TECHNIK UND POLITIK 21. Mrz 2014, 09:32 Uhr J. Wendland/H. Steiger

„Der Ingenieur ist nicht der geborene Netzwerker“

Ingenieure im Bundestag werden von manchen ihrer Kollegen argwöhnisch betrachtet, das Vertrauen wächst allerdings, wenn sie mit ihrem Sachverstand Probleme lösen. Das ist ein Fazit aus einem Gespräch der VDI nachrichten mit fünf Ingenieuren, die als Abgeordnete im Bundestag sitzen.

Der Bundestag soll ein Abbild der Gesellschaft sein. Deshalb gehören auch Ingenieure ins Parlament.
Foto: Frank Darchinger/J. H. Darchinger

VDI nachrichten: Sie sind Ingenieure und in die Politik gegangen. Was waren Ihre Motive dafür?

Hupach: Ich bin von Kindesbeinen an ein politisch denkender Mensch. Mein Motiv ist, die Gesellschaft mitzugestalten und an einigen Punkten auch zu verändern.

Wilms: Der Bundestag sollte ein Abbild der Gesellschaft sein. Deshalb gehören auch Ingenieure in das Parlament. Ich finde es wichtig, dass wir mit unserer Lebenserfahrung, die jenseits der Politik gewonnen wurde, eine andere Sicht auf die Dinge im Parlament werfen können als die sogenannten gelernten Politiker.

Brandl: Zunächst habe ich mich auf den Beruf konzentriert und war nur nebenbei politisch engagiert. 2009 wurde dann ein neuer Abgeordneter für den Wahlkreis Ingolstadt gesucht und ich habe diese einmalige Chance ergriffen.

Vogel: Politisches Engagement war für mich seit der Wende eine Bürgerpflicht. Deshalb habe ich mich in der Kommune engagiert. Es war auch Zufall im Spiel, weil mein Vorgänger im Bundestag altersbedingt nicht wieder kandidiert hat.

Thews: Ich wollte immer hinter die Dinge schauen, um zu sehen, was die Welt zusammenhält. Das ist der Grund, weshalb ich Chemie studiert habe und auch in die Politik gegangen bin.

In der Politik kommt es darauf an, Konsens zu schaffen und Mehrheiten zu finden, in der Technik soll es um sachgerechte Entscheidungen gehen. Wie kommen Sie mit diesem Konflikt zurecht?

Vogel: Für Ingenieure kommt oft Ernüchterung im politischen Alltag. Der Ingenieur ist nicht der geborene Netzwerker. Wir haben es im Studium nicht gelernt, politisch aktiv zu sein, Mehrheiten zu schaffen oder Netzwerke aufzubauen.

Wilms: Was uns Ingenieure zu einem Sonderfall macht und was uns auch Probleme bereiten kann: Wir nehmen das eine oder andere schneller und deutlicher wahr und auch die damit verbundenen Probleme. Wir haben nicht nur Politiktaktiererei gelernt, sondern wir sind stärker an der Sache orientiert.

Brandl: Ich bin ein Zahlenmensch. Am liebsten bekomme ich im Haushaltsausschuss die Informationen in Form einer Excel-Datei. Dann kann ich rechnen und Zusammenhänge greifen. Mit Paragrafen dagegen tue ich mich schwerer.

Hupach: Die Unterschiede sind so groß nicht. Es gibt in der Politik wie in der Technik ein Ziel und eine Aufgabenstellung. Man macht sich sachkundig, analysiert das Problem und den Lösungsweg. Im Bundestag gehört man einer Fraktion an, deren Mitglieder nicht nur aus dem gleichen Fachgebiet stammen. Dort muss man um Mehrheiten werben und dafür sorgen, dass das Thema auf die Tagesordnung der Fraktion kommt.

Parlamentarische Entscheidungen dauern lange. Kann das für einen Ingenieur mitunter frustrierend sein?

Hupach: Ja, das ist möglich. Wenn es um politische Themen geht, bin ich bereit, mich auch auf philosophischere, strategische Diskussionen einzulassen. Wenn es aber um etwas ganz Praktisches geht, etwa um Finanzen, neige ich doch eher dazu, es möglichst praktikabel zu machen. Wenn Diskussionen abschweifen, ist das manchmal schwer zu ertragen.

Thews: Man ist in einem Unternehmen eher auf ein Ziel fokussiert. In der Politik geht es nicht immer um Sachfragen, sondern auch um Politiker.

Genießen Ingenieure, die sich politisch betätigen, besonderes Vertrauen?

Hupach: Wähler sehen Ingenieure durchweg positiv, in der Politik ist das nicht unbedingt so. Da ist man nichts Besonderes als Ingenieur.

Vogel: Ingenieure im Parlament sind zwar nicht Exoten, aber Sie werden von den Kollegen mit einem politikwissenschaftlichen oder juristischen Hintergrund doch etwas argwöhnisch betrachtet. Wenn diese Kollegen dann merken, dass der technische Sachverstand bei der Lösung der Probleme durchdringt, dann steigt die Achtung.

