Women-on-Board-Index: Wenig Bewegung 03. Jul 2020 Von Claudia Burger

75 börsennotierte Firmen planen ohne Frauen in Führungsetagen

75 der großen börsennotierten Konzerne planen mit einer frauenfreien Führungsetage, darunter das Dax-30-Unternehmen HeidelbergCement, Dax-30-Aufsteiger Deutsche Wohnen und die MDax-Shootingstars Delivery Hero, HelloFresh und Rocket Internet. Das ergibt der Women-on-Board-Index (WoB) der Initiative „Frauen in die Aufsichtsräte“ (Fidar).


Foto: PantherMedia / Andriy Popov

Bei der Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen ist laut Fidar der Motor ins Stocken geraten. Zwar sei der Frauenanteil in den Aufsichtsräten der derzeit 188 im Dax, MDax und SDax sowie der im regulierten Markt notierten, voll mitbestimmten Unternehmen seit Anfang 2015 um 12,3 Prozentpunkte auf durchschnittlich 32,2  % gestiegen – im Vergleich zum Vorjahr betrug der Zuwachs aber nur noch 1,3 Prozentpunkte. Die 105 der Quote unterliegenden Unternehmen erreichen im Aufsichtsrat mit durchschnittlich 35,2 % Frauen (+13,9 Prozentpunkte seit 2015) einen neuen Höchststand. Die 83 nicht der Quote unterliegenden Dax-Unternehmen hätten sich seit 2015 auf 22,8 % (+9,1 Prozentpunkte seit 2015) gesteigert, bleiben aber laut WoB weiterhin deutlich unter 30 %.

Stagnation bei gleichberechtigter Teilhabe in den Vorständen

In den Vorständen dominieren die Männer laut Fidar weiterhin mit stabilen 90 %. Der Frauenanteil habe die 10-%-Marke knapp überstiegen. Seit 2015 legte der Wert um 5,7 Prozentpunkte auf 10,7 % (+1,5 Prozentpunkte seit 2019) zu – bei den Quotenunternehmen liege der Anteil bei 11,5 %. Das entspricht einer Steigerung seit 2016 um 6,6 Prozentpunkte. Den geringen Frauenanteil zu steigern, beabsichtigen laut Fidar nur wenige Konzerne. Weiterhin planen 75 der 165 Unternehmen, die eine Zielgröße für den Vorstand festgelegt und derzeit eine frauenfreie Vorstandsetage haben, mit Zielgröße „null“. Das kritisieren Fidar, andere Frauenverbände und auch die Bundesministerin Franziska Giffey. Sie plant ein Gesetz, das diese Situation ändern soll. „Viel zu viele Unternehmen geben sich die Zielgröße ‚null‘ für den Vorstand – zeigen also null Ambitionen. Ich kann das, insbesondere in Anbetracht der Coronakrise, nicht verstehen. Wir sehen, dass viele Frauen in Führungspositionen, beispielsweise als Regierungschefinnen, die Coronakrise erfolgreich managen: unaufgeregt, pragmatisch, zielorientiert. Zu viele Unternehmen scheinen diesen Vorteil von Frauen nicht nutzen zu wollen, deshalb ist unser Gesetzesentwurf eindeutig. Große deutsche Unternehmen, deren Vorstände aus vier oder mehr Personen bestehen, sollen zukünftig mindestens eine Frau in ihren Vorstand bestellen“, sagt Giffey. „Aber da hört unser Entwurf nicht auf, denn wer künftig weiterhin die Zielgröße ‚null‘ meldet und dies nicht plausibel begründet, muss mit spürbaren Sanktionen rechnen. Es ist an der Zeit, den Druck zu erhöhen, ich werde in der Bundesregierung alles dafür tun, hier weiterzukommen.“ Ob dafür eine Mehrheit gewonnen werden kann, ist allerdings fraglich.

„Zero Tolerance für Zero Diversity“

Fidar-Präsidentin Monika Schulz-Strelow zeigt sich kämpferisch: „Die Zeit der Appelle ist vorbei. Wir wussten, dass es ein Marathon wird, den Frauenanteil in Führungspositionen zu erhöhen. Die erste Hürde wurde mit Einführung der Quote vor fünf Jahren genommen. Aber wo kein Druck ausgeübt wird, scheint es an Willen zur Veränderung und Kondition zu fehlen. Unternehmen, die weiter mit Zero Diversity planen, muss jetzt die Rote Karte gezeigt werden. Wir müssen daher die gesetzlichen Vorgaben ausweiten und die Sanktionen verschärfen. Es ist Zeit, Blockaden zu überwinden und das Tempo zu steigern.“ Es sei eine gemeinsame Verantwortung der Frauen und Männer in den Führungsgremien der Wirtschaft, die gleichberechtigte Teilhabe auf allen Ebenen durchzusetzen. Laut Fidar mache die verbindliche Frauenquote den Unterschied. In allen Bereichen der Untersuchung des WoB-Index sind in den der Quote unterliegenden Unternehmen größere Fortschritte beim Frauenanteil festzustellen, in den Aufsichtsräten und Vorständen, in den Ausschüssen der Aufsichtsräte und bei den Zielgrößen. Quotenunternehmen setzten sich weitaus ehrgeizigere Ziele als die Nicht-Quotenunternehmen. „90 % Männerquote sind ein Armutszeugnis für die deutsche Wirtschaft. Deutschland steht damit bei der Teilhabe weltweit auf den hintersten Plätzen. Die Bundesregierung sollte die Ratspräsidentschaft der Europäischen Union nutzen, um der gleichberechtigten Teilhabe neuen Schub zu verleihen. Europaweit einheitliche Vorgaben für den Frauenanteil in Führungspositionen wären ein Meilenstein für die Gleichberechtigung“, betont Schulz-Strelow. „Weigern sich die Unternehmen weiterhin, strategisch mit Frauen in der Führung zu planen, wäre eine Quote für die Vorstandsebene die logische Konsequenz. Und diese Quotenregelung hätten sich die Unternehmen selbst verdient, indem sie die letzte Chance der freiwilligen Selbstregulierung ausgeschlagen haben.“

Der Women-on-Board-Index

Der 2015 erstmals herausgegebene WoB-Index 100, der die börsennotierten und voll mitbestimmten Unternehmen untersucht, sowie der WoB-Index 160 der Dax-, MDax und SDax-Unternehmen (vormals auch der TecDax-Unternehmen) wurden 2017 im Women-on-­Board-Index 185 zusammengefasst. Weiterhin veröffentlicht werden hier die Rankings des WoB-Index 100.

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