Fokus Urbaner Klimawandel 20. Aug 2020 Von S. W. Eder, P. Kellerhoff, F. Kurmann und B. Reckter

Städte im Schwitzkasten

Mehr Verkehr, mehr Bebauung, mehr Hitze, mehr Regen, mehr Menschen – wie wir unsere Städte an eine extremere Welt anpassen.


Foto: mauritius images / Jochen Tack / imageBROKER

Klimawandel hat Folgen: In Dresden trocknen die Fließgewässer aus. „Nahezu alle der vom Dresdner Umweltamt beobachteten 45 Fließgewässer im Stadtgebiet führen nur noch sehr wenig Wasser“, teilte die Verwaltung Ende letzter Woche mit.

Rheinland-Pfalz spendiert der Feuerwehr in seinem nächsten Landeshaushalt 6,5 Mio. € zusätzlich: unter anderem für geländegängige Löschfahrzeuge. Zu oft brennt es inzwischen in Feld, Wald und Flur. Zu häufig flutet Starkregen Dörfer und Städte. Letztes Wochenende noch rückte die Feuerwehr in Remagen an einem Tag 80-mal wegen Regenmassen aus, zeitgleich löschten 120 Feuerwehrleute 100 km südlich einen Waldbrand im Rhein-Hunsrück-Kreis.

Sommer 2020 bringt nur bedingt Entlastung

Herausforderungen wie diese werden bleiben, glaubt man den Klimaforschern. Denn nach der Hitze 2018 (wie in Düsseldorf, s. Foto) und 2019 bringt der aktuelle Sommer nur bedingt Entlastung. Was tun, um mit den geänderten Bedingungen zurechtzukommen?

Es gibt viele Stellschrauben, eine davon ist die Verkehrsinfrastruktur. Oberflächenversiegelung durch Straßen und Parkplätze raubt Städten viele Verdunstungsmöglichkeiten. Die Folge: Sonneneinstrahlung wird absorbiert und erhitzt im Sommer den Raum. Die Aufenthaltsqualität in den Städten sinkt.

Auch Begrünung kann zu Nachteilen führen

Doch auch die Begrünung von Verkehrsflächen kann zu Nachteilen führen. Ursache ist der Antriebsmix, der derzeit noch zu 95 % aus Verbrennungsmotoren besteht. Der erzeugt Schadstoffe und diese können bei freier Luftzirkulation nach oben abgeführt werden. Eine Begrünung mit Bäumen jedoch könnte diesen wichtigen Luftaustausch behindern.

Experten fordern daher eine systemische Herangehensweise. „Will man die Wärme in einer Stadt reduzieren, muss man erst die Schadstoffe loswerden“, bringt es Stefan Emeis vom Karlsruher Institut für Technologie auf den Punkt.

Hilfe vom VDI

Hilfe für Städte und Kommunen kommt bald vom VDI. Die neue Richtlinie 3787 Blatt 8 verbindet erstmalig und umfassend fachtechnische Grundlagen des Stadtklimas und des Klimawandels mit bautechnischen und stadtplanerischen Aspekten, kündigt Hans-Georg Dannert, Mitautor und Stadtplaner aus Frankfurt am Main, an. Achim Kampker, Ingenieur und Unternehmer, hat unterdessen in Aachen das Projekt Humanotop gestartet. Es soll zeigen, dass eine Stadt ressourcen- und damit klimaneutral sein kann.

Interessenkonflikt um die Flächennutzung

So einfach aber ist das Geschäft der Klimaanpassung einer Stadt in der Praxis nicht. „Eine Kommune hat beim Wohnungsbau zwei Seelen in der Brust. Auf der einen Seite stehen der Bedarf nach Wohnraum, der politisch teilweise vehement vorgetragen wird, und auch hohe Immobilienpreise. Auf der anderen Seite ist bekannt, dass eine attraktive Stadt eine ist, in der man gerne lebt“, erklärt Jens Hasse, Teamleiter Klimaanpassung & Stadtökologie im Deutschen Institut für Urbanistik (Difu), die Ausgangslage.

