NEUORIENTIERUNG 08. Jul 2019, 16:30 Uhr Chris Löwer

Fremdgehen lohnt

Für Ingenieure ist ein Branchenwechsel riskant, doch er kann sich lohnen. Tipps für den Wechsel in fremde Gefilde.

Auf zu neuen Ufern: Wer als Ingenieur die Branche wechselt, sollte sich fragen, für wen sein Wissen einen Mehrwert bringt.
Foto: panthermedia.net/Diego Cervo

Den promovierten Elektrotechnikingenieur erwischte es hart: Der 50-jährige Entwicklungsleiter wurde vom Niedergang der deutschen Handy-Industrie mitgerissen. Alle Versuche in der Branche zu bleiben, scheitern. Also blickte er über den Tellerrand hinaus. „Heute ist er erfolgreicher Entwicklungsleiter eines mittelständischen Herstellers elektronischer Verbrauchserfassungssysteme, berichtet Norbert Roseneck, Mitinhaber der New Placement AG. Branchenwechsel geglückt. Den bewerkstelligen Ingenieure öfter als gedacht. Albrecht von Bonin, Inhaber der gleichnamigen Personalberatung im hessischen Gelnhausen, kennt etliche Fälle: ein Bauingenieur startet bei einem Projektentwickler für die Hotellerie durch, ein Maschinenbauingenieur heuert aus seiner Position in der Instandhaltung eines Werkzeugmaschinenbauers bei einer Schiffsingenieur bei einer internationalen Kreuzfahrtgesellschaft an und ein Schiffsingenieur übernimmt das Facility Management einer Hotelkette …

Kleiner Selbsttest

Kriterien und Fragen, mit denen man selbst prüfen kann, ob es wirklich angebracht ist, den Job oder die Branche zu wechseln. Die wichtigsten nennt Werner Lessmann, Senior Partner der New Placement AG:

Was macht mir in meiner heutigen Aufgabe Spaß, erfüllt mich und was stört mich bzw. fehlt mir?

Lassen sich meine Wünsche tatsächlich nicht im bisherigen Umfeld erfüllen und worauf muss ich dort vermutlich verzichten?

Was spricht dafür, dass sich die unerfüllten Wünsche durch einen Wechsel von Arbeitgeber und Branche erfüllen lassen?

Welche Erwartungen werden in einem anderen Feld an mich gestellt?

Wie ist meine Position im Wettbewerb und die als attraktiv empfundene Welt im Vergleich zur bisherigen?

Ist die zu erwartende Entwicklung des neuen Umfeldes nachhaltig positiv?

Sind die Risiken des Wechsels beherrschbar und gibt es im Falle des Scheiterns realistische Chancen, den eingeschlagenen neuen Weg weiter zu beschreiten?

Verbaue ich mir die Chance, im Falle des Scheiterns wieder in mein bisheriges Arbeitsfeld zurückzukehren?

„Es gibt immer wieder Erfolgsgeschichten“, weiß auch Kerstin Ercolino, Managing Consultant Operation bei der Talent- und Karriereberatung von Rundstedt. Sie nennt unter anderem das Beispiel eines Maschinenbauingenieurs, der heute als Regional-Geschäftsführer eines europäischen Verkehrsclubs für das Controlling verantwortlich ist. „Erfolgsfaktoren waren ein ausgeprägtes Zahlenverständnis, die Kompetenz, sehr gut mit Prozessen umgehen zu können sowie der geschickte Einsatz von Softskills.“ Gerade Ingenieure mit einem breiten Kompetenzprofil, mit dem sie auch in anderen Branchen punkten können, trauen sich, etwas Neues kennenzulernen, bemerkt Ercolino. Häufig sind die Gründe für einen Wechsel allerdings nicht ganz freiwilliger Natur: „Wenn eine Branche derzeit keine attraktiven Karrierechancen bietet oder der Ruf gelitten hat (siehe Automotive), macht ein Wechsel Sinn“, sagt von Bonin. „Oft wecke auch eine gewisse Branchenmüdigkeit den Wunsch nach einem Wechsel.“

