STUDIUM 29. Nov 2013, 10:38 Uhr Wolfgang Schmitz

Am KIT in Karlsruhe steuern Ampeln die Lehre

Beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) wollte man nicht länger tatenlos zusehen, wie jeder Zweite Studierende sein Studium abbricht. Deshalb schrieb der Verband den Wettbewerb "Maschinenhaus" aus. Aus sechs vorbildlichen Initiativen ragten das Karlsruher Institut für Technologie und die FH Köln heraus.

Viele deutsche Ingenieurwissenschaftsstudenten geben heute ihr Studium auf, doch einige Projekte versuch daran etwas zu ändern!
Foto: panthermedia.net/realinemedia

Deutsche Maschinenbauer sind spitze. Das weiß kaum jemand besser als Reinhold Festge. „Sieben von zehn Unternehmen sind Innovatoren, bringen bessere und neue Produkte auf den Markt. Bei den Maschinenbau-Patentanmeldungen beim Europäischen Patentamt führen deutsche Erfinder die Rangliste an.“

Die technischen Fächer ragen in Deutschland aus dem Spektrum der Disziplinen heraus – leider auch, was die Abbruchquoten betrifft. 53 % der Maschinenbau- und Elektrotechnik-Studenten an Universitäten geben vor dem Bachelor-Abschluss auf, wie die Grafik des VDMA belegt.

Das Loblied auf den hiesigen Maschinenbau verfügt zum Leidwesen des VDMA-Präsidenten aber auch über Sequenzen in Moll. „Seit Langem führen die Maschinenbauer und Elektrotechniker die Rangliste der Studienabbrecher an. Jeder zweite Studierende an den Universitäten gibt in den beiden Studiengängen sein Studium wieder auf.“ An den Fachhochschulen gibt jeder Dritte vorzeitig auf.

Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und des jährlichen Zusatzbedarfs von rund 5000 Ingenieuren in Deutschland sei die Zunahme der Studienanfängerzahlen um 38 % innerhalb der vergangenen fünf Jahre, so der VDMA, ein absolutes Muss gewesen. Dieser Höhenflug dürfe jetzt nicht durch die Strategie des Einfach-so-Weitermachens gefährdet werden. Sich mit den desaströsen Abbrecherzahlen abzufinden, sei der völlig falsche Weg.

Abbrecher werde es immer geben, schließlich könne es nicht Ziel der Hochschulen sein, die hohe Qualität der Studienangebote zu senken, um mehr junge Menschen durchs Studium zu bugsieren. „Wir könnten damit leben, wenn die Abbrecherquote erst einmal auf das Niveau anderer Studiengänge gesenkt werden könnte. 25 % wären ein erstes Etappenziel“, sagt Hartmut Rauen, in der VDMA-Führung zuständig für Bildung und Innovation.

Einige Hochschulen zeigten bereits, dass trotz finanzieller Engpässe und wachsender Heterogenität der Studierenden (Unterschiede in Eintrittsalter, kulturellem Hintergrund und Schulbildung) eine Verbesserung der Studierenden-Betreuung möglich ist, ansetzend in der Schule bis hin zum Jobeinstieg.

Um dieses Engagement zu belohnen und die Vorzeige-Projekte auch anderen Hochschulen näher zu bringen, rief der VDMA die Initiative „Maschinenhaus“ ins Leben. 23 Fakultäten und Fachbereiche aus Maschinenbau und Elektrotechnik – das sind 10 % aller entsprechenden Abteilungen in Deutschland – beteiligten sich an dem Wettbewerb um die besten Lehrkonzepte, sechs kamen in die Endrunde (FH Köln, Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, Hochschule Offenburg, Karlsruher Institut für Technologie (KIT), TU Darmstadt und Uni Stuttgart).

„Hätte ich sechs Kinder, würde ich jedes einem der Finalteilnehmer anvertrauen“, lobte VDMA-Präsident Festge die Finalisten des mit 100 000 € dotierten Wettbewerbs. Allen gemein sei es, den Sinn des Lehrstoffs anhand von Projekten zu verdeutlichen, eine Beziehung zur Hochschule aufzubauen und den Studenten Mentoren zur Seite zu stellen.