Dazu gehörten Grünflächen für die Naherholung, so Hasse, dazu gehöre, dass Städte und Wohngebiete vernünftig durchlüftet seien, so „dass man sich auf der Straße aufhalten kann, ohne sich einen Hitzschlag zu holen“.

Klimaanpassung durch bessere Stadtplanung

Aber es gibt methodische Planungswerkzeuge, um diese teils gegenläufigen Interessen unter einen Hut zu bringen: „Die doppelte Innenentwicklung ist ein Konzept, bei erforderlichen Nachverdichtungen die zu erwartenden klimatischen Veränderungen oder extreme Wetterereignisse und wirksames, attraktives Stadtgrün ausreichend zu berücksichtigen“, erklärt Difu-Experte Hasse. „Außerdem wird versucht, möglichst wenig Fläche zu versiegeln.“

Ein wichtiges Hilfsmittel für diese doppelte – oder auch mehrfache – Innenentwicklung, sind sogenannte Planungshinweiskarten. In der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn hat die Stadt diese Karten erstellt. Sie kategorisieren die Klimasensibilität von Grün- wie auch von bebauten Flächen, den sogenannten Wirkräumen. Sehr anschaulich (s. Abbildung) zeigen sie, wie zusätzliche Bebauung das Klima der Stadt beeinflussen würde.

Eine Lupe für den Klimaschutz von 10 m x 10 m

„Planungshinweiskarten dienen dazu, dass wir in einer sehr frühen Phase, wenn gebaut werden soll, im Verfahren der Bauleitplanung als Klimaleitstelle mit ins Spiel kommen“, erläutert Joachim Helbig, Leiter der städtischen Leitstelle Klimaschutz der Stadt Bonn. „Wir geben dann auf Grundlage dieser Karten unsere Fachstellungnahmen ab. So fordern wir zum Beispiel in Zweifelsfällen Detailgutachten an.“

Ausschnitt aus der Planungshinweiskarte Tag der Stadt Bonn.
Foto: Stradt Bonn

Die in Bonn im Rahmen des Forschungsprojekts Zures erarbeiteten Karten haben eine Auflösung von 10 m x 10 m. Doch auch das reicht in der Praxis nicht immer aus, weiß Helbig: „Für Detailbetrachtungen, wie sich zum Beispiel ein Kaltluftstrom bei einer entsprechenden Gebäudeentwicklung verhält, bedarf es einer schärferen Lupe mit einer Auflösung von üblicherweise 2,5 m x 2,5 m.“

Erträgliches Stadtklima dank Kaltluftströme

Die Kaltluftströme sind für Bonn sehr wichtig, damit sich der Innenstadtraum nicht immer weiter aufheizt, vor allem bei Wetterlagen wie in den vergangenen Augustwochen. „Die stadtklimatische Situation in Bonn ist problematisch: Wir befinden uns am südlichen Ende der Köln-Bonner Bucht, umgeben von zwei Höhenzügen. Wir haben recht häufig Inversionswetterlagen, die machen den Luftaustausch problematisch“, verdeutlicht Helbig.

Bonn ist daher sehr darauf angewiesen, dass die Kaltluftabflüsse, die von den Höhenzügen kommen, in der Nacht die Innenstadt kühlen. „Problematisch bei den Wirkräumen sind die hoch verdichteten Innenstadtlagen mit wenig Grün. Sehr gut sind die Bereiche in Hanglagen mit einem hohen Luftaustausch, vor allem wenn die Gebäude so ausgerichtet sind, dass die Kaltluftströme problemlos daran vorbeiströmen können“, so Helbig.

Bonner Zwist um Bau im Freibad

In Bonn ist derzeit zu beobachten, was für ein sensibles Thema es ist, in einem Areal eine Bebauung auch nur verändern zu wollen, wenn es um die von Joachim Helbig, dem Leiter der Leitstelle Klimaschutz, angesprochenen Kaltluftströme geht. „Freiraum mit großer klimatischer Bedeutung ist in Bonn zum Beispiel das Melbtal. In diesem Bereich fließen nachts große mächtige Kaltluftströme in die Innenstadt ab.“ Trotzdem soll dort jetzt auf dem Gelände des Melbbads gebaut werden, ein Zwist, der die Stadtgemeinschaft seit Wochen entzweit und, wie inzwischen feststeht, zu einem Bürgerentscheid führen wird.

