Geldanlage 25. Mai 2020 Von Dieter W. Heumann

„Dax könnte 2021 die 16000er-Marke erreichen“

Der erfahrende Fondsmanager Jens Ehrhardt erwartet Kursanstiege auf breiter Front. „Der Geldschwall, der jetzt über den Wirtschaften ausgegossen wird, wird untergebracht werden“, kommentiert er die umfangreichen Anleihekäufe der Zentralbanken und die Konjunkturpakete, die weltweit auf den Weg gebracht werden. Auch die Feinunze Gold werde bald über 2000 $ kosten, so Ehrhardt im Interview mit VDI nachrichten.


Foto: panthermedia.net/Tzido

VDI nachrichten: Herr Ehrhardt, Sie sind seit gut einem halben Jahrhundert als Vermögensmanager tätig. Haben Sie in dieser Zeit ähnlich heftige Einbrüche an den Börsen erlebt wie im bisherigen Jahresverlauf?

Jens Ehrhardt: Wir hatten bereits 1987 einen ähnlich herben Rückschlag an der Börse, aber damals verteilt auf einen nicht so kurzen Zeitabschnitt. Das Erstaunliche war diesmal die noch größere Schnelligkeit und daher die mangelnde Vorbereitungsmöglichkeit auf den Absturz.


Foto: DJE Kapital AG

Der Dax ist im Februar um 40 % eingebrochen, hat aber bereits im März und April wieder fast die Hälfte seines Verlustes wettgemacht. Hat Sie das überrascht?

Nein, das hat mich nicht so sehr überrascht. Die Börsianer waren vorher schon vorsichtig geworden und hatten Barreserven angehäuft, denn immer wieder kam Angst vor einer Rezession hoch. In den USA wurde die Angst vor allem geschürt, weil die kurzfristigen Zinsen zeitweilig über den langfristigen lagen, was früher ein Rezessions­signal war. Dann haben die Regierungen und die Notenbanken überstürzt extrem viel Geld in die Hand genommen, um die Wirtschaft gegen die Negativfolgen des plötzlichen Shutdown – als Antwort auf das Coronavirus – zu immunisieren. Derart kräftig hatten sich Notenbanken und Staaten besonders in Europa und den USA noch nie gegen eine drohende Rezession aufgestellt. Das sorgte für Liquidität und Vertrauen bei den Aktionären, sodass die Hälfte der Kursverluste rasch wieder aufgeholt wurde.

Gesprochen wird von einer Bärenmarktrallye. Wie groß ist die Gefahr, dass dies eine Falle sein wird?

Bei etwa drei Vierteln ähnlicher Fälle hat der Dax seine Kurstiefs nochmals getestet und erst dann eine endgültige Bodenbildung gefunden. Andererseits fußt der Rückschlag an den Börsen diesmal in erster Linie nicht auf einer Wirtschafts-, sondern auf einer Gesundheitskrise – der Coronakrise. Sollte sie sich wie zuletzt kontinuierlich weiter zurückbilden, dann bin ich optimistisch für die Entwicklungen an den Börsen. Wenn Inflationszahlen in den USA nicht zurückgehen oder eine zweite Welle einsetzt, dann könnte es nochmals zu einem Rückschlag kommen.

Raten Sie dazu, das deutlich ermäßigte Kursniveau schon heute für Käufe zu nutzen oder ist noch Abwarten angesagt?

Die Börse differenziert heute stärker, als das früher der Fall war. Wenn kaufen, dann sehr selektiv.

Welche Branchen bieten denn Chancen?

Ich denke, die Menschen werden durch Corona gesundheitsbewusster. Hier dürfte sich vor allem der Staat in der Pflicht sehen, das Gesundheitssystem weiter auszubauen. Ich sehe daher Aktien aus dem Gesundheitsbereich weiter positiv, auch wenn die Kurse hier schon angezogen sind. Zudem dürfte es sich auch weiterhin lohnen, auf Pharmaaktien zu setzen sowie auf Internet-, Technologie- und Versorgeraktien. Letztere, weil die Digitalisierung viel Strom benötigt. Ferner dürfte die Kommunikationsbranche profitieren.

Und welche Branchen gilt es zu meiden?

Die Menschen werden geschäftlich, wohl aber auch privat weniger reisen. Bei allem, was mit Verkehr und Transport zu tun hat, ist Vorsicht angesagt. Meiden würde ich ferner die Banken, denn ihnen wird zunehmend Geschäft von neuen Konkurrenten entzogen. Zudem wird coronabedingt noch einiges an Abschreibungen auf die Kredit­institute zukommen. Ich würde aber auch weiter die Automobil- und die meisten Konsumwerte meiden.

Könnten die Menschen aufgrund der Corona-Pandemie ihr Ausgabeverhalten ändern?

Ich glaube schon, dass der Blick mehr auf die Vorsorge gerichtet sein wird. Die Sparquote dürfte erhöht werden, zulasten des Konsums.

Wie haben Sie in Ihren Fonds auf die bisherige Entwicklung an den Börsen reagiert?

Wir haben frühzeitig kräftig die Notbremse gezogen, haben verkauft und unsere Kasse deutlich gefüllt. Wir waren bereits vorsichtig ins Jahr 2018 gestartet. Erst kam zu großer Optimismus auf, dann verschlechterte sich die Markttechnik. Wir hatten also Glück, dass wir sofort auf die sich verändernde Markttechnik reagiert hatten und daher mit vermindertem Aktienbestand in die Coronakrise gegangen sind.