Das schlüssigste Konzept legte nach Meinung der Jury, in der auch Vertreter des Stifterverbandes, der Studierenden und des VDI saßen, das KIT vor. Ein Ampelsystem gibt Auskunft über die Zufriedenheit der Studenten. Grün zeugt von guter Resonanz, gelbe und rote Signale werden etwa bei hohen Durchfallquoten gedrückt und bedeuten, dass eine Veranstaltung verbesserungswürdig ist. Dieses System der Qualitätssicherung sorgt dafür, dass ständig an der Qualität gefeilt wird. So ist in den vergangenen fünf Jahren die Abbrecherquote von 40 % auf unter 15 % gesenkt werden, ohne das Anforderungsniveau zu senken.

„An den schwarzen Brettern des KIT hängen die Bewertungen für die Professoren aus. Studierende und Lehrende gehen mit der Einschätzung von Lehre und Lehrenden sehr transparent um“, kommentiert Hartmut Rauen vom VDMA einen wesentlichen Trumpf des KIT-Erfolgsrezepts.

Weiterer Pluspunkt der Karlsruher ist das MINT-Kolleg Baden-Württemberg, ein Gemeinschaftsprojekt mit der Universität Stuttgart. Zusätzliche Lehrangebote in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik sollen den Übergang von Schule zur Hochschule erleichtern, individuelle Schwächen sollen in Kleingruppen ausgemerzt werden. Außerdem nimmt das Kolleg Studierenden den zeitlichen Druck. Sie können ihre Regelstudienzeit verlängern, ohne dass ihnen Bafög-Kürzungen drohen.

Mit einem Sonderpreis zeichnete der VDMA die FH Köln, Campus Gummersbach, aus. Wie die Hochschule die Herausforderung Diversity meistere, sei beispielhaft. Immerhin hätten 45 % der Studienanfänger einen Migrationshintergrund. In Gummersbach stünde der Mensch im Mittelpunkt. „Dort geht man so intensiv wie an keiner anderen Hochschule auf jeden Einzelnen ein“, fand Festge Worte der Anerkennung.

Sicherlich verfolgten die sechs Hochschulen (drei Fachhochschulen und drei Universitäten) unterschiedliche Bildungsphilosophien, meinte Hartmut Rauen auf die Frage, ob die VDMA-Finalisten vergleichbar seien. Die TU Darmstadt etwa bestehe auf ihrer elitären Ausbildung und siebe ihre Bewerber bereits über die Abiturnote aus. „Das aber ist fair und besser, als die Studierenden in den ersten beiden Semestern reihenweise wieder nach Hause zu schicken.“

Was die sechs Hochschulen in ihren Projekten eine, seien letztlich ähnliche Ziele: junge Menschen nicht ins offene Messer laufen zu lassen.

„Unsere Finalisten haben erkannt, dass neue Anforderungen an die Ingenieurausbildung auch neue Lehrkonzepte und Lehrmethoden erfordern“, sagte der VDMA-Präsident. Die Zeichen der Zeit hätten aber längst nicht alle erkannt, berichtete ein VDMA-Vertreter. Es sei bei der Kontaktaufnahme zur Maschinenhaus-Initiative „erschreckend“ gewesen, wie viele Hochschulen keine Notwendigkeit für Veränderungen in ihrem Haus sehen.

Wenn Hochschulen sich nicht an Projekten wie dem Maschinenhaus beteiligten, sei das nicht nur auf mangelndes Interesse zurückzuführen, sagte Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz. Gute Betreuung sei personalintensiv und Personal koste Geld – das viele Hochschulen nicht hätten. Finanzielle Hilfen aus der Wirtschaft hätten nur begrenzten Charme. So liefen Stiftungsprofessuren meist über fünf Jahre, Hochschulen müssten diese mit eigenen Geldern dann fortführen. Hippler: „Das hat einige Hochschulen in die Enge getrieben.“

Das Maschinenhaus, findet der HRK-Chef, treibe den Wettbewerb voran und belebe die Lehre. Um die Ernte einzufahren, müssten sich parallel auch die Strukturen ändern. „Das Studium ist immer noch zu verschult.“ Bulimielernen sei die Folge. Jede Prüfung zähle für die Abschlussnote, das sei „fatal“. Studierende müssten die Chance haben, Scharten auszuwetzen.

Das Maschinenhaus soll in Serie gehen. „Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit werden wir auch nach der nächsten Auflage 2015 weitermachen“, so VDMA-Präsident Reinhold Festge. WOLFGANG SCHMITZ

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