Brandl: Was Ingenieure auszeichnet, sind die Herangehensweise und das strukturierte Problemlösen. Ich bringe meinen technischen Hintergrund auch ein, z. B. bei Themen, die einen Bezug zur IT haben.

Thews: Die Anerkennung unter Kollegen ist für Ingenieure allerdings nicht so hoch, auch weil sie nur eine kleine Gruppe unter den Abgeordneten stellen.

Warum gibt es keine Ingenieure an den Spitzen der Fraktionen oder Ausschüsse?

Brandl: Immerhin sitzt eine Physikerin im Kanzleramt, das ist nicht so schlecht.

Thews: Viele neue, jüngere Abgeordnete haben einen naturwissenschaftlichen oder technischen Hintergrund. Bei vielen Abgeordneten tritt mit der Zeit aber der Ingenieur etwas in den Hintergrund, weil man sich als Politiker weiterentwickelt.

Wilms: Wir lösen uns von dem, was wir in unserem früheren Beruf gemacht haben. In der Politik steckt man dann in den normalen Abläufen drin. Da muss man sich überlegen, ob man in Spitzenämter hineinmarschieren will. Dann muss man auch Netzwerke in der Fraktion aufbauen.

Vogel: Statistisch ist der Anteil der Ingenieure und Naturwissenschaftler im Parlament weitaus geringer als der anderer Berufsgruppen. Damit ist auch der Anteil der Ingenieure, die in der Politik in eine Spitzenposition aufsteigen, kleiner. Ich finde, es sollten mehr Ingenieure den Sprung in die Politik wagen und wenigstens für eine Legislaturperiode in ein Parlament gehen, auch um die Abläufe und Entscheidungswege kennenzulernen, die in der Politik üblich sind. Aber man darf den Anschluss nicht verlieren.

Das schaffen Sie schon, Anschluss zu halten, parallel zu Ihrer Tätigkeit als Abgeordneter?

Vogel: Jetzt, nach zwölf Jahren, muss ich sagen, dass es schwierig wird. Da ich im Umweltausschuss bin, habe ich jetzt aber wieder mehr zu tun mit fachlichen Problemen, mit denen ich auch früher in meinem Beruf zu tun hatte. Vieles von dem Wissen ist noch da, aber es muss immer wieder aktualisiert werden.

Wilms: Ich habe einen Lehrauftrag zum Thema Arbeitsschutz, den ich noch nebenher betreibe. Da muss ich mich vorbereiten und bleibe am Ball.

Was sollte sich bei den parlamentarischen und gesetzgeberischen Abläufen verbessern?

Vogel: Am Anfang habe ich viele Abläufe mit großer Skepsis beobachtet. Inzwischen muss ich sagen, dass es sinnvoll ist, Entscheidungen nicht übers Knie zu brechen. Ich hatte als Ingenieur immer große praktische Verantwortung, da war man froh, wenn man abends die Probleme des Tages gelöst hatte. Das ist in der Politik nicht so. In der Politik ist es gut, lieber noch mal draufzuschauen, bevor man eine Entscheidung trifft. Was mit heißer Nadel gestrickt wird, hat oft Mängel, die nachgebessert werden müssen. Die Forderung nach schnellen Entscheidungen ist so nicht richtig.

Thews: Das Beispiel NSA zeigt auch, dass Politiker von den Medien getrieben werden. Die Medien bauen Druck auf, dass ein Thema gar nicht erschöpfend und angemessen behandelt werden kann. Andererseits gibt es Arbeitsgruppen unter den Abgeordneten, die sich mit ressortübergreifenden Themen beschäftigen, z. B. mit Nachhaltigkeit. Allerdings wird vieles von dem, was in diesen Arbeitsgruppen erarbeitet wird, dann wieder zerpflückt, weil viele unterschiedliche Interessen im Spiel sind.

Brandl: Dazu mache ich zwei Vorschläge: Erstens sollten die Zuständigkeiten zwischen Bundestag und Bundesrat besser aufgeteilt und die Anzahl der zustimmungspflichtigen Gesetze möglichst reduziert werden. Wenn ein Gesetz im Vermittlungsausschuss landet, wird das Verfahren zu einem Kuhhandel. Und zweitens sollte die Zahl der parlamentarischen Vorlagen reduziert werden.

Wilms: Das ist auch ein Problem der Opposition, die ja die Anfragen an die Regierung stellt. Auch wir müssen uns überlegen, ob nicht manchmal weniger mehr ist. Zu glauben, dass eine kleine Anfrage mit 100 Fragen innerhalb von 14 Tagen beantwortet werden kann, ist unrealistisch, das schafft keine Regierung.

