PENDLER 08. Jul 2019, 16:27 Uhr Wolfgang Schmitz

Erschöpfung und Stress fahren täglich mit

Vor allem gut ausgebildete Fachkräfte nehmen lange Strecken zur Arbeit in Kauf. Das kann auf Kosten von Gesundheit, Leistung und Privatleben gehen. Ist das Home-Office die Lösung? Die Meinungen gehen auseinander.

Jeden Morgen die gleiche Prozedur. Wenige Pendler können auf dem Weg ins Büro abschalten, für viele sind die Arbeitskarawanen purer Stress.
Foto: dpa/Roland Holschneider

Punkt eins: Schulen müssen schließen, weil die Schülerzahlen sinken. Punkt zwei: Die Profilbildung der Schulen führt dazu, dass von Eltern und Schülern nicht mehr das am günstigsten gelegene Gymnasium gewählt wird, sondern das mit dem gewünschten Angebot. Die Folge beider Trends: Viele Schüler legen lange Wege per Bahn oder Bus zurück, um an ihr Ziel zu kommen.

Jeder zweite Pendler legt täglich mehr als 10 km zurück

– Das Auto ist in Deutschland nach wie vor das wichtigste Verkehrsmittel für den Weg zur Arbeit. Laut Statistischem Bundesamt fuhren im Jahr 2012 rund 66 % der Erwerbstätigen regelmäßig mit dem Auto zur Arbeit. 14 % nutzten für ihren Arbeitsweg öffentliche Verkehrsmittel.

– Für den Weg zur Arbeit waren im Jahr 2012 im Durchschnitt größere Entfernungen zu bewältigen als zwölf Jahre zuvor. Für nur noch 49 % (2000: 51 %) der Erwerbstätigen lag die Arbeitsstätte weniger als 10 km von der Wohnung entfernt. 5 714 000 Erwerbstätige hierzulande legten 50 km und mehr täglich an Fahrt­strecke zur Arbeit zurück, 1991 waren es mit 2 717 000 mehr als die Hälfte weniger.

– Mit einer durchschnittlichen Stauzeit von 35 Stunden haben die deutschen Autofahrer 2013 eine Stunde weniger im Stau gestanden als noch im Jahr 2012. Deutschland liegt mit diesem Wert europaweit hinter Belgien und den Niederlanden auf Platz drei. Zu diesem Ergebnis kommt die Verkehrserhebung Inrix Traffic Scorecard-Studie.

– In Stuttgart hieß es demzufolge 2013 für Autofahrer durchschnittlich 60 Stunden lang Stopp und Go oder es ging nichts mehr. Stuttgart führt die nationale Negativliste vor Köln (56 Stunden) und Karlsruhe (52) an. Brüssel (83 Stunden) ist trauriger Spitzenreiter in Europa.  ws

Wer aber viel Zeit in An- und Abfahrt investiert, dessen Noten sind schlechter als die von Schülern mit kurzen Wegen. Das haben Forscher der Universität Erfurt und der Universität Köln herausgefunden.

Lassen sich daraus Schlüsse auf das Berufsleben ziehen? Leistet ein Pendler weniger als sein Kollege, der beim Arbeitgeber um die Ecke wohnt? Da Arbeitnehmer nun mal keine Noten bekommen, muss jeder Vergleich mit Schülern hinken. Die Anzeichen, dass Pendler ihrem hohen Fahrtaufwand Tribut zollen müssen, sind jedoch offensichtlich.

Der „Fehlzeiten-Report 2012“ der AOK sieht Pendler einer größeren psychischen Belastung mit Erschöpfungszuständen und Niedergeschlagenheit ausgesetzt als ihre arbeitsplatznah wohnenden Kollegen. Hinzu kommen Magen-Darm-Probleme, Rücken- und Kopfschmerzen sowie Schlafstörungen. Wer unter diesen Symptomen leidet, fehlt logischerweise und nachweislich häufiger bei der Arbeit.

Laut Statistischem Bundesamt sind Fernpendler (alle, die 60 Minuten und mehr für Hin- und Rückweg brauchen) im Durchschnitt an fünf Wochentagen 74 Minuten täglich unterwegs, wobei zwischen Wohnort und Arbeitsstelle 55 km liegen.

Männer fahren länger zur Arbeit als Frauen. Die höheren Verdienstmöglichkeiten für Männer gleichen die Pendelkosten aus, meint der Verkehrsmediziner Steffen Häfner, Frauen müssten eher mit Einkommensverlusten rechnen. Bei vielen Autopendlern beobachtet Häfner Beschwerden im Bewegungsapparat, Tagesmüdigkeit, Konzentrationsmangel und Sehstörungern. Bahnpendler hingegen unterliegen einer erhöhten Infektionsgefahr und der Angst vor dem Zuspätkommen.