Freiwillig oder unfreiwillig – nicht immer geht ein Stellen-oder Branchenwechsel gut aus. Dabei gibt es ein paar einfache Tipps, wie der Wechsel gelingt. „Ich rate allen, die damit liebäugeln, sich selbstkritisch zu fragen: Was reizt mich an dieser Branche? Ist die Branche wirklich für mich interessant? Oder klingt aufgrund meiner Unzufriedenheit mit dem aktuellen Job alles andere besser, als das, was ich gerade habe?“, fragt Ercolino. Voraussetzung, um diese Fragen ehrlich beantworten zu können, sei eine umfassende Recherche über die Wunschbranche. Ercolino: „Oft haben Bewerber unrealistische Vorstellungen über Branchen und Unternehmen. Daher empfehle ich auch, mit Personen zu sprechen, die schon in der Branche tätig sind und ein realistisches Bild vermitteln können.“

Zu einer klaren Strategie rät von Bonin. Zu den Kernfragen, um diese zu entwickeln, zählen: Für welche Branchen bringen mein Know-how, meine Führungserfahrung, meine Marktkenntnis, meine Kundenkontakte einen Mehrwert? Dann gelte es in systematischer Marktrecherche die Key Player in diesen Branchen zu ermitteln, ihren Marktauftritt zu analysieren, Informationen zu sammeln (Expansionsnachrichten, Fluktuation, Restrukturierungen, neue Entwicklungen, Kooperationen, Managementwechsel, ausgeschriebene Positionen …). Nächster Schritt: prüfen, für welche dieser Unternehmen man ein wertvoller Problemlöser sein kann, ohne „das Stigma des teuren Lehrlings als Branchenfremder“ mit sich herumzutragen, so von Bonin.

Und schließlich: „Jetzt empfiehlt es sich, bei den ausgewählten Firmen mit einer gut aufbereiteten Initiativbewerbung anzuklopfen. So kommt man mit etwas Glück an Positionen heran, die noch nicht auf dem Arbeitsmarkt angeboten werden und kann sich ‚konkurrenzlos‘ präsentieren.“ Das gelingt mit einer zugkräftigen Bewerbung, aus der sofort die Motivation für den fach- oder branchenfremden Vorstoß klar wird. Ercolino: „Wichtig ist, dass aus Anschreiben und Lebenslauf hervorgeht, dass sich der Bewerber Gedanken über den Wechsel gemacht hat.“

Im Anschreiben sollten die Gründe für den gewünschten Branchenwechsel erkennbar sein. „Dort sollte idealerweise auch klar werden, welchen Mehrwert der Bewerber dem Unternehmen bieten kann“, sagt die Expertin. Der Lebenslauf unterstütze idealerweise diese Argumentation, indem er die Tätigkeiten und Erfahrungen beschreibt, die auch für andere Aufgaben und Branchen relevant sind.

Branchenwechsler sollten zunächst telefonisch Kontakt zu dem wirklichen Entscheider, also nicht der Personalabteilung, aufnehmen, um herauszufinden, wie der über Chancen Branchenfremder denkt, rät von Bonin. „Dabei ist es wichtig, mit den wichtigsten Faktoren zu argumentieren, die der Bewerber zum Nutzen des neuen Arbeitgebers aus anderen Branchen mitbringt. Erst wenn der Entscheider darauf neugierig reagiert, lohnt sich eine schriftliche Bewerbung“, betont von Bonin. Zudem mache der Ton die Musik, was viele Ingenieure zu wenig beachten: „Soll ein Fach- oder Branchenwechsel gelingen, muss man sich allerdings von den fach- bzw. branchenspezifischen Vokabeln, Tätigkeiten und Erfolgen lösen und auf einer höheren Abstraktionsebene formulieren“, erklärt Roseneck. Der Adressat dürfe nicht den Eindruck gewinnen, dass man aus einer anderen, fremden Welt kommt, sondern die Darstellungen müssen von ihm für sein Feld als passend und attraktiv wahrgenommen werden. Roseneck: „Gelingt einem das bei dem einen oder anderen Projekt nicht, kann es sinnvoll sein, es lieber unerwähnt zu lassen, als dem Entscheider das Gefühl zu geben, dass man doch sehr in der nicht als sonderlich passend angesehenen Welt verhaftet ist.“

Auf keinen Fall dürfe der Eindruck entstehen, dass der neue Job lediglich ein Notnagel ist, ganz dem Motto folgend: Bloß weg aus meinem alten Job!

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