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Donnerstag, 21. März 2019

IAA Nutzfahrzeuge

Zulieferer elektrisiert Nutzfahrzeugsparte

Von Notker Blechner | 20. September 2018 | Ausgabe 38

ZF-Chef Wolf-Henning Scheider setzt auf Elektromobilität und autonomes Fahren. Damit will er neue Geschäftsfelder erschließen.

Etwas über ein halbes Jahr ist der frühere Bosch-Manager und Mahle-Chef Wolf-Henning Scheider jetzt Vorstandsvorsitzender von ZF Friedrichshafen. Was er anders machen will als sein Vorgänger Stefan Sommer, lässt er offen. Von neuen Milliardenübernahmen wird er vorerst die Finger lassen. Zur Erinnerung: Der frühere ZF-Chef Sommer stieß mit seinem Plan, für 6 Mrd. € den Bremsenhersteller Wabco zu übernehmen, auf den Widerstand des Aufsichtsrats und musste gehen.

Auf Nachfrage wird jedoch ein Wandel beim großen Zulieferer deutlich. ZF wolle sich auf Elektromobilität und autonomes Fahren konzentrieren, sagte Scheider im Gespräch mit den VDI nachrichten. So baut der Autozulieferer mit dem Aachener Streetscooterentwickler e.Go Mobile einen Elektrokleintransporter. Der e.Go Mover, der Platz für bis zu 15 Personen hat, soll im kommenden Jahr in Serie gehen.

Foto: ZF Friedrichshafen AG

Wolf-Henning Scheider, Vorstandsvorsitzender der ZF Friedrichshafen AG.

Mit dem elektrischen Kleintransporter möchte ZF-Chef Scheider „eine führende Marktposition in diesem Segment der Personentransporte“ erreichen. In den nächsten fünf bis sieben Jahren rechnet ZF mit einem Absatz von rund 1 Mio. e.Go Mover. „Das ist kein Spielzeug, sondern ein technologischer Showcase“, sagt Scheider. Vermarket wird der Stromer von e.Go Mover in Aachen, ZF liefert die Technik – den elektrischen Antrieb, die Bremse, die Lenkung sowie unterschiedliche Sensoren und Kameras.

Auch bei städtischen Elektrobussen sieht Scheider interessante Einsatzmöglichkeiten. ZF rüstet E-Busse mit Achsen aus. In der Elektrifizierung von Stadtbussen liege „großes Potenzial“, verdeutlichte Scheider gegenüber den VDI nachrichten. „Mit unseren Elektroportalachsen sowie einem Zentralantrieb sind wir produktseitig sehr gut aufgestellt.“

Beim autonomen Fahren will ZF vor allem im Nutzfahrzeugbereich Impulse setzen. Vor Kurzem hat der Konzern aus Friedrichshafen den ersten vollautomatischen Gabelstapler vorgestellt. Und 2019 soll der erste selbstfahrende Traktor über die Äcker rollen. Partner ist der österreichische Traktorenhersteller Lindner. Die Maschine soll die Felder automatisch bearbeiten, während sich der Landwirt anderen Tätigkeiten widmet. Scheider glaubt, dass „sich das automatisierte Fahren schneller im Nutzfahrzeug- als im Pkw-Bereich durchsetzen wird“. Das werde allmählich erfolgen.

Zudem erhofft sich der ZF-Chef von selbstfahrenden Fahrzeugen mehr Sicherheit. „Die Automatisierung wird uns helfen, dass es in Zukunft keine Unfälle mehr geben wird“, prophezeite er kürzlich. Potenzial sieht er auch in Flugtaxis.

Die Friedrichshafener investieren derzeit Milliarden in Zukunftsfelder wie Elektro- und Hybridtechnik sowie autonomes Fahren. In diesem Jahr werden die Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) über 2 Mrd. € betragen. Rund 2000 neue Ingenieure werden 2018 eingestellt.

Noch spielt die Elektrosparte von ZF eine kleine Rolle. Sie steuert gerade mal 2,5 % zum Konzernumsatz von 36,4 Mrd. € bei. Geld verdient der Konzern mit der Elektromobilität noch nicht. Das soll sich aber bald ändern. „Wir stehen vor einem Ruck in Richtung Elektromobilität“, glaubt Scheider. Der ZF-Chef verweist auf die zahlreichen Stromer, die die großen deutschen Autobauer ab nächstem Jahr auf den Markt bringen.

Schon jetzt wächst die Nachfrage nach Hybridgetrieben kräftig. In diesem Jahr wird ZF die Zahl der gefertigten Hybridantriebe voraussichtlich nahezu verdoppeln. Die Dieselkrise sieht Scheider gelassen: Der Diesel habe weiterhin große Vorteile bei den CO2-Emissionen, sagt er. „Ein sauberer Diesel ist ein wichtiger Baustein im Antriebsmix.“

Stolz ist Scheider auf die Start-up-Kultur, die sich bei ZF in Friedrichshafen etabliert hat. „Es wurden Freiräume für Innovationskultur bei Mitarbeitern geschaffen. Wir haben Teams, die ein Extrabudget bekommen, um Produkte unabhängig zu entwickeln, sodass ein Business Case daraus abgeleitet werden kann.“ Eines der ersten Produkte, das aus dieser Start-up-Kultur resultierte, sei der hochautomatisierte Traktor. „Er wurde von einem interdisziplinären Team in eineinhalb Jahren entwickelt.“