FLEXIBILITÄT 10. Jul 2019, 09:44 Uhr Jörg Hofmann, Rainer Dulger

Wie flexibel müssen Arbeitgeber und Arbeitnehmer sein?

Alles muss flexibler werden. Jahrelang erklang diese Forderung von den Arbeitgebern bei jeder Gelegenheit.

Jörg Hofmann, Vorsitzender der IG Metall
Foto: Frank Rumpenhorst/ IG Metall

Überstunden, Arbeit am Wochenende, kurzfristige Zusatzschichten: All das sei notwendig, um im digitalen Zeitalter im globalen Wettbewerb zu bestehen. Und die Beschäftigten haben geliefert: Mit Überstunden, Schichtarbeit und nicht selten auch am Wochenende gewährleisten sie hochflexible Lösungen und sichern den Erfolg unserer Wirtschaft. Als aber die Beschäftigten ihrerseits begannen, flexible Lösungen einzufordern, wechselten die Arbeitgeber schnell die Tonart und beschworen den angeblichen Untergang des Standorts. Mit der Realität hatte das nichts zu tun. Klar ist: Die Beschäftigten brauchen Arbeitszeiten, die zum Leben passen. Denn vielen fällt es immer schwerer, Arbeit und Privatleben zu vereinbaren. Wer ständig Überstunden schiebt, am Wochenende arbeitet und auf Abruf verfügbar sein soll, gerät an seine Grenzen, wenn er Kinder erziehen, Angehörige pflegen oder im Sportverein Jugendliche trainieren will. Umso wichtiger ist es, dass wir uns als IG Metall in den Tarifverhandlungen der Metall- und Elektroindustrie durchgesetzt haben und für mehr Selbstbestimmung bei der Arbeitszeit sorgen. Denn der Tarifabschluss bringt den Beschäftigten neben deutlich mehr Geld auch die gewünschte Flexibilität: Sie haben Anspruch auf befristete verkürzte Vollzeit. Beschäftigte, die Kinder betreuen, Angehörige pflegen oder in Schicht arbeiten, bekommen sogar eine weitere Wahloption: Sie können ab 2019 einen Teil des zusätzlichen Geldes in Zeit umwandeln, der Arbeitgeber steuert weitere Tage hinzu, um so acht freie Tage mehr im Jahr zu erhalten. Das ist ein Meilenstein auf dem Weg zu einer modernen, selbstbestimmten Arbeitswelt.

Rainer Dulger, Präsident Gesamtmetall
Foto: Laurence Chaperon/Gesamtmetall

Wir haben gerade einen Tarifvertrag mit der IG Metall abgeschlossen, der stärker erlaubt, die Arbeitszeit an persönliche Lebensphasen anzupassen – indem sie mal verkürzt, aber auch verlängert werden kann. Aber bei aller Freude ist klar: Das kann nur der Anfang sein. Unsere Arbeitswelt verändert sich: technologisch, gesellschaftlich und demografisch. Diese Veränderungen erfordern eine andere Arbeitsorganisation. Wünsche und Ansprüche der Beschäftigten stoßen an Grenzen der heutigen Arbeitszeitregeln.

Ein Beispiel: Wer digital und mobil aufwächst, für den ist es später selbstverständlich, mit Laptop oder Smartphone selbstständig zwischen Arbeit und Freizeit zu wechseln. Als Vorgesetzter ist es mir egal, wo und wann das Projekt fertig entwickelt wird – solange es zum vereinbarten Zeitpunkt fertig ist. Aber nach den heutigen Rahmenbedingungen muss ich Nachtzuschlag zahlen, wenn abends programmiert wird, bin ich verantwortlich, dass die Arbeitsstättenverordnung eingehalten wird und muss
ich dafür sorgen, dass wenn der Laptop zugeklappt wird, er auch mindestens 11 h aus bleibt. Das kann es ja nun auch nicht sein. Es geht nicht darum, alle Regeln über Bord zu werfen. Es geht darum, den bestehenden Regelungen aus Zeiten der industriellen Fließbandarbeit solche zur Seite zu stellen, die auf die Wissensarbeit des 21. Jahrhunderts anwendbar sind. Dieser Aufgabe müssen sich Sozialpartner und Politik gemeinsam stellen, um unsere Industrie und unser Land zukunfts- und wettbewerbsfähig aufzustellen. Pauschale Beißreflexe auf beiden Seiten helfen da niemandem. Wir haben viel Arbeit vor uns. Gehen wir sie an!

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