In der Vergangenheit wurden die Börsen vom Niedrigzins und der reichlichen Liquidität, für die die Notenbanken gesorgt hatten, getrieben. Werden beide Impulse in der Zukunft fortwirken?

Ja, beide Impulse dürften weiterhin positiv auf die Börsen wirken. Die Geldfülle wird die Finanzmärkte antreiben – anders als die Wirtschaft: Die Unternehmen werden kaum investieren. Im Gegenteil, soweit man hört, wird überall gespart, werden Investitionen außer im Umweltschutz und bei der Digitalisierung gestrichen. Insofern hat der Zinsrückgang keine breite konjunkturstimulierende Wirkung. Aufgrund des überreichlichen Geldangebots werden wir letztlich eine Überbewertung bei Aktien bekommen, wie wir sie jetzt schon bei Anleihen haben.

Wo sehen Sie die größeren Kurschancen – in Europa oder eher in den USA, wo im Herbst die Präsidentschaftswahlen stattfinden werden?

Seit der Finanzkrise 2008 war die Börsenentwicklung in Europa permanent schlechter als in den USA. Betrachtet man den amerikanischen Nasdaq-Index – den einzigen sich lukrativ entwickelnden US-Index – dann glaube ich schon, dass in den USA die interessantere Börse sein wird. Die Nasdaq beinhaltet die großen Tech-Aktien, die in der Coronakrise einen zusätzlichen Anstoß durch deutlich zunehmende Internetaktivitäten bekommen haben. Zudem wird sich die Wirtschaft weiter digitalisieren. Ich glaube aber nicht, dass der amerikanische Markt so stark wie bisher boomen wird, denn die Aktienrückkäufe der Unternehmen werden deutlich zurückgehen. Bisher wurden die Zusagen für Aktienrückkäufe bereits um ein Drittel zurückgenommen.

Wo sehen Sie Dow Jones und Dax zum Jahresende?

Ich gehe davon aus, dass wir am Jahresende sowohl in den USA als auch hierzulande deutlich höhere Aktienkurse als derzeit sehen werden. Und wir könnten in den nächsten zwölf Monaten auch die alten Höchststände wieder erreichen. Der Dax könnte, wenn nicht in diesem Jahr, so doch im ersten Halbjahr 2021 sogar die 16000er-Marke erreichen. Ich bin also gar nicht so pessimistisch, denn der Geldschwall, der jetzt über den Wirtschaften ausgegossen wird, wird untergebracht werden.

Die EZB hat es nicht geschafft, das von ihr formulierte Inflationsziel von „nahe, aber unter 2 %“ auch nur annähernd zu erreichen. Erwarten Sie auch in der Zukunft eine nur mäßige Inflationsentwicklung bei noch weiter ansteigender Liquidität an den Märkten?

Für mehr Inflation braucht man eine höhere Nachfrage nach Gütern und dagegen spricht die schwache Kreditnachfrage der Privaten, aber auch der Unternehmen, die seit der Finanzkrise nicht erheblich gestiegen ist. Auch bevor die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes nicht steigt, ist keine Inflationsgefahr zu befürchten. Die Löhne dürften – bei höherer Arbeitslosigkeit – kaum kräftig anziehen. Und ich glaube auch nicht, dass die Mieten noch größeres Steigerungspotenzial haben. Auf der Angebotsseite sehe ich zwar steigende Nahrungsmittelpreise, aber ihr Einfluss auf die Inflation ist begrenzt und daher sehe ich momentan keine höhere Inflationsgefahr. Auch das Warenangebot wird angesichts niedriger Kapazitätsauslastung nicht zurückgehen und damit die Preise dämpfen.

Keine Inflation und ein relativ starker Dollar, aber dennoch wird ein hoher Preis für die Feinunze Gold gezahlt. Eigentlich müsste doch beides den Goldpreis dämpfen?

Vielleicht erleben wir unter den Anlegern im Moment einen Wandel – zurück zum Gold. In den Jahren nach dem Krieg wurden etwa 10 % der Anlagen in Gold gehalten. Das hat sich im Laufe der Zeit kräftig auf etwa 2 % bis 4 % minimiert. Aufgrund der Krisen im letzten Jahrzehnt und der jetzigen Coronakrise könnte derzeit ein Umdenken erfolgen. Die traditionellen Goldkäufer China und Indien sind zwar aufgrund des höheren Goldpreises im Moment sehr zurückhaltend. Der nächste große Schub für das Gold wird wahrscheinlich dann kommen, wenn China und Indien wieder in den Markt einsteigen.

Ist der Goldmarkt derzeit von viel Optimismus gekennzeichnet?

Ja, und das stört mich ein wenig. Und es ist möglich, dass der Aufwärtstrend eine kleine Pause einlegen könnte. Man sollte nun aber nicht unbedingt Gold verkaufen. Letztlich merken die Anleger auch, wie viel Geld von den Notenbanken gedruckt wird und wissen, dass das nicht gerade für ein stabiles Finanzsystem spricht. Gold dürfte zunehmend als Refugium zur Sicherheit empfunden werden.

Wenn heute in Gold investiert werden soll, was empfehlen Sie – eher physisches Gold, oder neigen Sie eher zu Minenaktien?

Eine Mischung aus beidem wäre gut. Wenn der Goldkurs steigt, verdienen Goldminen überproportional. Und größere Goldminengesellschaften haben inzwischen recht gute Bilanzen und zahlen heute auch eine Dividende, was früher nicht der Fall war. Und wenn der Goldpreis auf 2000 $ für die Unze steigen sollte – womit ich für die nächsten zwölf Monate rechne – dann werden die Minenwerte überdurchschnittlich profitieren.

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