Sprungturm im Freibad Melbbad, Bonn. Das Bad liegt in einem Bachtal, und zurzeit streitet die Bonner Bürgerschaft darüber, ob dort angrenzend gebaut werden darf. Unter anderem deshalb, weil durch das Bad ein wichtiger Kaltluftstrom fließt, der zur Klimaerrholung der Bonner Innenstadt besonders wichtig ist.
Foto: Stadt Bonn

Wie kommt Klimaschutz beim Bauen ins Spiel?

Wie kann das kommen? Wie kommt der Klimaschutz in Bonn ins Spiel, wenn jemand bauen möchte? Man stelle sich vor, ein Investor beantragt die Aufstellung eines Bebauungsplans. In Bonn geht dieser Antrag zum Planungsausschuss des Rates, der in diesen Dingen autark selbst entscheiden darf. Im Ausschuss wird dann ein Zielbeschluss angestrebt, damit der Investor die Planungssicherheit erhält, ob die Politik hinter dem Vorhaben steht.

Das Stadtplanungsamt gibt dem Planungsausschuss gegenüber für diesen Beschlussantrag eine Stellungnahme ab und beteiligt andere betroffene Ämter wie das Umweltamt, wenn es um die Folgen für das Stadtklima geht. „So erhält man schon sehr früh im Vorfeld der Planung wichtige Hinweise, was noch geklärt werden muss und wo es Schwierigkeiten gibt“, erklärt Petra Denny, Leiterin des Stadtplanungsamts der Stadt Bonn.

Nachverdichtung ruft die Stadtplaner auf den Plan

Das Stadtplanungsamt ist dann im Boot, wenn es um konkrete Bauvorhaben geht, zum Beispiel um eine Nachverdichtung. „Wir werden dann vom Amt für Bauaufsicht beteiligt und geben städtebauliche und planungsrechtliche Stellungnahmen ab. Das muss geprüft sein, bevor eine Baugenehmigung erteilt werden kann“, erklärt Denny.

„Die ersten Hinweise aus dem Zielbeschluss zeigen, wo wir noch einmal detailliertere Gutachten einfordern müssen, wie Klimaschutzgutachten, hydrogeologische Gutachten oder Lärmschutzgutachten“, erklärt Denny. Dann weiß der Investor, was er noch zu beauftragen hat, damit es im Verfahren auch weitergehen kann.

Ist das Baurecht erst geschaffen, steht der Klimaschutz außen vor

Vom Zielbeschluss bis zum Satzungsbeschluss durchläuft eine Bauanfrage verschiedene Schritte mit immer weitergehender Konkretisierung. Im Rahmen dieser Abstimmungsprozesse kommt auch die Leitstelle Klimaschutz zu Wort. Die Klimaaspekte hier einfließen zu lassen, ist wichtig, bestätigt Difu-Experte Hasse: „Steht erst einmal in einer Kommune für ein Areal ein Bebauungsplan, dann ist damit Baurecht geschaffen. Was bis dahin nicht geregelt ist, kann die Kommune auch im Nachhinein nicht einfordern.“

Das gelte auch für Ausgleichsmaßnahmen, um Klimaanpassungsbelange zu berücksichtigen. „Dass die Kommune diese einfordern kann, muss von Anfang an schon mit einbezogen werden in den qualitativen Zielen der Bauleitplanung oder in den kommunalen Satzungen zur Entwässerung (etwa Objektschutz), zu Dachbegrünungen oder der Bepflanzung von Vorgärten.“

Klimaschutz im Baurecht

Aber nicht immer gibt es eine Bauleitplanung. Im Wesentlichen komme dann Baurecht zum Tragen, erläutert Denny: „Dann beurteilen wir das Bauvorhaben nach § 34 BauGB. Danach muss sich ein Bauvorhaben in die bestehende Bebauung nach bestimmten Kriterien aus dem Baurecht einfügen. Wenn er diese erfüllt, hat ein Investor einen Rechtsanspruch auf eine Baugenehmigung.“ Denn, so Denny, bei der Zulässigkeit nach § 34 BauGB werde der Aspekt des Klimaschutzes nicht explizit geprüft.

