PERSONALPLANUNG 26. Sep 2014 Peter Ilg

„Ingenieure über 50 sind schwer vermittelbar“

Unternehmen haben kaum Interesse an Ingenieuren über 50. Die Firmen glauben nicht an deren Engagement und sie haben keine Instrumente für die Integration älterer Mitarbeiter. Die Unabhängigkeit der alten Hasen ist Vorgesetzten ein Graus. Das stellt jedenfalls Reinhard Scharff regelmäßig fest. Er ist Geschäftsführer von Personal Total in Stuttgart.

Wer die 50 überschritten hat, tut sich schwer, einen neuen Job zu finden, auch als Ingenieur.
Foto: panthermedia.net/voronin-76

VDI nachrichten: Ist es schwieriger für Sie, Ingenieure mit Berufserfahrung zu vermitteln?

Scharff: Bei Leuten zwischen Mitte 30 und Ende 40 ist es kein Problem. Schwierig wird es erst ab über 50.

Ingenieure ohne Sonderstatus

Die Zentrale der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg teilte auf Anfrage der VDI nachrichten mit: Im August 2014 waren 2,9 Mio Menschen in Deutschland arbeitslos gemeldet. Davon hatten 28 706 ein Ingenieur-Studium abgeschlossen. 51,2 % dieser arbeitslos gemeldeten Ingenieure waren über 40. Unter allen Arbeitslosen liegt die Quote bei über 40-Jährigen bei 54,8 %

Grundsätzlich sei das Risiko von älteren Beschäftigten, arbeitslos zu werden, kleiner geworden. Jedoch täten sich die älteren Arbeitslosen schwer, einen neuen Job zu finden. Und das gilt offensichtlich über alle Berufsgruppen hinweg – Ingenieure haben keinen Sonderstatus.

Warum? Selbst bei Absolventen legen Unternehmen Wert auf Berufserfahrung.

Manchmal ist das Gehalt ein Hinderungsgrund, weil natürlich jemand über 40 oder 50 bedingt durch unsere Wirtschafts- und Gewerkschaftsstruktur viel mehr verdient als ein 30-Jähriger. Obwohl Ü-50-Kandidaten meist gesprächsbereit sind, was ihr Gehalt angeht, kommen sie bis zu diesem Punkt im Bewerbungsverfahren meist nicht: Die Unternehmen trauen ihnen nicht zu, dass sie engagiert sind und Leistung bringen wollen. Viele Firmen scheinen nicht an Erfahrungen und technischem Wissen interessiert zu sein.

Auch haben sie keine Instrumente für die Integration älterer Ingenieure im Betrieb, geschweige denn eine institutionalisierte Organisationsabteilung, die Alt und Jung zusammen bringt und das Wissen dorthin transferiert, wo die Zukunft ist: in die Jungingenieure.

Die müssen deshalb oft dieselben Fehler machen, um so gut wie alte Hasen zu werden. Und viele junge Chefs haben pure Angst vor der Erfahrung und dem Wissen der Alten. Also stellen sie lieber Ingenieure ein, die ihnen nicht gefährlich werden können. Das sind die Jungen.

Und wie ist es in Ingenieurdisziplinen, in denen laut unterschiedlicher Organisationen ein Mangel herrschen soll, wie etwa der Elektrotechnik: Kommen da ältere Ingenieure leichter unter?

Nein, ab einem gewissen Alter gibt es keinen Unterschied zwischen Maschinenbau- und Elektro-Ingenieur: wer die 50 überschritten hat, tut sich schwer, einen neuen Job zu finden.

Um auf Ihre vorherige Antwort zurückzukommen: Das Wissen der Alten soll auf die Jungen in altersgemischten Gruppen übergehen. Gibt es die nicht oder funktionieren die Teams nicht?

Altersgemische Gruppen sind in den Unternehmen zwar in den Sonntagsreden der Vorstände, Geschäftsführer und Personalleiter ein Thema, aber nicht im Einstellungsprozess. Viele Unternehmen sind organisatorisch schlichtweg nicht so aufgestellt, dass ein solches Modell funktionieren kann.

Das hängt auch damit zusammen, dass Personalabteilungen in Unternehmen immer noch erstrangig als Beschaffungsabteilungen gesehen werden beziehungsweise sich selbst gerne so sehen: Erfolg im HR wird sehr oft nur daran gemessen, wie viele Köpfe sie unterjährig eingestellt haben. Das allein zählt und nicht das partnerschaftliche Modell zwischen Personal- und Fachabteilung, das ebenfalls propagiert, aber ebenso wenig gelebt wird.

Was spricht für ältere Ingenieure?

Treue zum Unternehmen, und die Alten haben ihre Fehler schon gemacht und machen sie nicht mehr. Sie kennen alle Tricks und Kniffe und sind oft schneller am Ziel als Jüngere. Auch haben sie zumeist den besseren Ansatz, was beispielsweise Handling und Servicefreundlichkeit ihrer Produkte angeht.

Und worin haben die alten Hasen Defizite?

Manche sind tatsächlich gesättigte, träge Wohlstandsbürger und damit auch nicht mehr so leicht lenk- und beeinflussbar wie jemand, der gerade ein Haus gebaut oder kleine Kinder hat und eine Frau, die nicht arbeitet. Diese Abhängigen sind allen Abteilungsleitern, Geschäftsführern und Managern am liebsten. Die rennen und schaffen, ohne zu murren. Das haben die Alten nicht mehr nötig. Die sind unabhängiger, was den Unternehmen ein Graus ist.

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