LEKTOREN 09. Jul 2019, 10:18 Uhr C. Demmer

Die anonymen Text-Verfeinerer

Ob Bachelorarbeit, Masterthesis oder Dissertation – wissenschaftliche Lektoren kümmern sich um die Formatierung des guten Stückes, verbessern Flüchtigkeitsfehler, setzen Kommata an die richtige Stelle und prüfen Literaturverweise. Sie sind in allen wissenschaftlichen Disziplinen zu Haus.

Lektoren helfen bei der Textbearbeitung, ihre Hilfe bei Abschlussarbeiten ist aber umstritten.
Foto: auremar/PantherMedia

In seinem Fach war der 25-jährige Chemiestudent zu Hause, nicht aber in der deutschen Rechtschreibung und schon gar nicht in der Zeichensetzung. Wahllos verteilte er am Ende einen großen Schwung Satzzeichen über die 120 engbeschriebenen Seiten – und wunderte sich dann, dass der Professor als Ausgleich für die mühsame Lektüre einige Punkte abzog. Auf seine Beschwerde konterte der Prüfer mit bissigem Humor: „Ich weiß ja, dass Sie etwas im Kopf haben. Aber ich erwarte auch, dass Sie das ordentlich zu Papier bringen. Das Auge benotet mit.“

Nicht nur für Orthografiehasser und Legastheniker sind wissenschaftliche Lektoren ein Geschenk des Himmels. Aber kein ganz billiges. „Der Preis hängt vom Seitenumfang und vom gewählten Leistungspaket ab“, sagt Marcus Ostermann, Mitinhaber eines „Textschleiferbüros“ in Bielefeld. Die reine Korrektur einer 20-seitigen Hausarbeit kostet bei ihm weniger als 50 €, für das Lektorat einer 150-seitigen Dissertation muss man etwa 750 € anlegen. „Das mag viel erscheinen“, so Ostermann, „ist es aber nicht, wenn man bedenkt, wie viel Zeit und Mühe notwendig sind, um unseren umfangreichen Kriterienkatalog für ein Lektorat abzuarbeiten.“

Es gebe Anbieter, die für ein Lektorat weniger verlangten. Nur müsse man genau hinschauen, was sie darunter verstehen. Ostermann: „Der Begriff ist nicht geschützt, und die Bearbeitungstiefe kann sich erheblich unterscheiden.“

Was die „Bearbeitungstiefe“ angeht, so schlittern die Kunden der Lektoratsbüros auf recht dünnem Eis. Denn die Helfer dürfen weder Passagen kürzen, verschieben oder bearbeiten noch die zitierte Literatur freihändig ergänzen.

Wenn es ihnen nach dem Lesen aufgefallen ist, dürfen sie den Kunden weder auf das Fehlen eines roten Fadens noch auf den Spliss in dessen Verlauf aufmerksam machen. Eigentlich, so meinen jedenfalls die BWL-Hochschullehrer Manuel René Theisen aus München und Christian Scholz aus Saarbrücken, dürften sie all das nicht tun, was sie tun. „Studenten bekommen nur dann gute Noten, wenn sie inhaltlich und formal saubere Arbeiten abliefern“, sagt Christian Scholz und hält es für illegal, wenn sie sich gegen Geld helfen lassen.

Schließlich solle eine wissenschaftliche Arbeit ja gerade die Eigenleistung eines Studierenden darstellen. Auch die Prüfungsordnungen der Hochschulen schreiben vor, dass jede kostenpflichtig in Anspruch genommene fremde Hilfe am Ende der Arbeit in einer eidesstattlichen Versicherung angegeben werden muss. Wer das unter den Tisch fallen lässt in der Hoffnung, der Prüfer merke es nicht, und der merkt es dann doch, riskiert ein „ungenügend“.

Wer die Korrekturschleife aber artig benennt, läuft Gefahr, dass der bewertende Professor die Eigenleistung um bis zu einer vollen Note abwertet. Damit jedenfalls drohen Theisen und Scholz. Wohlgemerkt: Das alles gilt nur für den bezahlten Draufblick. Wenn Eltern oder Freunde kostenlos einen Blick auf die Arbeit werfen und zum Austausch einer schiefen Präposition raten, muss das keiner Erwähnung wert sein.

Schon Erstsemester lassen sich die Nummer Sicher etwas kosten, hört man aus Lektoratsbüros, die seit einiger Zeit vor allem in Universitätsstädten aus dem Boden sprießen. Am häufigsten arbeiten die anonymen Helfer für angehende Master und Doktoren. „Sie schreiben nur einmal im Leben eine große wissenschaftliche Abschlussarbeit oder eine Dissertation und wollen das gute Gefühl haben, dass die Arbeit von einem sachkundigen Dritten überprüft wird“, weiß Annette Nagel. Die blonde Musikwissenschaftlerin mit Philosophie im Nebenfach und Promotion im Rücken benötigt für die Überprüfung einer Dissertation eine komplette Woche. „Am häufigsten kommen Anfragen aus dem wirtschaftswissenschaftlichen und rechtswissenschaftlichen Bereich“, beschreibt Nagel die Fächerverteilung, selten aus der technischen Ecke.

Es geht um mehr als um die korrekte Rechtschreibung und die Beachtung der Formatierungsvorschriften: In jeder Studienrichtung gibt es einen gewissen stilistischen Pflichtkanon für wissenschaftliche Arbeiten. Hieran erkennt der Professor, inwieweit sich der Student oder Doktorand mit anderen Werken des Fachs vertraut gemacht hat, anders gesagt: Wie viel er oder sie tatsächlich gelesen hat.

Der Unterschied zwischen Sorgfalt und Schludrigkeit könne bis zu einer ganzen Note ausmachen, warnt Susanne Böhlich, Professorin an der IUBH School of Business and Management in Bad Honnef. Wie auch an den meisten anderen Business Schools steht das sogenannte „Academic Writing“ dort fest auf dem Lehrplan. „Bei unseren Bachelor-Prüfungen fließt die Beachtung der formalen Anforderungen an die Abschlussarbeit zu 20 % in die Note ein und muss deshalb auch die Eigenleistung des Studenten sein“, begründet Böhlich.

Mal ehrlich: Werden die Lektoren auf Nachfrage auch als Ghostwriter tätig? „Manchmal bekommen wir schon solche Anfragen“, sagt Annette Nagel, „doch das lehne ich ab. Ich setze voraus, dass die Texte inhaltlich gut recherchiert sind und kontrolliere nur die Schreibweisen von Autoren und das, was einem gesunden Menschenverstand auffällt. Und das sage ich den Kunden vorher ausdrücklich.“

Auch Marcus Ostermann grenzt sich streng von einem Ghostwriter ab: „Damit haben wir nichts zu tun.“ Allerdings gebe es des Öfteren Probleme mit Plagiaten. „Das Lektorat soll dazu missbraucht werden, einen übernommenen Text noch weiter von seinem Ursprung zu entfernen.“ Einem solchen Vorhaben, sagt der Lektor, komme er aber in der Regel auf die Schliche.

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