AUSSTELLUNG 09. Jul 2019, 13:38 Uhr Eckart Pasche

Ein Käfer krabbelt durch die Kunst

Die Kunsthalle Emden zeigt in ihrer Ausstellung „Das Auto in der Kunst – Rasende Leidenschaft“, dass keine technische Erfindung die Kunst so nachhaltig und vielfältig beeinflusste wie das Automobil.

Der VW-Käfer: Andy Warhol machte ihn zur Ikone. Unter der Überschrift „Lemon“, was so viel wie Schrottkarre bedeutet, wird über die Vorteile des deutschen Perfektionismus berichtet.
Foto: 2017 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc./The Artists Rights Society, New York. Sammlung Gottfried Schultzx

Namhafte Künstler des 20. und 21. Jahrhunderts haben sich mit der individuellen Mobilität auseinandergesetzt. So war es schon lange der Wunsch Eske Nannens, der Aufsichtsratsvorsitzenden der Kunsthalle Emden, in einer großen Themenausstellung die Automobilität von Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart zu beleuchten.

Im hohen Norden

Das Auto in der Kunst – Rasende Leidenschaft. Bis 5. 11. 17, Kunsthalle Emden, Hinter dem Rahmen 13. Di–Fr 10 Uhr bis 17 Uhr, Sa+So 11 Uhr bis 17 Uhr.

http://www.kunsthalle-emden.de

„Mit der Erfindung des Automobils Ende des 19. Jahrhunderts brach nicht allein ein neues Zeitalter in der menschlichen Mobilität an“, sagt Kunsthallen-Direktor Stefan Borchardt. „Das Auto gehört – wie davor der Buchdruck mit beweglichen Lettern oder die Nutzung der elektrischen Energie – zu jenen epochalen Erfindungen, die über den technischen Nutzen und die praktischen Anwendungen hinaus die menschliche Lebenswelt und das gesellschaftliche Miteinander vollständig transformiert haben.“

Die Entwicklung des Autos und der künstlerische Aufbruch in die Moderne trafen am Anfang des 20. Jahrhunderts zusammen. „Mit dem Automobil haben die Künstler ein seinerzeit vollkommen neues Thema erobert“, betont die Museums-Marketingleiterin Ilka Erdwiens. Die „rasende Leidenschaft“ entflammte.

Und noch ein Tipp für Automobilliebhaber

Wer nach dem Besuch der Emdener Ausstellung Lust auf mehr verspürt, dem sei die große Schau des mannigfaltigen Werks des Belgiers Wim Delvoye im Baseler Museum Tinguely empfohlen. Hier sind unter anderem die in Aluminium gegossene und von iranischen Goldschmieden ziselierte Karosserie eines Maserati von 2014 sowie ein von Hand geschnitzter LKW-Reifen (2013) zu bewundern. Bis 1. 1. 2018, Museum Tinguely, Paul Sacher-Anlage 1, Basel. ep

http://www.tinguely.ch

Als Autostadt bietet Emden eine ideale Plattform für diese Themenschau: Im hiesigen VW-Werk verließen zwischen 1964 und 1978 insgesamt 2 360 591 Exemplare des legendären VW Käfers, des damals meistgebauten Autos der Welt, das Montageband. Der letzte seiner Art stimmt im gläsernen Museumsfoyer die Besucher auf das Thema ein und lässt sich gern von und mit ihnen fotografieren.

Die Ausstellung spannt den Bogen durch die Kunstgeschichte, von Pop-Art, kritischem Realismus, Zero, Happening, Fluxus und Farbfotografie bis zu Videos und Installationen der zeitgenössischen Kunst. Dabei wird der Blick auf die wesentlichen Wendepunkte in der künstlerischen Betrachtung gelenkt: Die Reise beginnt zu Anfang des 20. Jahrhunderts mit überschwänglicher Technikbegeisterung. In der Zeit des Wirtschaftswunders ist das Auto begehrtes Statussymbol. Die Pop-Art der 60er setzt es als Analogie von Kunst und Gesellschaft ein. In den 1970er-Jahren beginnen die großen Kontroversen aus ökologischer Sicht. Nach Jahrzehnten der Omnipräsenz hat sich in der heutigen jungen Generation eine beiläufigere Haltung zum Besitz von Automobilen entwickelt.

Hammerteil: Tatjana Doll hat den Ferrari F430 auf Leinwand verewigt.
Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Die Zeitreise führt den Besucher durch neun Säle. 1886 schlägt die Geburtsstunde des Automobils: Carl Benz fährt mit seinem Motorwagen durch Mannheim und meldet ihn zum Patent an. 100 Jahre später wird er zusammen mit seinem Angestellten von Andy Warhol – im Auftrag von Mercedes-Benz – dargestellt.

