ARBEITSZEIT 10. Jul 2019, 10:22 Uhr Hartmut Steiger

30-Stunden- Woche in fünf Jahren

Der Ökonom Alfred Kleinknecht plädiert für die Verkürzung der Arbeitszeit zur Bewältigung des demografischen Wandels und der Alterung der Gesellschaft. Das setzt eine höhere Arbeitsproduktivität und mehr Wertschöpfung voraus. Durch die Hartz-Reformen hat sich die Zunahme der Wertschöpfung jedoch halbiert.

VDI nachrichten: Sie fordern kürzere Arbeitszeiten. Warum?

Kleinknecht: Wir stehen vor einer Revolution, die durch die Informationstechnik ausgelöst wird. Die beiden US-Ökonomen Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee gehen von einem erheblichen Potenzial für Produktivitätserhöhungen aus. Das ist an sich gut, kann aber dazu führen, dass Arbeitslosigkeit steigt und die Akzeptanz von Technik schwindet. Daher werden wir in den nächsten Jahren nicht umhinkommen, über Arbeitszeitverkürzung zu reden. Zudem gibt es in Südeuropa eine gigantische Arbeitslosigkeit, nachdem die Finanzblase geplatzt war. Danach folgt meist eine längere Wachstumsschwäche. Das bedeutet, dass die Arbeitslosen für Jahre keine Perspektive haben.

Flexibilität bestimmt die Arbeitszeitdebatte

Seit den 90er-Jahren ist es still geworden um die Arbeitszeitverkürzung. Dennoch hat sich, von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, ein deutlicher Rückgang der Arbeitszeit vollzogen.

Zwischen 1992 und 2012 ist die Jahresarbeitszeit je Erwerbstätigen von 1564 Stunden auf 1388 Stunden gesunken. Im gleichen Zeitraum ist das Arbeitsvolumen, also die von allen Erwerbstätigen geleisteten Stunden pro Jahr von 59,735 Mrd. Stunden auf 58,072 Mrd. Stunden zurückgegangen. Der Grund dafür liegt in der starken Zunahme der Teilzeitbeschäftigung.

Bestimmt wird die arbeitszeitpolitische Debatte vor allem durch das Thema Flexibilität. Nicht mehr kürzer, sondern flexibler sollen die Deutschen arbeiten.

Flexible Arbeitszeiten sind eine Antwort auf kürzere Produkt- und Innovationszyklen, auf neue Kundenerwartungen und häufig wechselnde Schwankungen in der Nachfrage.

Dabei sind Gleitzeit, Arbeitszeitkonten oder Vertrauensarbeitszeit entscheidend. Sie eröffnen, so der Münchner Arbeitswissenschaftler Dieter Sauer, neue „Spielräume für die Selbstorganisation von Arbeit“. Das Spannungsfeld zwischen den betrieblichen Ansprüchen an Flexibilität und den Erwartungen der Beschäftigten an individuelle Arbeitszeitoptionen bleibt bestehen.

Grundsätzlich, das zeigt eine Untersuchung von Elke Holst und Anna Wieber vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, weichen die von den Beschäftigten gewünschten Arbeitszeiten deutlich von den tatsächlichen ab.

Danach würden Männer wie Frauen lieber weniger arbeiten: Männer statt 42 Stunden in der Woche 38 Stunden, Frauen anstelle der gut 32 Stunden nur gut 30 Stunden. Die Befragten wären auch bereit, entsprechende Entgeltkürzungen hinzunehmen.

Teilzeitbeschäftigte Frauen würden gerne länger arbeiten. Im Osten statt der knapp 28 lieber 30 Stunden in der Woche, im Westen statt der knapp 22 Stunden eine gute Stunde mehr. Die vereinbarte Arbeitszeit in Ost und West ist übrigens deutlich niedriger.

Arbeitgeber rechnen aufgrund der demografischen Entwicklung mit einem Mangel an Arbeitskräften, nicht mit einem Überschuss.

Alfred Kleinknecht

Foto: HBS

Jahrgang 1951, ist Visiting Fellow am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut in der Hans-Böckler-Stiftung in Düsseldorf. Bis zu seiner Emeritierung 2013 war er Professor für Innovationsökonomie an der TU Delft.

Arbeitgeber klagen allgemein sehr schnell über Arbeitskräftemangel. Wenn Sie sich die Arbeitslosigkeit in Süd-Europa anschauen, dann gibt es noch ein großes ungebrauchtes Arbeitspotenzial in Europa. Wenn es in bestimmten Nischen Facharbeitermangel gibt, dann muss dies mit einer Ausbildungsoffensive gelöst werden.

Zur Bewältigung des demografischen Wandels und der Alterung der Gesellschaft brauchen wir ja mehr Innovation und eine höhere Wertschöpfung pro Arbeitsstunde. Das jedoch kostet Beschäftigung, wenn die Arbeitszeit gleich bleibt.

