneuerbare Energien umgestellt werden. Aber selbst diese Leistung würde nicht genügen, um Überflutungen, Hitze und Dürre zu verhindern, bemängeln Klimaschützer. Zusätzlich müsste ein Großteil des bereits emittierten CO2 wieder aus der Atmosphäre entfernt werden – primär durch Aufforstung, denn Bäume verwenden CO2 als Baumaterial.

Nimmt die Weltgemeinschaft die Pariser Beschlüsse ernst, beginnt eine Phase der Dekarbonisierung: die Umstellung der Wirtschaftsweise in Richtung eines niedrigeren Ausstoßes von Kohlenstoff. Die ersten Großinvestoren bewegen sich bereits in diese Richtung. Die Allianz, der größte Versicherer Europas, kündigte Ende 2015 an, keine kohlebasierten Geschäftsmodelle mehr zu finanzieren. „Wir werden nicht mehr in Bergbau- und Energieunternehmen investieren, wenn sie mehr als 30 % ihres Umsatzes oder ihrer Energieerzeugung aus Kohle generieren“, so Chefinvestor Andreas Gruber.

Der Versicherer Allianz will seine gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen und einen Beitrag zum Kampf gegen die Erderwärmung leisten. Hinzu kommt, dass die Branche Milliardenbeträge zur Schadensregulierung von Naturkatastrophen zahlen muss. Für die Mehrheit der Wissenschaftler ist der durch die Verbrennung von chemisch gebundenem Kohlenstoff verursachte Treibhauseffekt für Überschwemmungen und Dürre verantwortlich. Eine zu starke Erd-erwärmung brächte Umweltrisiken mit sich, die vermutlich nicht mehr versicherbar wären. Auch der französische Versicherer Axa hat daher erklärt, seine Investitionen in Unternehmen aus der fossilen Energiewirtschaft zu reduzieren.

Foto: VDI nachrichten

Von Investments in Tabak- und Rüstungsunternehmen kannte man solche Verweigerungshaltungen bereits. Krebs und Krieg sollen gezielt eingedämmt werden. Mit dem Alltagsprodukt Kohle ist jetzt eine neue Dimension erreicht. Stiftungen wie die der Rockefeller-Erben und Geldhäuser wie die Bank im Bistum Essen und die Steyler Ethik Bank sind ebenfalls raus aus dem schwarzen Gestein.

Für Aufsehen sorgte Mitte 2015 insbesondere der Rückzug des norwegischen Staatsfonds. „Investitionen in Kohle können ein Risiko für das Klima und ein künftiges finanzielles Risiko bedeuten“, erklärte Medien zufolge ein Abgeordneter des norwegischen Parlaments den Beschluss. Der Staatsfonds, der größte der Welt, war auch an RWE beteiligt. Wenn Kohlezechen schließen, dann auch, weil Investoren das Interesse verlieren. Der Aktienkurs von RWE spiegelt diese Entwicklung wider. Inzwischen verbannen auch große Vermögensverwalter wie Erste Asset Management (EAM) Kohleminen aus allen Publikumsfonds. Für EAM-Chef Heinz Bednar ist der Verzicht „ein wichtiger Schritt zum Erreichen globaler Klimaziele“. Die identifizierten Titel würden aus den Beständen der Fonds verkauft.

Dieses CO2-Risiko für Unternehmen und Investoren bestätigt jetzt erstmals eine Studie von Alexander Bassen und Timo Busch, zwei Professoren an der Universität Hamburg, im Auftrag der Fondsgesellschaft Union Investment. Müssten die Unternehmen die von ihnen verursachten Klimakosten selbst tragen, statt sie auf die Allgemeinheit abzuwälzen, würden Stromversorger wie Eon, EDF, Endesa, Enel und RWE keinen Gewinn mehr erwirtschaften. „Selbst unter der Annahme, dass 50 % der Kosten über den Strompreis an die Kunden weitergegeben werden, würden bei den beiden deutschen Unternehmen RWE und Eon die Klimakosten den Gewinn übersteigen“, schreibt Union Investment in einer Pressemitteilung. Hier werden Bewertungsrisiken für CO2-intensive Branchen sichtbar, die nach der jetzt getroffenen Vereinbarung von Paris sehr real werden.

Auch aus diesem Grund nehmen Investoren Einfluss darauf, was mit dem Geld gemacht wird, bevor sie es verzinst zurückerhalten. Wirkungsvolles Investieren – im Englischen Impact Investing genannt – formuliert diesen Anspruch. Noch befindet sich der Ansatz „in einer Nische, getrieben von Pionieren im Feld“, wie Brigitte Mohn von der Bertelsmann Stiftung in einer Studie über den deutschen Markt formuliert. Einer Umfrage von J. P. Morgan und dem Global Impact Investing Network zufolge verwalten die teilnehmenden Fondsanbieter in diesem Segment insgesamt 60 Mrd. $.

Privatanleger können ebenfalls Einfluss nehmen, indem sie Anteile entsprechender Fonds kaufen. Einige Produkte tragen sogar „Impact“ im Namen. Vor dem Einstieg sollten Anleger aber die Anlegerichtlinien prüfen. Nur so können sie sicher sein, dass ein Fonds ihren Vorstellungen von einem wirkungsvollen Investment entspricht. 

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