UMWELT 10. Jan 2019, 09:08 Uhr Bettina Reckter

Klare Kante

Es gibt viele Wege in eine Welt fast ohne Plastikmüll. Aber Wirtschaft und Verbraucher müssen an einem Strang ziehen, wenn Recycling gelingen soll.

Nicht nur Recycling, sondern auch weniger Verbrauch sind Lösungswege zu einer flastikfreieren Welt.
Foto: Foto [M]: panthermedia.net/lightsource/VDIn

Südöstlich von Hawaii treibt eine gigantische Insel aus Plastik im Meer. Unmengen Kunststoffmüll – mindestens 3 Mio. t, so die Schätzungen – klumpen dort im Nordpazifikwirbel zusammen. Und auch zahlreiche Küsten rund um den Globus sind mittlerweile gesäumt von Treibgut aus Verpackungsresten und angeschwemmten Plastiktüten.

Experten zufolge stammt zwar der mit 80 % größte Teil des weltweiten Meeresmülls aus Asien. Dennoch kann gerade Europa etwas dagegen tun. Denn hier wird das Know-how entwickelt, um der Kunststoffflut Herr zu werden. Und hier zeigen Privatleute, die Politik und zunehmend auch Verbände und Unternehmen mehr und mehr klare Kante. Sie fordern Gesetze und engagieren sich für Recycling und Ressourcenschonung. Aus welcher Motivation heraus auch immer.

Zitate

„Die Recyclingfähigkeit von Verpackungen wird zum erfolgskritischen Faktor für Unternehmen.“

Markus Müller-Drexel, Geschäftsführer der Interseroh Dienstleistungs GmbH

„Ich werde mich dafür einsetzen, dass weniger Plastik verwendet wird.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel

„Wenn Müll in die Landschaft geworfen wird,  ist dafür der Konsument ver­antwortlich – und nicht das Produkt.“

Wolfgang Steiger, Generalsekretär  des Wirtschaftsrats der CDU e. V.

„Macht ein achtfacher Verbund Sinn, nur damit Hackfleisch sechs Monate lang aufbewahrt werden kann?“

Hans-Bernhard Rhein, Geschäftsführer Umweltkanzlei Dr. Rhein – Beratungs- und Prüfgesellschaft mbH

„Es muss Unverpacktes in allen Läden geben. Niemand hat Zeit, zum Einkaufen in zwei oder drei Läden zu gehen.“

Katharina Istel, Referentin Ressourcenpolitik des Nabu – Naturschutzbund Deutschland

„Bio-PE und Bio-PET verrotten genauso schlecht wie ihre ­Pendants auf Erdölbasis.“

Neus Escobar, Agraringenieurin am Institut für Lebensmittel- und Ressourcenökonomik, Universität Bonn

Doch wo genau liegt eigentlich das Problem? Der Unrat gelangt nicht von Geisterhand in die Umwelt – und schon gar nicht nur in anderen Erdteilen. Wer an Fast-Food-Restaurants mit Drive-in-Schalter vorbeikommt, kennt die Straßenabschnitte, die von geleerten Einwegverpackungen regelrecht übersät sind. „Wenn Müll in die Landschaft geworfen wird, ist dafür der Konsument verantwortlich – und nicht das Produkt“, bringt es Wolfgang Steiger, Generalsekretär des Wirtschaftsrats der CDU, auf den Punkt.

Viele Verpackungen aber könnten wenigstens aus ökologisch verträglicheren Materialien bestehen. Dem steht entgegen, dass Kunststoff als Allrounder unter den Werkstoffen daher kommt: Er ist leicht, preiswert herzustellen und so vielseitig einsetzbar, sodass man lange die Augen vor den Schwierigkeiten verschloss, die am Ende seines Gebrauchs auftauchen.

Das Problem: Kunststoff zersetzt sich praktisch nicht. Selbst solcher aus nachwachsenden Rohstoffen nicht, weiß Neus Escobar. „Bio-PE und Bio-PET verrotten genauso schlecht wie ihre Pendants auf Erdölbasis“, fand die Agraringenieurin am Institut für Lebensmittel- und Ressourcenökonomik der Uni Bonn heraus.