Aus dieser Zwickmühle kommt man mit kürzeren Arbeitszeiten heraus?

Längere Arbeitszeiten helfen ein bisschen, lösen aber das Alterungsproblem nicht wirklich. Eine bessere Strategie ist: mehr Arbeitsproduktivität durch eine schnelle Einführung von arbeitssparenden und produktivitätserhöhenden Technologien. Durch die IT-Revolution liegt hier ein großes Potenzial, das darauf wartet, ausgeschöpft zu werden. Das erfordert eine Offensive im Ausbildungssektor – und einen hohen Lohnkostendruck. Es hilft also für das Produktivitätswachstum, wenn wir durch Arbeitszeitverkürzung das Arbeitsangebot knapp halten, sodass die Löhne nicht gedrückt werden können. Ich könnte mir vorstellen, dass man in den nächsten fünf Jahren auf eine 30-Stunden-Woche kommt.

Dann wäre die demografische Entwicklung ein Segen?

In diesem Punkt können wir froh sein.

Unternehmen in Deutschland sehen schon jetzt die Gefahr einer sinkenden Wettbewerbsfähigkeit, die durch kürzere Arbeitszeiten größer würde.

Deutschland hat kein Problem mit Wettbewerbsfähigkeit. Deutschland hat einen sehr hohen Exportüberschuss und bringt damit andere Länder in Schwierigkeiten. Außerdem: Arbeitszeitverkürzung muss im Prinzip nicht zulasten der Wettbewerbsfähigkeit gehen. Man kann ja den verteilungsneutralen Spielraum, also die Summe aus Produktivitätsfortschritt und Inflationsrate, statt für Lohnerhöhungen auch für Arbeitszeitverkürzung nutzen. Nicht die Arbeitszeit konstant halten und die Löhne erhöhen, sondern umgekehrt. Das lässt sich so austarieren, dass es für die Betriebe nicht zu höheren Kosten führt.

In Deutschland wurde von der Regierung Schröder mit den Hartz-Reformen ein großer Niedriglohnsektor mit geringer Produktivität geschaffen. Diese Reformen gelten doch als Erfolg.

Da liegt genau das Problem. Der Niedriglohnsektor ist aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit entstanden. Damit beginnt ein Verdrängungsprozess: besser Qualifizierte ersetzen die schlechter Ausgebildeten. Zur Not kann ein Ingenieur Taxi fahren, aber ein Taxifahrer kann nicht Ingenieur werden. Die Chancen für Menschen am unteren Ende der Beschäftigungsskala steigen nur dann, wenn es insgesamt wieder mehr Beschäftigung gibt. Das Problem ist, dass diese Stellen oft schlecht bezahlt sind, weil der Chef sagen kann: „Auf deinen Job warten schon zehn andere.“ Übrigens hat sich seit den Hartz-Reformen das Wachstum der Wertschöpfung pro Arbeitsstunde in Deutschland halbiert.

Sie sagen, dass die Hartz-Reformen Innovationen unterminieren. Warum ist das so?

Deutschland verdankt seine Erfolge seit den 1950er-Jahren einem Innovationsmodell, das in der Literatur mit „kreativer Akkumulation“ beschrieben wird: langfristiger Aufbau von Kenntnissen für die ständige Verbesserung von Produkten, Prozessen und Systemen. Außer den Japanern beherrscht das niemand so gut wie die Deutschen. In den Köpfen der Menschen sitzt viel akkumulierte Kenntnis, die an einer langfristigen Bindung an den Betrieb interessiert ist. Die Lockerung des Kündigungsschutzes und die Schaffung von mehr flüchtigen Arbeitsverhältnissen ist hier nicht hilfreich. Daher ist ‚Hartz‘ ein Angriff auf das Modell Made in Germany.

US-Unternehmen im Silicon Valley bewegen sich auf einem flexiblen Arbeitsmarkt und sind besonders innovativ.

Das trifft zu, solange sie Garagenunternehmen sind. Die USA hatten es in der klassischen Industrie seit der Reagan-Revolution allerdings sehr schwer in der Konkurrenz mit den Japanern und den Deutschen.

Symbolisch dafür ist der Beinahe-Konkurs von Detroit. Übrigens, in dem Maße, wie die erfolgreichen Silicon-Valley-Unternehmen umschalten auf „kreative Akkumulation“, ist für sie der Hire-and-Fire-Arbeitsmarkt der USA kein guter Standort mehr. Im Silicon Valley wechseln jedes Jahr 10 % der Ingenieure ihre Stelle. Das heißt: Es geht viel Know-how verloren und Konkurrenten können sehr schnell aufschließen zu den Marktführern. Die können ihren Vorsprung nicht mehr lange genug halten.

Den Silicon-Valley-Unternehmen wird ja eine goldene Zukunft prophezeit.

Ich zweifle daran. Ihre Innovationen werden zu schnell nachgeahmt durch den häufigen Personalwechsel.

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