GESUNDHEIT 12. Apr 2018, 13:42 Uhr Bettina Reckter

Die schlimmste Seuche aller Zeiten

Vor 100 Jahren zog die spanische Grippe einmal um den Globus. Dabei forderte sie so viele Todesopfer wie keine andere Erkrankung jemals.

Das Lazarett für an Grippe erkrankte US-Soldaten im Camp Funston, Kansas, platzt aus allen Nähten.
Foto: Science Source/Getty Images

Niemand wusste damals genau, woher sie kam. Innerhalb kürzester Zeit starben mehr Menschen an ihren Folgen als an denen des Ersten Weltkriegs, der zu dieser Zeit wütete. Jugendliche wurden zu Waisen, Eltern begruben ihre Kinder, ganze Familien wurden ausgelöscht. Vor genau 100 Jahren brach die spanische Grippe aus.

Bekannte Opfer

Friedrich Trump, deutscher Großvater des aktuellen US-Präsidenten, verstarb 1918.
Egon Schiele, österreichischer Künstler, verstarb 1918.
Max Weber, deutscher Soziologe, verstarb 1920.
Franz Kafka, Schriftsteller, erkrankte, überlebte aber.

„Keine Seuche in der aufgezeichneten Geschichte hat je in so kurzer Zeit so viele Menschenleben vernichtet wie diese sagenhafte Pandemie“, beschreibt es Harald Salfellner. Der aus Österreich stammende Mediziner hat jetzt eine umfassende Chronik zur spanischen Grippe vorgelegt. Sie gleicht einer Zeitreise zu den verhängnisvollen Schauplätzen dieser größten Gesundheitskatastrophe der Menschheitsgeschichte.

Seit vier Jahren herrscht Krieg in Europa, da grassiert plötzlich eine Sommergrippe – an und für sich nicht ungewöhnlich. Viele stecken sich an, werden mit Schüttelfrost und über 40 °C Fieber aufs Krankenlager gestreckt. Rasende Kopf- und Gliederschmerzen gesellen sich hinzu – und vor allem ein übler Husten. Als Auslöser vermuten die Ärzte zunächst die Lungenpest, eine bakteriell verursachte Infektionskrankheit. Allerdings lässt sich kein Bakterium finden, das als Übeltäter herhalten könnte.

Buchtipps

Harald Salfellner: Die spanische Grippe. Eine Geschichte der Pandemie von 1918. Vitalis Verlag, 2018, Prag.

Gina Kolata: Influenza. Die Jagd nach dem Virus. S. Fischer Verlag, 2001, Frankfurt/Main.

Der Husten sorgt dafür, dass sich die Grippe rasend schnell verbreitet. Lange diskutieren Gesundheitsexperten darüber, von wo aus die Krankheit nach Europa kam. Zunächst ist China im Verdacht, dort hatte es zuvor ebenfalls eine heftige Grippewelle gegeben.

Schließlich aber kristallisiert sich ein US-amerikanisches Militärlager in Kansas als Ursprungsort heraus. Im März 1918 sind hier 56 000 Männer zusammengepfercht. Sie warten auf ihren Kriegseinsatz, als plötzlich ausgerechnet der Koch erkrankt – an Kopfschmerzen, Halsentzündung und hohem Fieber. Nicht lange darauf sind Hunderte Soldaten ebenfalls krank. Dutzende sterben noch im Camp. Die meisten aber bemerken die Ansteckung erst, als sie bereits in den Krieg entsendet sind.

In diesem Frühling erreicht die Grippewelle Europa. Im Mai „überfällt“ sie Madrid, 200 000 Menschen erkranken – und nun reden alle von der „spanischen Krankheit“. Hafenstädte gelten als Umschlagplatz für die Pathogene. Quarantäne wird verhängt, kann aber die Ausbreitung nicht verhindern. Im Juni 1918 hat die Grippe bereits Deutschland erreicht. Ganze Stadtviertel gleichen einem riesigen Lazarett. Den meisten Patienten geht es nach ein paar Tagen schon wieder besser. Eine milde Grippe, könnte man sagen.