Und recyceln lassen sich die einzelnen Fraktionen auch nur dann effektiv, wenn sie sortenrein vorliegen. Deutschland mit seiner guten Infrastruktur und den dualen Systemen, die das Einsammeln von Verpackungsmüll aus den Haushalten zum Beispiel mit dem gelben Sack übernehmen, brüstet sich gerne mit hohen Verwertungsquoten bei Kunststoffabfällen. Dabei wurde laut Umweltbundesamt (UBA) im Jahr 2017 nur knapp die Hälfte der gesammelten 6,15 Mio. t stofflich recycelt. Die andere Hälfte wanderte bisher schnurstracks in die thermische Verwertung – eine freundlichere Umschreibung des Wortes Müllverbrennung.

Immerhin aber wächst der Anteil der in der Produktion neuer Kunststoffe eingesetzten Rezyklate. Etwa ein Achtel der 14,4 Mio. t verarbeiteten Kunststoffe besteht inzwischen aus Recyclingware, so das Fazit einer Studie der Conversio Market & Strategy GmbH, die die BKV GmbH in Frankfurt am Main sowie die betroffenen Entsorgungs- und Industrieverbände in Auftrag gegeben hatten. Allerdings spielt die Musik doch eher im Bausektor und in der Landwirtschaft. Zurück zu den Verpackungen, die immerhin etwa ein Drittel der deutschen Kunststoffverarbeitung ausmachen: Diese werden immer noch zu knapp 91 % aus Neuware gefertigt.

Also ist wohl die Politik gefordert. „Die Europäer sind sich bewusst, dass Kunststoffabfälle ein enormes Problem darstellen“, sagt der Erste Vizepräsident der EU-Kommission, Frans Timmermans. Mit der kürzlich beschlossenen EU-Richtlinie zum Verbot von Einwegkunststoff etwa in Trinkhalmen, Wattestäbchen oder Besteck und Geschirr sieht er zudem einen Impuls dafür, dass die Wirtschaft nachhaltiger werde.

Bundeskanzlerin Angela Merkel legte im Bundestag nach: „Ich werde mich dafür einsetzen, dass weniger Plastik verwendet wird.“ Ein Signal in die richtige Richtung, denn der Plastikverbrauch in der westlichen Welt ist viel zu hoch. Das bestätigt auch Bundesumweltministerin Svenja Schulze. Diese Konsummuster, so prangert sie an, würden zudem in die Schwellen- und Entwicklungsländer getragen – mit gravierenden Folgen für die Meeresumwelt.

Exportieren will Schulze lieber Lösungen: „Technische Lösungen fürs Sammeln und Recyceln, aber auch Alltagslösungen für ein Leben mit weniger überflüssigem Plastik.“ Beim Bund hat sie durchgesetzt, dass noch in diesem Jahr 50 Mio. € für den Export solcher Technologien gegen die Vermüllung der Ozeane bereitstehen.

Zudem plant sie neue Regelungen fürs Ökodesign: Produkte müssten so gebaut sein, dass man sie leicht auseinanderbauen, reparieren und recyceln kann, so Schulzes Forderung. Wer für sein Produkt eine Verpackung wähle, die sich gut recyceln lässt oder aus Rezyklat besteht, soll dann weniger Lizenzentgelte an die dualen Systeme zahlen als Hersteller, die das nicht tun.

So weit hergeholt ist das nicht: Immerhin sind Kunststoffverpackungen seit 1991 im Schnitt gut 25 % leichter geworden, ohne an Funktion einzubüßen. Kunststoffflaschen wiegen sogar nur noch ein Drittel ihrer Vorfahren von damals. Allein 2013 wurde durch Materialeinsparungen in Deutschland laut Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung (GVM) fast 1 Mio. t Kunststoff weniger für Verpackungen verbraucht.

Für eine Kreislaufwirtschaft im Bereich Kunststoffverpackungen, die diesen Namen auch verdient, ist das aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. „Wir stehen noch ganz am Anfang“, gesteht Andreas Bruckschen, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE) in Berlin. Das neue Verpackungsgesetz aber, das seit 1. Januar in Deutschland in Kraft ist, könnte das ändern (siehe Seite 22).

Nach Ansicht des BDE-Geschäftsführers sei das Gesetz ein Schritt in die richtige Richtung – wenn auch nur ein kleiner. Darin geht es aber genau um jene Beteiligungsentgelte und Vorgaben für eine Recyclingfähigkeit, die Bundesumweltministerin Schulze bereits so vehement gefordert hatte.