In einer musealen Objektvitrine stellt Gavin Turk einen Auspufftopf, den Provokateur der Mobilitäts- und Abgasdiskussion, in Bronze abgegossen zur Schau. Hinter Glas erscheint dieser als bewahrenswertes Relikt aus dem bereits vergangenen Zeitalter des Automobils. Die dazugehörigen Bilder der Abgaspartikel, kreisrund in Schwarz auf weißes Papier und Leinwand gespritzt, wirken so unschuldig, als hätten sie nichts mit der Feinstaubdebatte zu tun.

„Goethes Kutsche, Adenauers Mercedes und mein Smart“, die Installation der in Berlin lebenden Künstlerin Asta Gröting, arrangiert als zerlegter Kutschwagen und als jeweiliges Kunststoffchassis, geschichtet aus dem 3-D-Drucker, ist eines der zentralen Werke der Emdener Ausstellung. Im Rückblick liest sich die Genealogie von Karossen, Autotypen und Antriebsformen möglicherweise schon wie eine Archäologie der automobilen Gesellschaft.

In Grötings Abfolge von Kutsche, Limousine und Kleinwagen bestimmten Technik und Antrieb die letzten 250 Jahre der individuellen Mobilität. Der praktische Kleinwagen platziert die Künstlerin nicht nur in den Verlauf deutscher Geschichte, sondern liefert ebenso Erkenntnisse zum zeitgemäßen Umgang mit Rohstoffen und Urbanität, Distanz und Herrschaft: Es ist ein großer Sprung von der opulenten Kutsche zum stadttauglichen Smart.

In der amerikanischen Pop-Art der 1960er-Jahre wird das Auto zum Kultobjekt: Neben Design und Werbung tragen Musik, Fotografie, Film und Kunst dazu bei. 1961 feiert das Auto in seiner Hochkonjunktur das 75-jährige Jubiläum. Die individuelle Mobilität steigt. Es gibt ein neues Luxusmodell, das die Straßen und als Matchboxauto auch die Kinderzimmer belebt: den Jaguar E-Type. Ein 34-jähriger Geschäftsmann aus Malaysia hat jüngst seinen „echten“ Jaguar mit mehr als 4600 bunten Spielzeugautos aus seiner Sammlung dekorativ beklebt.

Der erfolgreiche VW Käfer wird gleichzeitig ein Liebling der Deutschen, der Amerikaner, der Künstler und der Medien. Don Eddy malt ihn in fotorealistischer Manier und fabriziert aus ihm ein Produkt mit Glanz und Glamour. Andy Warhol macht ihn zur Ikone. Dabei bedient er sich der legendären Vorlage der US-amerikanischen Werbekampagne von Doyle Dane Bernbach (DDB): Am unteren Bildrand, unter der Überschrift „Lemon“, was so viel wie „Schrottkarre“ bedeutet, wird kontrastierend und anspielungsreich über die Vorteile des deutschen Perfektionismus berichtet.

Zeitgleich mit dem 100-jährigen Jubiläum der Patentierung des Benz-Motorwagens 1986 huldigte Warhol der deutschen Ingenieurkunst in einem Auftragswerk mit 35 Siebdrucken, vom ersten „Automobil“ über das Mercedes Coupé bis zum Versuchswagen C 111 mit Flügeltüren. Das serielle Thema Auto ließ den Künstler nicht los, nachdem er schon zuvor mit Unfallbildern in Form großer Siebdruckarbeiten das Konsumzeitalter kommentiert hatte.

Die aktuelle Diskussion um das autonome Fahren nimmt Michael Sailstorfers „Lenkrad“ von 2012 vorweg. Es bewegt sich – als Beitrag der kinetischen Kunst – still vor sich hin und folgt dem Kurvenverlauf der täglichen Fahrt vom Zuhause des Künstlers bis hin zum Atelier. Dieser offenbart damit den täglichen, routinierten Vorgang des Fahrens als einen geräusch- und berührungslosen Prozess, der viel zu selbstverständlich abläuft.

Der Besucher trifft den VW Käfer in jedem Raum. Doch der letzte Saal der Ausstellung ist allein ihm gewidmet. Peter Keetman (1916–2005) schuf seine berühmte Fotoserie, indem er 1953 eine Woche lang im Wolfsburger Volkswagenwerk die Fertigung des VW Käfers festhielt. Die Fotografien, die den teils noch manuellen Arbeitsprozess zeigen sowie die beinahe abstrakt wirkende Nahsicht einzelner geschwungener PKW-Teile feiern, gehören zu den Inkunabeln der deutschen Industriefotografie.

So gilt auch fast 40 Jahre nach seiner Produktionseinstellung: „Er läuft und läuft und läuft …“

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