IW-Konjunkturampel 19. Nov 2020 Von Michael Grömling

Erholung der Wirtschaft ist keine Selbstverständlichkeit

Trotz überraschendem Wachstum steht voraussichtlich ein harter Winter bevor.

Viele Felder stehen wieder auf Grün in der Konjunkturampel. Die Erholung kam rascher als erwartet. Doch angesichts der zweiten Corona-Welle steht der Aufschwung auf wackeligem Fundament.

Die deutsche Wirtschaft sich im dritten Quartal überraschend gut erholt. Nach ersten Angaben legte das Bruttoinlandsprodukt um mehr als 8 % gegenüber dem vorhergehenden Quartal zu. Damit lag die Wirtschaftsleistung nur noch um 4,2 % unter dem Niveau des im Verlauf nahezu stabilen Gesamtjahres 2019. Im zweiten Quartal belief sich die von der Corona-Pandemie und den politischen Maßnahmen ausgelöste Produktionslücke noch auf 11,5 %.

Schneller Weg aus dem Krisental

Ein weiter Weg aus dem Krisental wurde auf Basis dieser Daten also überraschend schnell zurückgelegt – ist ein „business as usual“ in Sichtweite? Die IW-Konjunkturampel hatte in den letzten drei Monaten diese Verbesserungen trefflich widergespiegelt. Seit Juli nahmen die rot eingefärbten Felder – das waren damals neun von zehn Indikatoren – kontinuierlich ab und spiegelbildlich die grünen Felder zu. Jetzt im November weisen vor allem die industrieorientierten Indikatoren auf deutliche Verbesserungen in den zurückliegenden Monaten hin. Die Industrieproduktion legte weiter zu, wenngleich mit deutlich abgebremstem Tempo und nicht in allen Sparten gleichermaßen. Auch die Auftragslage verbesserte sich. Bei den Einkaufsmanagern herrschte zuletzt sogar Euphorie. Nicht ausgeschlossen ist allerdings, dass Vorleistungen auf Vorrat geordert werden, um Unterbrechungen der Zulieferketten zuvorzukommen. Das entspräche einem „Klopapiereffekt“ in der Industrie und könnte die Erholungsdynamik überzeichnen.

Geschwächte Zuversicht

Das Infektionsgeschehen der letzten Wochen macht jedoch auch deutlich, dass eine durchgehende Erholung des Wirtschaftslebens keine Selbstverständlichkeit darstellt. In diesem Monat mussten erneut Teile der konsumnahen Dienstleistungen ihre Geschäfte einstellen. Die Infektionswelle und die politischen Reaktionen schwächen zudem die Zuversicht auf eine Normalisierung. Das gilt nicht nur für die Konsumdienstleister, sondern trifft letztlich alle Unternehmen. Kein Betrieb weiß, ob er selbst oder wichtige Zulieferer die Produktion drosseln oder gar einstellen müssen, weil Mitarbeiter infiziert wurden. Damit wird auch abzuwarten sein, wie ausdauernd die Erholung am Arbeitsmarkt ausfällt. Noch befinden sich über 3 Mio. Arbeitnehmer in Kurzarbeit – davon zwei Drittel in der Industrie. Diese Verunsicherungen gelten ebenso für Kunden und Zulieferer im Ausland. Zwar lief der Exportmotor zuletzt wieder rund. Als Selbstverständlichkeit darf dies aber nicht gesehen werden.

Positive Signale

Bei all der Vorsicht gilt es die positiven Entwicklungen zu berücksichtigen. Mit dem Wahlausgang in den USA dürften sich die Konflikte zwischen den Wirtschaftsblöcken entschärfen. Dies wirkt nicht unmittelbar und möglicherweise auch nicht mehr im früher gewohnten Ausmaß. Es fördert aber das globale Investitionsklima und dürfte den Herstellern von Investitionsgütern und ihren Partnern neue Zuversicht vermitteln. Auch die Fortschritte bei den Bekämpfungen der Pandemie – vor allem das Entwicklungstempo bei Impfstoffen – können sich 2021 als eine die Erwartungen stabilisierende Kraft erweisen und nach dem voraussichtlich harten Winter eine stetige Erholung einleiten.

Die deutsche Wirtschaft, besonders die Industrie, erholte sich bisher rasch vom Corona bedingten Einbruch. Wie sie durch den Winter kommt, ist allerdings sehr ungewiss. Grafik: IW

Auch die Eurozone erholt sich vom Einbruch der Wirtschaftsleistung. Allerdings kämpfen viele Staaten immer noch mit der Rückkehr der Pandemie. Grafik: IW

Trotz der immer weiter steigenden Zahl der Coronainfizierten kommen die USA wirtschaftlich relativ gut durch die Krise. Grafik: IW

Die Volksrepublik China ging als erstes Land in die Coronarkrise rein, nun kommt sie als erstes wieder heraus. Davon profitiert auch die deutsche Exportwirtschaft. Grafik: IW

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