Neben der grundsätzlichen Vermeidung bzw. Einsparung von Material braucht die Kunststoffverpackungsbranche jetzt also beides: ein optimales Design, das die problemlose Rückgabe gebrauchter Verpackungen in den Kreislauf garantiert, sowie bessere Recyclingtechnologien für die derzeit produzierten und im Umlauf befindlichen Verpackungen. Wobei grundsätzlich überlegt werden muss, welches Verpackungssystem möglich und welches nötig und sinnvoll ist. Ansätze für Innovationen diskutierten im Dezember Ingenieure, Techniker und Wissenschaftler mit Unternehmen, Institutionen und NGOs auf der Dresdner Verpackungstagung. „Macht ein achtfacher Verbund Sinn, nur damit Hackfleisch sechs Monate lang aufbewahrt werden kann?“, fragte etwa Hans-Bernhard Rhein von der Umweltkanzlei Dr. Rhein in Sarstedt bei Hannover in die Expertenrunde.

Unternehmen wie die Mainzer Werner & Mertz GmbH, die Haushaltsreiniger der Marke Frosch produziert, oder auch der Henkel-Konzern machen vor, was geht. Beide vertreiben ihre Produkte in Recyclingverpackungen. „Bis zum Jahr 2025 sollen 100 % der Verpackungen von Henkel recycelbar, wiederverwendbar oder kompostierbar sein“, lautet das Düsseldorfer Commitment zur Kreislaufwirtschaft.

Industrie und Forschung nehmen die Herausforderungen sehr ernst, die in diesem Kontext letztlich auf die gesamte Gesellschaft zukommen. Allein fünf Fraunhofer-Institute haben sich im Exzellenzcluster „Circular Plastics Economy“ zusammengeschlossen, um am Beispiel Kunststoff den Wandel der gesamten Wertschöpfungskette vom linearen zum zirkulären Wirtschaften anzugehen. „Wir werden anhand von Autokindersitzen und Mehrwegverpackungen für den Onlinehandel demonstrieren, wie Produkte mit zirkulären Eigenschaften aussehen“, verspricht Eckhard Weidner, Leiter des Clusters sowie des Fraunhofer Umsicht in Oberhausen, wo der Verbund angesiedelt ist. Zu diesem Zweck werden Prototypen für neue Kunststoffe, Additive und Compounds entwickelt. Ganz wichtig ist Weidner, sowohl Stoffe als auch Produkte digital über ihren Lebensweg verfolgen zu können, damit Produzenten und Recycler die Kreislaufoptionen der Kunststoffverpackungen schneller und besser im Blick haben.

Auch das Institut für Kunststofftechnologie und -recycling (IKTR), ein Mitglied der Zuse-Gemeinschaft in Weißandt-Gölzau, forscht in diesem Umfeld. Schwerpunkt des sachsen-anhaltinischen Interesses: die Entwicklung von Kunststoffrezyklaten. Durch Zugabe von Additiven zu Kunststoffabfällen aus Lebensmittelverpackungen will man diese so aufbereiten, dass sie dem Stoffkreislauf erneut zugeführt werden können.

„Mischabfälle aus PET, also aus Polyethylenterephthalat, sind aktuell die technologische Herausforderung“, sagt Geschäftsführerin Anke Schadewald.

Das Compoundieren von gereinigtem Misch-PET, die gezielte Zugabe von Additiven zum Einstellen von Schlagzähigkeit und Kristallisationsgeschwindigkeit sowie zur verbesserten Dispergierung von Anteilen der Fremdkunststoffe stehe jetzt an. Das Ziel: die guten mechanischen Eigenschaften des PET zu erhalten, da sonst bei der Verarbeitung eine Zersetzung der Molekülketten zu befürchten sei.

Recyceltes PET verfügt bereits über eine hohe Qualität. Das zeige nicht zuletzt seine Zulassung für Getränke durch die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa), sagt Verpackungsexperte Frank Welle vom Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung (IVV) in Freising. Da schlummere ein enormes Potenzial, bestätigt Isabell Schmidt. Denn: „Mehr als 97 % der PET-Einwegflaschen in Deutschland werden recycelt“, konstatiert die Geschäftsführerin Kreislaufwirtschaft bei der IK-Industrievereinigung Umweltverpackungen. Das sei schon ein sehr hohes Niveau und dem hierzulande geltenden Einwegpfand zu verdanken.