Dann aber schlägt die zweite Welle zu. Mittlerweile ist es Herbst und die Grippe zurück. Und diesmal ist sie so heftig, dass die ohnehin schon geschwächten Körper sich nicht mehr wehren können. Die Ärzte sind hilflos. Sie verordnen Dampfbäder mit Heilpflanzen wie Minze und Kampfer und lassen die Patienten mit Desinfektionsmitteln wie Kaliumpermanganat und Borsäure gurgeln.

Es gibt weder eine Prophylaxe noch ein Heilmittel. So bleibt es bei Umschlägen, Schwitzkuren und fragwürdigen Arzneien. Man versucht eine Behandlung mit Abführmitteln, sogar der Aderlass kommt wieder in Mode. Homöopathie, Wunderheilung und Hypnose erleben ein Trend-Hoch.

Vielleicht könnte ja Alkohol helfen. „Im Grenzbereich zwischen ärztlicher Heilkunde und Volksmedizin, aber auch zwischen Prophylaxe und Therapie erfreuten sich alkoholische Getränke steigenden Zuspruchs“, schreibt Salfellner. In England habe es ab Dezember 1918 sogar Whiskey auf Rezept gegeben, so der Medizinhistoriker. Es gilt ein öffentliches Spuckverbot, das Tragen von Mundschutz wird zur Pflicht.

Doch nichts hilft. Im Oktober 1918 hat es bereits rund zwei Drittel der Bewohner des Deutschen Reiches erwischt. Und die Sterblichkeit ist extrem hoch. Die Leichenhallen sind überfüllt, Särge werden knapp. Im November gelangt die Grippe an Bord der „Talune“ aus Auckland nach West-Samoa. Innerhalb von gut acht Wochen sterben hier 8000 Menschen – das ist ein Fünftel der gesamten Inselbevölkerung.

Es ist der traurige Höhepunkt einer Pandemie. In nur wenigen Monaten hat die Grippe einmal die ganze Erde umrundet. Der deutsch-britische Bakteriologe Walter Levinthal schätzt, dass bis zu einem Drittel der gesamten Menschheit infiziert wurde. Eine genaue Statistik existiert nicht, aber Schätzungen gehen von bis zu 100 Mio. Todesopfern weltweit aus.

Es dauert lange, bis klar ist, wer für diese schlimmste Seuche aller Zeiten verantwortlich ist. Erst in den 1930er-Jahren wird das Influenza-Virus entdeckt. Richard Shope kann es am Rockefeller-Institute in Princeton aus infizierten Schweinen isolieren. Ein Jahr später finden die Briten Wilson Smith, Christopher Andrewes und Patrick Landlaw das erste Virus des Menschen. Kurz darauf gelingt die Vermehrung mithilfe bebrüteter Hühnereier – der erste Impfstoff wird entwickelt.

Heute wissen wir, wer die spanische Grippe tatsächlich ausgelöst hatte. Am Pathologischen Institut der Streitkräfte (Armed Forces Institute of Pathology) in Washington D. C. konnte Jeffery Taubenberger 1997 erstmals das Erbgut des Erregers sequenzieren. Es ist ein Virus vom Subtyp A/H1N1. Die Nomenklatur bezieht sich dabei auf die wichtigsten Proteine auf der Oberfläche des Virus. H steht für Hämagglutinin und N für Neuraminidase.

Doch der Killer wandelt ständig sein Erscheinungsbild. Unzählige Varianten kennt die Forschung mittlerweile. Das macht eine Impfung so schwierig. Denn niemand weiß, welcher Virenstamm als nächstes zuschlagen wird.

Nach Angaben des für Infektionskrankheiten zuständigen Robert-Koch-Instituts in Berlin sterben heute immer noch rund 20 000 Deutsche jedes Jahr an einer Grippe. Eine Influenza-Pandemie vom Ausmaß der spanischen Grippe aber werde es wohl nicht mehr geben, meinen zumindest die Experten.

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