Fallen also Klimaschutz und Klimaanpassung hinten runter? „Anforderungen aus diesem Bereich können wir in solchen Fällen dann nur auf der informellen Ebene an den Investor herantragen und das tun wir auch. Zu etwas verpflichten können wir ihn allerdings nicht“, räumt die Leiterin des Bonner Stadtplanungsamts ein.

Ein Vorgehen, dass auch Difu-Experte Hasse kennt und den Bonner Ansatz bestätigt: „Dort, wo eine Stadt keine verbindliche Eingriffsmöglichkeiten zur Durchsetzung von Klimaanpassungsmaßnahmen mehr hat, können auch eine Bauherrenberatung und Verhandlungen mit Investoren helfen. So könnte eine Stadtverwaltung sagen: ‚Wir geben Geld dazu, wenn du einen Teil deiner Tiefgarage oder deiner Grünflächen für die Starkregenvorsorge nutzbar machst.‘ Man kann so versuchen, eine Win-win-Situation zu schaffen.“

Städte müssen beim Klimaschutz weit im Vorfeld auf Stadtplanung setzen

Das Baurecht und die Stadtplanung spielen also eine große Rolle bei Maßnahmen zur Klimaanpassung. Am Baurecht kann eine Kommune selbst erst einmal wenig ändern. Bei der Stadtplanung aber sei viel möglich, verdeutlicht Hasse, das zeigten Beispiele: „Manche Städte, die ich als Vorreiter einordnen würde, geben sich Grünstrategien oder Grünsatzungen, die das Planungsrecht ergänzen. So definiert die Stadt Wien als Teil ihrer Grünstrategie, dass jeder Bewohner der Stadt eine bestimmte maximale Entfernung zu einer Grünflache einer bestimmten Größe haben muss. Das gilt für bauliche Neuentwicklungen oder für Stadterneuerungsprojekte, ansonsten gilt Bestandsschutz.“

Kommunale Verwaltungsstruktur hemmt Klimaschutz

„Man kann Planungs- oder Bauvorgaben zur Umsetzung von Klimaanpassungsmaßnahmen im öffentlichen und privaten Raum nur im Vorfeld eines Bebauungsplanverfahrens festlegen. Da müssen sich alle in einer Stadt einig sein. Deshalb empfehlen wir Kommunen, als festes Instrument der Verwaltung eine ‚Starterrunde‘ festzulegen, bei der alle beteiligten Ämter an einem Tisch sitzen, bevor es losgeht. Das wäre schon ein sehr, sehr guter Anfang für diverse Planungs- und Entwicklungsprozesse in der Stadtentwicklung.“

Die Großstadtverwaltung mit ihren scharf nach Zuständigkeiten getrennten Fachämtern sei ein System mit „langer Tradition“ und einem großen Beharrungsvermögen dieser ‚Versäulung“, weiß Difu-Experte Hasse aus Erfahrung. Die Starterrunden seien da ein geeignetes Instrument, um neue Impulse für eine direkte Kooperation und integrierte Planungen zu geben.

„Starterrunden gibt es zum Beispiel in der Starkregenvorsorge. Sobald die Bauleitplanung überarbeitet wird, wird diese Runde einberufen und alle dürfen sich einbringen, bevor ein Stadtplanungsamt überhaupt loslegt“, nennt Hasse ein erfolgreiches Beispiel aus der Praxis. Das müsste man auf die urbane Grünentwicklung und sicherlich auch auf den Bereich der Hitzevorsorge übertragen.

Den Fokus „Urbaner Klimawandel“ lesen Sie im aktuellen E-Paper der VDI nachrichten.

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