Interview mit Hirnforscher 29. Jan 2021 Von Wolfgang Schmitz

Gerald Hüther: „Bildung, damit das Leben gelingt“

Die größte Baustelle in den Schulen ist nicht die Digitalisierung, sondern die Frage, welchem Zweck Schulen dienen sollen, meint der Hirnforscher und Bestsellerautor Gerald Hüther.

Gerald Hüther: „Schule ist als Ausbildungseinrichtung so dominant geworden ist, dass junge Menschen sich kaum noch in Vereinen oder anderen Bereichen engagieren können.“
Foto: www.gerald-huether.de

VDI nachrichten: Herr Hüther, die einen fordern, so schnell wie möglich rundum digitale Bildungsversorgung in den Schulen, die anderen kontern: Vorsicht, erst didaktische Konzepte, dann die digitalen Medien, die dazu passen. Welcher Weg ist richtig?

Hüther: Es ist ein sonderbares Phänomen, das in vielen Entscheidungsbereichen, auch in der Wirtschaft, um sich greift: Weil es nicht gelingt, die wirklich wichtigen Probleme zu lösen, verlagert sich die Diskussion auf irgendeinen Nebenschauplatz und beginnt um Themen zu kreisen, über die sich dann trefflich streiten lässt.

Unseren Kindern und Jugendlichen droht keine digitale Vereinnahmung. Die hat längst stattgefunden. Die statistischen Erhebungen zur täglichen Nutzungsdauer digitaler Medien machen das ja überdeutlich. Und wer darüber streiten möchte, wie eine künftige „digitale Bildungsversorgung“ in den Schulen auszusehen hat, müsste zunächst erst einmal klären, was mit „Bildung“ gemeint ist und wohin sie führen soll. Erst dann, wenn sich alle Beteiligten einig sind, welche Aufgabe die Schule hat, kann man über geeignete didaktische Konzepte zur Umsetzung dieses Anliegens reden und darüber nachdenken, wie sich digitale Medien dafür nutzen und einsetzen lassen.

Digitale Medien zur Aneignung von Bildung

Wo liegen aus Sicht des Hirnforschers die Grenzen digitaler Bildung, wo die Möglichkeiten?

Wenn Sie mit „digitaler Bildung“ die Nutzung digitaler Medien für die Aneignung von Bildung meinen, so lässt sich aus neurowissenschaftlicher Sicht nur eines feststellen: Solange digitale Medien als Werkzeuge zum Erreichen dieses Zwecks eingesetzt werden, bieten sie eine Vielzahl bisher ungenutzter Möglichkeiten. Werden sie jedoch als Instrumente zur Affektregulation benutzt, besteht die Gefahr der Herausbildung einer psychischen Abhängigkeit.

Leider lernen die meisten Heranwachsenden die digitalen Medien nicht …

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