WIRTSCHAFT 15. Sep 2016, 10:18 Uhr Wolfgang Schmitz

Wachstum ist nicht gleich Wohlstand

Von Ludwig Erhard bis zur Degrowth-Bewegung – wie sich die Kritik am Wachstumsdenken vervielfältigte.

Auch wenn es manchmal so scheint: Wirtschaftliches Wachstum ist bei Weitem nicht alles.
Foto: panthermedia.net/Viviamo

Die Wirtschaft kann nicht ewig wachsen, allein die Endlichkeit der Ressourcen lässt das nicht zu. Diese These vereint 400 Wachstumskritiker, die sich jüngst auf der fünften internationalen Degrowth-Konferenz in Budapest trafen. Die Ökonomen, Philosophen, Aktivisten und Studenten stehen in der Tradition einer Kritik, die vor rund 60 Jahren einsetzte.

„Wir werden uns fragen müssen, was denn kostbarer oder wertvoller ist: noch mehr zu arbeiten oder ein bequemeres, schöneres und freieres Leben zu führen.“ Ludwig Erhard, Wirtschaftsminister bis 1963.
Foto: imago/Sven Simon

Ludwig Erhard, Vater des Wirtschaftswunders, lehnte Wirtschaftswachstum als vorrangiges politisches Ziel ab. Wohlstand, gesellschaftlicher Fortschritt und persönliches Glück waren für den Bundeswirtschaftsminister nicht zwangsläufig an das Bruttosozialprodukt gekoppelt. „Mit steigender Produktivität und höherer Effizienz der menschlichen Arbeit werden wir einmal in eine Phase der Entwicklung kommen, in der wir uns fragen müssen, was denn kostbarer oder wertvoller ist: noch mehr zu arbeiten oder ein bequemeres, schöneres und freieres Leben zu führen, dabei vielleicht bewusst auf manchen güterwirtschaftlichen Genuss verzichten zu wollen“, so Ludwig Erhard 1957.

Sein Zeitgenosse, der Philosoph Karl Jaspers, äußerte bereits ökologische Bedenken: Die Wirtschaft „muss sich … von Grund aus wandeln, wenn die Expansion an der Enge der endgültig verteilten Erde ein Ende gefunden hat“. Jaspers beklagte einen „Menschentypus, dessen Dasein sich verzehren lässt in diesem quantitativ zu steigernden Produzieren und Konsumieren, in einem Leben zwischen der träger werdenden Arbeitslust und der leerer werdenden Freizeit“.

Karl Schiller, Ludwig Erhards Nachfolger als Wirtschaftsminister, formulierte 1967 das „Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft“. Seitdem ist Wachstum staatlich verordnet und seitdem herrscht die Vorstellung, alle profitierten vom wachsenden Kuchen. Wirtschaftswachstum wurde zum Allgemeininteresse. Erst mit der Ölkrise und der 1972 vom Club of Rome vorgelegten Studie „Die Grenzen des Wachstums“ wandte sich die breite Öffentlichkeit der Umweltbelastung zu.

Die Grenzen des Wachstums beschäftigen seitdem Philosophen wie „alternative“ Ökonomen. Sie wollen der Ökologie zu ihrem Recht verhelfen, sei es durch autonome, sparsame und solidarische Gesellschaften, wie der Franzose Serge Latouche, durch kurze und umweltverträgliche Transportwege, wie der Ökonom Niko Paech, oder durch eine Kultur des Teilens, wie Friedrich Schmidt-Bleek. Der Erfinder des „ökologischen Rucksacks“ sieht vom Abbau der Rohstoffe bis zur Entsorgung eine lange Kette an Umweltbelastungen. Das Problem sei systemimmanent, meinen viele Wachtsumskritiker, der Kapitalismus mit ökologischen Zielen unvereinbar. Der „Rebound-Effekt“ mache Effizienzbemühungen durch steigende Nachfrage wieder zunichte.

André Gorz sah die Produktion bereits in den 1970er-Jahren auf dem Weg zur Wegwerfgesellschaft, in der Waren immer kurzlebiger und irreparabel seien. Das künstliche Schaffen ständig neuer materieller Bedürfnisse, so der Sozialphilosoph, hielte das System aufrecht. Der 2007 verstorbene Franzose war kein Technikfeind, in Robotern und Software sah er eine Möglichkeit, das Leben bequemer zu gestalten.

Der „Happy Planet Index“ des britischen Thinktanks „New Economics Foundation“ (NEF) stellte dem BIP 2006 nachhaltige Lebenszufriedenheit entgegen und koppelte die Kritik nicht nur an ökologische Aspekte. Das Glück solle Maßstab für Rankings und politisches Handeln sein. Auch der Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel, einst Vertrauter des CDU-Politikers Kurt Biedenkopf, sieht im Rückgriff auf Erhard nicht die Ökonomie als Gradmesser für Wohlstand, sondern das, was daraus resultieren sollte: „Gesundheit, gesellschaftliche Einbindung, sozialer Zusammenhalt, Bildungschancen, Fairness und Gerechtigkeit, eine intakte Umwelt und nicht zuletzt zukunftsfähige Wirtschafts- und Lebensweisen.“

Der Mensch sei der Wachstumshysterie müde, wird der Essener Organisationspsychologe Wolfgang Stark in einem aktuellen Beitrag zitiert: „Das Thema Wettbewerb haben wir in den vergangenen Jahrzehnten überzogen. Wir brauchen eine neue Wir-Kultur, weil uns Wettstreit und Ich-Denken die Grenzen des Wachstums vor Augen führen.“

Auf der Degrowth-Konferenz klang es ähnlich, als von einer „neuen Philosophie und Kunst des Zusammenlebens“ die Rede war.

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