LEBENSPHASEN 09. Jul 2019, 10:06 Uhr Sarah Fluchs

Der Zauber der Generationen

Das Generationenkonzept ist so alt wie die Soziologie. Umstritten war es immer – mitreißend aber auch.

Seit Menschen ihre Gedanken festhalten können, denken sie über die nachfolgende Generation nach. „Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte.“ Diese Sätze fanden sich in Keilschrift auf einer Tontafel der Sumerer. Das Volk lebte etwa 3000 v. Chr. im Zweistromland, etwa dort, wo jetzt Syrien und der Irak liegen. Auch heute sind Generationenkonzepte beliebt. Von den idealistischen 68ern und der leistungsbereiten Generation Y hat wohl jeder schon gehört.

Aus soziologischer Perspektive ist der Begriff der Generation noch nicht so alt. Die Soziologie wurde erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine eigenständige akademische Disziplin. Bald darauf, 1928, veröffentlichte der ungarisch-deutsch-britische Soziologe Karl Mannheim sein Essay „Das Problem der Generationen“ – der Grundstein der Generationenforschung. Mannheim verstand die Theorie als eine Art Werkzeug, um die Geschichte zu ordnen und sozialen Wandel besser zu verstehen.

Dazu definierte er mehrere gestaffelte Generationsbegriffe: Eine Generationsgruppe fasst all jene zusammen, die zur selben Zeit geboren wurden („Alterskohorte“). Der Generationszusammenhang fordert zusätzlich eine Beteiligung an gemeinsamen historischen Ereignissen. Die Generationseinheit besteht nur, wenn diese Ereignisse auch auf dieselbe Weise verarbeitet werden.

Die US-amerikanischen Historiker William Strauss und Neil Howe griffen Mannheims Konzept auf und veröffentlichten 1991 ihr Buch „Generations“. Ähnlich wie Mannheim definieren Strauss und Howe eine Generation als eine Alterskohorte, die Schlüsselereignisse im gleichen Lebensabschnitt erlebt hat. Erlebnisse während der Jugend werden als besonders prägend angesehen.

Das Werk machte den Generationenbegriff endgültig außerhalb der Wissenschaft populär. Der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore war so begeistert, dass er ein Exemplar an alle Kongressabgeordneten schickte.

Je mehr die Generationen am allgemeinen Diskurs ankamen, desto mehr änderte sich ihre Aufgabe von der Ordnung der Vergangenheit zur Gegenwartsdiagnose und Zukunftsprognose. Strauss und Howe prägten in den USA bereits 1987 den Begriff „Millennials“ für diejenigen, die etwa um die Jahrtausendwende erwachsen würden – da waren die ältesten Angehörigen dieser Generation gerade in der Schule.

Das Konzept der Millennials entpuppte sich als Erfolg; zumindest, wenn man öffentliche Resonanz und Vermarktung als Kriterien heranzieht. Das amerikanische Amazon bietet 4000 Buchtreffer für die Generationsbezeichnung an, darunter allein drei der Begriffsväter Strauss und Howe. Eine Generationsbezeichnung zu prägen, lohnt sich offensichtlich. 2005 rief Howe folgerichtig einen Benennungswettbewerb für die nächste Generation aus.

Dabei fällt auf: Buchtitel wie „Managing the Millennials“ und „Marketing to Millennials“ wollen nicht mehr nur passiv den sozialen Wandel erklären, sondern aktiv beraten: Wie muss man mit den jungen Menschen umgehen, damit sie produktiv arbeiten und die richtigen Produkte kaufen?

Marcel Schütz, Organisationssoziologe an der Universität Oldenburg, bezeichnet die Generationen Y und Z als Managementhypes. Die Konzepte seien profitabel „für Personalberater und Coaches, weil sie sich so als selbst ernannte Generation-Y-Experten inszenieren können“. Aus wissenschaftlicher Sicht, so Schütz, ließen sie sich nicht bestätigen, sondern stützten sich auf Bauchgefühl und anekdotische Evidenz. „Eine wirklich soziologische Bearbeitung des Themas wäre zu riskant und kompliziert“, so Schütz.

Umstritten sind aber auch die wissenschaftlichen Generationskonzepte. Ein Kritikpunkt, der schon Mannheims Generationentheorie trifft, ist die Verallgemeinerung von Eigenschaften einer kleinen Gruppe auf eine ganze Generation. Der Pädagogikprofessor Rolf Schulmeister hat beispielsweise die Alterskohorte, die landläufig als 68er bezeichnet wird, untersucht und festgestellt: Nur eine Minderheit nahm tatsächlich an Studentenprotesten teil. Die Erzählung von einer Generation rebellischer 68er ist also grob vereinfacht.

Diese Einfachheit des Generationenbegriffs ist wohl zugleich seine größte Stärke und Schwäche. Sie birgt die Gefahr der Vermischung wissenschaftlicher Erkenntnisse mit Meinung und Marketing – aber sie beschert auch den Wissenschaftlern Zuhörer. Das Generationendenken macht es Laien einfacher, abstrakte gesellschaftliche Veränderungen zu verstehen.

Der Sozialwissenschaftler David Bebnowski sieht das als große Chance: „Der Begriff der Generation beinhaltet so weit mehr als viele andere, häufig dürr wirkende Vokabeln der sozialwissenschaftlichen Fachsprache. Generationen stiften Verbindungen und stellen so ein Mittel zur verständlichen Kommunikation miteinander dar.“ Die Grundlage dieser Verbindungen sei nicht immer rational greifbar. Bebnowski hat versucht, sie trotzdem in Worte zu kleiden: „Der Zauber der Generationen.“

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