DIW sieht „Zweites Führungspositionengesetz“ als wichtigen Schritt 20. Jan 2021 Von Claudia Burger

Frauenanteil in Vorständen kaum gestiegen

Die Frauenanteile in den Spitzengremien großer Unternehmen in Deutschland sind im vergangenen Jahr weiter gestiegen, allerdings weniger dynamisch als im Jahr zuvor. Das geht aus dem Managerinnen-Barometer des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) hervor.


Foto: PantherMedia / Andriy Popov

Die Frauenanteile in den Spitzengremien großer Unternehmen in Deutschland sind im vergangenen Jahr weiter gestiegen. Vielerorts gewann die Entwicklung aber insbesondere in den Vorständen kaum an Dynamik. Das geht aus dem neuesten Managerinnen-Barometer des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) hervor. 101 Vorständinnen gab es demnach im Herbst vergangenen Jahres in den 200 umsatzstärksten Unternehmen – sieben mehr als ein Jahr zuvor. Bei insgesamt 878 Vorstandsposten entsprach dies einem Anteil von rund 12 % und damit einem Plus von etwa einem Prozentpunkt.

Nachdem es 2019 noch etwas dynamischer aufwärtsging, büßte die Entwicklung laut DIW wieder ein wenig Tempo ein. Auch in den Vorständen der größten Banken und Versicherungen ist der Frauenanteil zuletzt etwas langsamer gestiegen als im Jahr zuvor. Die Studienautorinnen sehen die Arbeitskultur in der Finanzbranche mit der Honorierung von vielen Überstunden als Voraussetzung für eine Karriereentwicklung als eine Ursache. In der Gruppe der Dax-30-Unternehmen stagnierte der Frauenanteil laut DIW generell sogar. In den Aufsichtsräten der größten Unternehmen in Deutschland sei der Frauenanteil hingegen durchgehend weiter gestiegen. „Im Gegensatz zu einigen Aufsichtsräten sitzen bei den meisten Vorstandsrunden nach wie vor ganz überwiegend Männer am Tisch“, sagt Katharina Wrohlich, Leiterin der Forschungsgruppe Gender Economics in der Abteilung Staat am DIW Berlin.

Etwa 30 Unternehmen der 74 Unternehmen erfüllen die Vorgabe nicht

Wrohlich hat zusammen mit Anja Kirsch von der Freien Universität Berlin mehr als 500 Unternehmen unter die Lupe genommen und ausgewertet, inwieweit Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten vertreten sind. Schwung verleihen könnte der vergleichsweise zähen Entwicklung in Vorständen laut Studienautorinnen die zu Jahresbeginn vom Bundeskabinett beschlossene Mindestbeteiligung von Frauen (Zweites Führungspositionengesetz): In ihrer jetzigen Ausgestaltung würde sie für 74 Unternehmen gelten, sofern das Gesetz vom Bundestag verabschiedet wird. Das ist noch vor der nächsten Bundestagswahl geplant. Etwa 30 Unternehmen der 74 betroffenen Unternehmen erfüllen die Vorgabe von mindestens einer Frau in einem Vorstand ab vier Mitgliedern nach Berechnungen des DIW noch nicht. Die Studienautorinnen haben eine Simulation angestellt: Würde das Gesetz umgesetzt und die betroffenen Firmen würden das noch im Jahr 2021 umsetzen, stiege der Anteil der Vorständinnen in den unter die Regelung fallenden Unternehmen von etwa 13 % auf 21 %. „Die verbindliche Mindestbeteiligung von Frauen in Vorständen ist ein wichtiges gleichstellungspolitisches Signal“, so Wrohlich. „Es wird Zeit, dass sich nach den Aufsichtsräten auch in den Vorständen endlich etwas tut. Das ist auch im Interesse der Unternehmen, denn mehr Geschlechterdiversität wirkt sich meistens äußerst positiv aus.“