Die Recyclingfähigkeit von Verpackungen ist also der eigentliche Knackpunkt. „Sie wird zum erfolgskritischen Faktor für Unternehmen“, meint auch Markus Müller-Drexel, Geschäftsführer von Interseroh. Die Kölner Dienstleistungs GmbH ist schon einen Schritt weiter. Im Kompetenzzentrum für Recyclingkunststoffe, das Interseroh im slowenischen Maribor betreibt, werden laufend Ideen für neue Recyclingrezepturen erdacht.

Ein Meilenstein ist das Verfahren Recycled-Resource, in dem u. a. Regranulate entstehen. Die Chemikerin Manica Ulcnik-Krump leitet das Zentrum. Sie war an der Entwicklung maßgeblich beteiligt. Altkunststoffe werden hier sortiert, gereinigt und aufgeschmolzen. Mithilfe moderner Aggregate lassen sie sich verdichten, mit Additiven versetzen sowie chemisch anpassen.

Hinten heraus kommt das Granulat Procyclen, das die Qualität von Neuware und eine hervorragende Umweltbilanz besitzt. Die Rechnung sieht so aus: 1 t erdölbasiertes Polypropylen verbraucht ca. 5,2 t Ressourcen und verursacht etwa 1,7 t Treibhausgasemissionen. Die Herstellung von 1 t Procyclen aber kommt zusätzlich zum eingesetzten Granulat mit durchschnittlich 224 kg Ressourcen aus und setzt dabei weniger als 1 t Treibhausgase frei. Hier könnte sich auch eine Schlüsselrolle der Industrie für den Klimaschutz entwickeln, wenn man bedenkt, dass die weltweite Kunststoffproduktion allein im Jahr 2015 bei etwa 380 Mio. t lag.

In Maribor geht derweil die ehrgeizige Forschungs- und Entwicklungsarbeit weiter. Mittlerweile können anorganische Komponenten wie Glasfasern als Füllstoffe integriert werden, um Procyclen hochstabil für die Herstellung etwa von Fußpedalen zu machen. Auch lässt es sich jetzt im Blasformverfahren verarbeiten – beispielsweise für die Produktion von Waschmittelflaschen. Und der Werkstoff kann sogar, je nach Einsatzzweck, neben Polypropylen heute aus einer Vielzahl von Altkunststoffen erzeugt werden – etwa aus High-Density-Polyethylen oder Polystyrol.

Trotzdem: Das Vermeiden von Verpackungen bleibt vorrangiges Ziel. Dazu aber muss auch Unverpacktes überall zu kaufen sein. „Niemand hat Zeit, zum Einkaufen in zwei oder drei Läden zu gehen“, beschreibt Katharina Istel, Referentin Ressourcenpolitik beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu), das Problem. Eine Lösung könnte das Laserbeschriften von losem Obst sein, wie sie die EcoMark GmbH entwickelt hat. In wenigen Millisekunden sind Kiwi oder Ingwer gekennzeichnet, ohne dass die Früchte an Qualität verlieren. Eine aufwendige Verpackung entfällt.

Der Bundesverband der Industrie (BDI) bedauert ausdrücklich, dass es nur zu einem Verpackungsgesetz, nicht aber zu einem Wertstoffgesetz gereicht hat. Derweil machen sich die Grünen erneut für die deutschlandweite Einführung einer Wertstofftonne stark. Und auch das Umweltbundesamt (UBA) zieht mit und fordert die Kommunen dazu auf.

In Hannover, Braunschweig und Leipzig und einigen Kommunen des Rhein-Sieg-Kreises werden stoffgleiche Nichtverpackungen, also Wertstoffe aus Plastik und Metall, bereits miteingesammelt. Spielzeug aus Plastik oder ausrangierte Schüsseln und Töpfe, die sonst in der Restmülltonne und damit in der Verbrennung landen würden, haben so eine Chance auf Verwertung. Die Stadt Tübingen setzt sogar noch einen drauf: Ende Dezember hat sie die Erhebung einer Steuer auf den Verkauf von Einwegverpackungen beschlossen. Ob Kommunen eine solche Plastiksteuer überhaupt erheben dürfen, ist allerdings juristisch umstritten.

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