PROFESSUR 15. Jun 2015, 11:09 Uhr Wolfgang Schmitz

Fachhochschulen gehen die Wissenschaftler aus

An Fachhochschulen lassensich kaum noch geeignete Bewerber finden. Besonders die Ingenieurwissenschaften leiden darunter.

Wissen und Erfahrung an junge Menschen weiter zu geben, ist ein Beweggrund, in die Wissenschaft zu wechseln. Das allein kann viele Praktiker aber nicht für eine FH-Professur begeistern.
Foto: panthermedia.net/Arne Trautmann

Staatlichen Fachhochschulen gelingt es kaum noch, den Bedarf an Professoren zu decken. Besonders häufig ist das in den Ingenieurwissenschaften der Fall. Jedes zweite Berufungsverfahren scheiterte im ersten Anlauf, es konnten keine geeigneten Fachkräfte gefunden werden. Diese Entwicklung belegt eine Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), die auf Daten der vergangenen fünf Jahre basiert.

„Der Bewerbermangel für Fachhochschulprofessuren ist alarmierend, gerade in den Ingenieurwissenschaften“, kommentiert Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) die Studie, die vor allem auf Daten von 41 deutschen Fachhochschulen basiert. Gut die Hälfte aller Ingenieure macht den Abschluss an einer Fachhochschule. In den einzelnen Regionen, so Wanka, wirkten die Hochschulen in Kooperation mit den Firmen als Innovationsmotoren. „Gutes Personal ist für diese Aufgaben unverzichtbar“, meint die Ministerin und regt ein Bund-Länder-Programm an, das den Fachkräftebedarf an Fachhochschulen lindern soll.

Ländliche Regionen haben es laut DZHW-Studie schwerer als Ballungszentren wie Berlin-Brandenburg, die Rhein-Main-Region oder das Ruhrgebiet, Professuren zu besetzen. Besonders problematisch ist die Lage in Baden-Württemberg, obwohl die Besoldung dort die höchste ist. Hier reichte in 48 % der Verfahren eine Ausschreibung allein nicht aus. „In Baden-Württemberg ist die Konkurrenz zwischen Wirtschaft, Universitäten und Fachhochschulen vergleichsweise groß“, erläutert Thorben Sembritzki, einer der Studienautoren, die Lage im Süden der Republik.

Vor allem in den technischen Fächern konkurrieren die Fachhochschulen mit anderen Teilarbeitsmärkten. Anders als etwa im Gesundheitswesen rekrutieren die Ingenieurwissenschaften sowohl an Universitäten als auch an Fachhochschulen ihre Kandidaten aus demselben Pool, aus der Privatwirtschaft. Das heizt den Wettbewerb um Wissenschaftler an, bei dem die Fachhochschulen aus verschiedenen Gründen meist nur zweiter Sieger sind. Für beide Hochschultypen aber gilt: Die Zahl der Bewerber ist stark abhängig von konjunkturellen Schwankungen in der Privatwirtschaft. Ist die allgemeine Wirtschaftslage nicht so rosig, stehen der Wissenschaft mehr Kandidaten zur Verfügung.

Die Hürden auf dem Weg in eine Professur sind nicht höher als an Universitäten, nur anders, weniger klar vorgegeben als an Universitäten und den wenigsten bekannt. In der Studie schildert einer von zwölf befragten Experten, ein FH-Rektor, seine Eindrücke: „Das Unwissen ist erstaunlich groß. Wenn wir da an unsere Ingenieurkollegen denken, die sich aus der Industrie bewerben, die haben überhaupt gar keine Vorstellungen, was man da eigentlich braucht. So kommt es dann natürlich auch dazu, dass wir viele Bewerbungen erhalten, die nicht den Anforderungen genügen.“

Voraussetzung für eine FH-Professur ist neben der Promotion eine mindestens dreijährige Tätigkeit außerhalb der Hochschule. Die Attraktivität der Stellen leidet unter den Rahmenbedingungen: In der Wirtschaft verdient es sich auf Führungspositionen in der Regel weit besser, zudem ist die Lehrbelastung an Fachhochschulen hoch, die Forschungsmöglichkeiten sind gering. Meist werden FH-Professoren nach Besoldungsstufe W2 bezahlt. Im Bundesdurchschnitt entspricht das einem Monatsverdienst von 5671,96 € brutto. Die nach W3 honorierten Universitätskollegen haben knapp 700 € (6339,26 €) mehr in der Tasche. „Fachhochschulen bietet sich theoretisch die Möglichkeit, nach W3 zu bezahlen. Die Etats, die deutlich unter denen der Universitäten liegen, setzen dem jedoch enge Grenzen“, so Sembritzki. Wirbt ein Professor erfolgreich Drittmittel ein, hat er Anspruch auf eine Leistungszulage. „Die Höhe variiert von Bundesland zu Bundesland. Manche Länder haben relativ niedrige Grundvergütungen, zahlen dafür aber hohe Zulagen, andere praktizieren das anders herum.“ Unter dem Strich verringerte sich das Einkommen bei den Personen, die aus der Privatwirtschaft auf die Professur wechselten, in 68 % der Fälle, es erhöhte sich nur in 12 %.

Zum allgemeinen Trübsalblasen aber besteht kein Grund. Die befragten Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft sehen zahlreiche Gründe, weshalb eine FH-Professur allen Widrigkeiten zum Trotz Sinn und Spaß macht. Auf die Frage, was den Beruf attraktiv macht, betonen die meisten die weitgehend eigenständige Arbeitsplanung (84,1 %) sowie Zeiteinteilung (76,6 %). Nicht zu unterschätzen ist die gesellschaftliche Achtung des Hochschullehrerberufs. 64 % der Befragten halten diesen Punkt für wichtig; die Arbeitsplatzsicherheit, sprich Verbeamtung, wird von 62 % hervorgehoben. Unter den Pluspunkten tauchen zudem die zeitliche Flexibilität, die Forschungsfreiheit, die Zusammenarbeit mit kleinen und mittleren Unternehmen, die Arbeit mit jungen Menschen sowie die Herausforderung auf, die eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten in einem neuen Umfeld auf die Probe zu stellen.

Wem der Verdienst als FH-Professor nicht reicht oder wer nicht ganz vom Job in der Privatwirtschaft lassen kann, dem bietet sich die Möglichkeit, ein Fünftel der Arbeitszeit nebenberuflich tätig zu sein, etwa in einem Ingenieurbüro. Relativ neu ist die Idee der Share-Professorships. Ingenieure können parallel im Unternehmen und an der Hochschule arbeiten. „Das gewährleistet den gewünschten Praxisbezug und ein Höchstmaß an Flexibilität“, sagt Hochschulforscher Sembritzki und verweist auf die Empfehlungen des Wissenschaftsrats.

Eine solche „perfekte Vernetzung“ von Wirtschaft und Wissenschaft kann sich auch Horst Hippler gut vorstellen. „Ingenieure sind als ‚Grenzgänger‘ zwischen Hochschulen und Berufspraxis für beide Seiten wertvoll.“ Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz fordert gegenüber den VDI nachrichten zudem eine Überprüfung der Besoldungsstrukturen. „Die Fachhochschulen brauchen größere Spielräume für ihre Personalbudgets, um ihren Professoren Zulagen gewähren zu können wie die Universitäten.“

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