Frauen hinterfragen mehr, die Wertschätzung ist größer

Das unterstreichen nach Angaben der Wissenschaftlerinnen auch die Aussagen von 60 Aufsichtsrätinnen und Aufsichtsräten, die im Rahmen eines Forschungsprojekts an der Freien Universität Berlin interviewt wurden. Anja Kirsch, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Professur für Personalpolitik, befragte dabei jeweils 30 Frauen und Männer mit Aufsichtsratsmandaten in 75 börsennotierten Unternehmen zu den Auswirkungen von mehr Frauen in den Kontrollgremien. Das Ergebnis: Interaktion, Diskussion und Entscheidungsfindung profitieren laut Autorinnen deutlich. Die Interviewten empfanden laut Kirsch eine freundlichere Atmosphäre, mehr Höflichkeit und gegenseitige Wertschätzung. Zudem wurden Diskussionen als umfassender und facettenreicher beschrieben. Zugleich räumt Kirsch in der Studie mit einer allgemeingültigen Vorstellung auf: Die Annahme, dass Frauen in Aufsichtsräten besonders risikoscheue, altruistische und ethische Beiträge machen, bestätigte sich in den Gesprächen nicht. „Frauen hinterfragen offenbar eher Vorschläge und Entscheidungen des Vorstands und fordern öfter zusätzliche Informationen“, sagt Kirsch. „Geschlechterdiversität in Aufsichtsräten kann also dazu beitragen, Vorstände effektiver zu kontrollieren.“ Neueste Forschungen hätten zudem ergeben, dass Firmen, in denen Frauen in Top-Führungspositionen sind, weniger oft in Gerichtsverhandlungen und betrügerischen Aktivitäten involviert seien. Angesichts immer wieder auftretender Fälle von Betrug durch das Topmanagement – wie im Fall Wirecard – erscheinen eine verbesserte Diskussion und Entscheidungsfindung in Aufsichtsräten enorm wichtig, so die Studienautorinnen. „Die Hoffnung ist, dass in diesem Sinne auch die gesetzliche Vorgabe für eine Mindestbeteiligung von Frauen in Vorständen zusätzliche Impulse bewirkt“, so Kirsch.

Personalentwicklung in den Unternehmen muss sich anpassen

Dass verbindliche Vorgaben wirken und den Frauenanteil nachhaltig erhöhen können, zeige die 2015 beschlossene Geschlechterquote für Aufsichtsräte: Die der Quote unterliegenden Unternehmen haben die vorgeschriebene 30 %-Marke bereits 2017 geknackt und den Anteil ihrer Aufsichtsrätinnen dennoch weiter erhöht – im Herbst 2020 lag er bereits bei rund 36 %. Und noch etwas hat sich geändert: Während die Aufsichtsrätinnen bis Mitte der 2000er-Jahre meist von der Arbeitnehmerseite ins Rennen gesendet wurden, kommen die Aufsichtsrätinnen jetzt zur Hälfte aus dem Arbeitgeber- und dem Arbeitnehmerlager. Ob die Mindestbeteiligung für Vorstände eine ähnliche Entwicklung anstoßen kann, bleibe abzuwarten, sagen die Studienautorinnen. Im Gegensatz zu Aufsichtsrätinnen sei der Pool an möglichen Vorständinnen allerdings deutlich geringer, so Wrohlich, da Vorstände in der Regel langjährige Managementerfahrungen haben und aus der Hierarchieebene direkt unterhalb des Vorstands rekrutiert werden – und genau dort seien Frauen deutlich unterrepräsentiert. „Das sollten die Unternehmen dringend ändern, sonst werden sie Probleme bekommen, die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen“, so Wrohlich. Neben neuen Formen der Arbeitsorganisation müssten dafür nicht zuletzt Geschlechterstereotype in der Arbeitswelt und die vielerorts noch immer männlich geprägte Führungskultur aufgebrochen werden.

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