Was sind die Ursachen dafür, dass Großprojekte in Deutschland sich heute so verzögern – Elbphilharmonie und Flughafen Berlin-Brandenburg?

Vogel: Beim Berliner Flughafen liegt meiner Meinung nach der Fehler der Ingenieure darin, dass sie ein nicht ausgereiftes Konzept versucht haben umzusetzen. Man hätte sagen müssen: Wir brauchen jetzt die klare Anweisung, was gewollt ist und was die Aufgabenstellung ist.

Thews: Es wurde stattdessen immer weiter nachgebessert und nachgefordert.

Vogel: Die Aufgabenstellung war von Anfang an nicht genau genug und wurde im Laufe des Projekts seitens der Politik weiter geändert. Für die Ingenieure geht es natürlich immer auch um den Auftrag und um das Geld. Aber es ist auch die Verantwortung der Ingenieure zu sagen: Halt, Politik und Projektbeirat, das geht so nicht, wir können diese Verantwortung nicht tragen.

Wilms: Gerade bei solchen Großprojekten wollen wir als Politiker auch mit falschen Zahlen gelockt werden, damit wir diesen Beschluss fassen. Wenn wir dann in die Realisierungsphase eingestiegen sind, kommen die Fakten auf den Tisch. Und wenn man erstmal gebaggert oder Beton gegossen hat, dann wird ein Projekt nicht mehr aufgegeben. In der Politik muss deshalb sehr viel mehr mit ehrlichen Fakten gearbeitet werden.

Thews: Oft sind wir damit aber auch überfordert. Mittlerweile haben wir in Deutschland eine Kultur, bei Ausschreibungen die Nachforderungen schon in der Schublade zu haben.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Berufswahl und politischer Orientierung?

Thews: Dann müssten ja alle Chemiker in der SPD sein… (lacht). Über die Naturwissenschaften stellte sich für mich die Frage, wie die Arbeitswelten aussehen. Bei mir hat es schon ein bisschen miteinander zu tun.

Vogel: Es gibt bestimmte Grundüberzeugungen, die dafür gesorgt haben, dass ich mich dieser Partei angeschlossen habe.

Wilms: Es hängt nicht von meiner Ausbildung ab, dass ich Mitglied bei den Grünen wurde, sondern es hängt davon ab, welche Überzeugungen ich habe.

Brandl: Ich war eher von der Werteorientierung der Partei angetan. Das hat aber nichts mit meiner Ausbildung zu tun.

Hupach: Ich habe mir die Parteien alle angeschaut und mit meinen eigenen politischen Überzeugungen abgeglichen. Da war die Schnittmenge mit den Linken einfach am größten.

Machen Sie sich gelegentlich Gedanken, ob eine Rückkehr in Ihre Berufe ein Problem werden könnte? Gibt es so etwas wie eine Exit-Strategie?

Thews: Nein, wir sind ja nicht so kurzfristig in diese neue Funktion hineingerutscht. Wir haben uns alle über einen längeren Zeitraum mit Politik auseinandergesetzt. Dabei haben wir uns hinentwickelt zu dieser neuen Aufgabe. Da stellt sich die Frage, was dort noch alles möglich ist. Was ich mir vorgenommen habe, ist, den Kontakt zu halten, etwa indem ich regelmäßig hineinschnuppere in das, was ich früher gemacht habe.

Vogel: Ich habe mir immer zur Maxime gemacht, etwas Neues auszuprobieren, wenn man nach einer gewissen Zeit die Abläufe so gut kennt, dass man weiß, wie sich ein Problem entwickelt. Deswegen: Kommt Zeit, kommt Rat. Wenn nach den vier Jahren keine weitere Arbeit im Bundestag möglich ist, kommt eine neue Herausforderung.

Brandl: Mir ist es bewusst, dass es schwierig werden würde, wieder in die Internet-Wirtschaft zurückzukehren. Nach vier Jahren hätte ich es mir noch vorstellen können. Aber nach acht oder zwölf Jahren hätte ich mit meiner früheren Erfahrung kaum mehr eine Chance.

Wilms: Wir sollten uns überlegen, ob wir auch das Rückkehren in berufliche Tätigkeiten nach der Zeit im Bundestag wieder ermöglichen können. Ich möchte nicht nur mehr Ingenieure im Bundestag sehen, sondern Selbstständige, Freiberufler und nicht nur Juristen.

Hupach: Als die Wende kam, war ich 21 und habe damals meinen ersten biografischen Bruch erlebt. Ich musste mich einfach weiterentwickeln und verändern, was mir im Großen und Ganzen gelungen ist. Ich kenne auch befristete Arbeitsverhältnisse. Deshalb habe ich keine Exit-Strategie. Jetzt habe ich erstmal eine neue spannende Aufgabe vor mir, auf die ich mich voll konzentriere. Wie es weitergeht, wird sich zeigen.  JOHANNES WENDLAND/HARTMUT STEIGER

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