Je länger die Fahrt, desto gestresster der Pendelnde, weiß Häfner. Das liegt zum einen am zeitlich gestreckten Arbeitstag, denn An- und Abfahrt werden meist als genauso anstrengend empfunden wie die Arbeit selbst. Zudem geht das Pendeln auf Kosten des Schlafs, der Bewegung, der Familie, der Freunde und der Ernährung. Nur wenige empfänden die Fahrten positiv: bei monotoner Bürotätigkeit als willkommene Abwechslung, bei körperlich harter Arbeit als teilaktive Ruhephase.

Gut-Verdiener sitzen länger in Auto, Bus und Bahn: Je höher der Lohn, desto länger die Strecke zur Arbeit. Rund 67 % derjenigen in NRW, die über 5000 € netto im Monat verdienen, fahren täglich 10 km und mehr für eine Strecke.
Foto: VDI nachrichten

Verkehrsmediziner Steffen Häfner ist verblüfft, wie gering das Interesse ist, diese Missstände zu ändern. „Obwohl in Tarifverhandlungen um jede Arbeitsminute gefeilscht wird, ist es erstaunlich, wie wenig sich Arbeitnehmer (und Arbeitgeber) darum kümmern, dass durch den Arbeitsweg viele Stunden hinzukommen.“ Zudem würde die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel propagiert, viele aber hätten de facto nicht die Wahl zwischen den Verkehrsmitteln.

Unternehmer ignorierten die Probleme ihrer Angestellten, dabei seien gerade die Arbeitgeber gefordert. Sie sollten ihre Hausaufgaben in Gesundheits- und Personalmanagement machen. Dazu gehören für Häfner etwa reduzierte Arbeitszeiten, Rückversetzungen in die Wohnregion und Fahrtkostenzuschüsse.

Oder Telearbeitsplätze. Neue Technologien eröffneten zeitgemäße Arbeitsmethoden und Arbeitsplätze, die viel zu wenig genutzt würden, findet der schweizerische Ökonom und Glücksforscher Mathias Binswanger. Stattdessen setze sich morgens eine gewaltige Karawane in überfüllten Zügen und auf verstopften Straßen in Bewegung, um sich abends völlig erschöpft auf die erneute Prozedur am nächsten Tag vorzubereiten. Binswanger: „Diese Organisation des Arbeitsalltags haben wir aus der Zeit der Industriearbeit übernommen, als alle Arbeiter zur gleichen Zeit in der Fabrik sein mussten, damit die Produktion funktionierte.“

Was früher nötig war, sei heute in vielen Fällen zur Selbstkasteiung verkommen. „Wir scheinen uns von diesem antiquierten Modell eines räumlich zentrierten, simultan stattfindenden Arbeitsalltags nur schwer wieder lösen zu können.“ Das sei umso weniger nachvollziehbar, je mehr Entwicklungen in der Informations- und Computertechnologie ein räumlich und zeitlich flexibles Arbeiten ermögliche. Binswanger bilanziert: „In diesem technologischen Fortschritt liegt der entscheidende Schlüssel zur Reduktion des Pendlerverkehrs und gleichzeitig zur Schaffung von mehr Lebensqualität.“

Heimarbeit aber verliert in Deutschland an Bedeutung, belegt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). 2012 arbeiteten demnach 4,7 Mio. Menschen überwiegend von zu Hause aus, 800 000 weniger als vier Jahre zuvor. „In deutschen Firmen herrscht Anwesenheitswahn, viele Chefs sind Kontrollfreaks“, findet DIW-Arbeitsmarktexperte Karl Brenke eine mögliche Erklärung. „Sie wollen, dass ihre Mitarbeiter von neun bis fünf am Schreibtisch sitzen.“

Die Skepsis gegenüber dem Home-Office findet sich laut einer Umfrage des IT-Branchenverbandes Bitkom in Unternehmen auf beiden Seiten. Einerseits glauben demnach Arbeitnehmer und Personaler gleichermaßen, dass Telearbeit zufriedener macht und einen Gewinn an zeitlicher Flexibilität bedeutet. Andererseits befürchten 56 % der Befragten, dass die Arbeit am PC zur starken Vermischung von Beruf und Freizeit führt, 24 %, dass sie die Karriere bremst und 60 %, dass das Miteinander unter Kollegen darunter leide.

Aber Umwelt und Straßen würden entlastet, Autofahrer hätten freie Fahrt. Oder? Die Hoffnung auf einen entlasteten Berufsverkehr könne täuschen, dämpft Carsten Gertz vom Institut für Verkehrsplanung und Logistik an der TU Hamburg-Harburg die Erwartungen. Zum einen könnte an Telearbeitstagen das Auto von einem anderen Familienmitglied genutzt werden, zum anderen könnte die Option zur Telearbeit die Wahl des neuen Wohnortes beeinflussen. Dann liege das neue Heim vermutlich weiter vom Arbeitgeber entfernt als das alte, an Bürotagen müssten noch längere Distanzen zurückgelegt werden.

Barbara Lenz, Direktorin des Instituts für Verkehrsforschung im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), weist auf die Tücken der Heimarbeit hin. „Das Stressproblem scheint mir weniger der Stau als vielmehr das Home-Office zu sein, zumindest dann, wenn das Home-Office keine klaren Öffnungszeiten hat.“

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