OECD-Studie 22. Jan 2020 Von Wolfgang Schmitz

Jugend verharrt in Traditionen

Viele Schüler in den meisten Industrieländern haben die berufliche Bedeutung der Digitalisierung noch nicht erkannt. Deutsche Jugendliche sind da etwas weiter.


Foto: PantherMedia / Benis Arapovic

Es ist seit Jahrzehnten das gleiche Bild: Jugendliche streben Berufe an, die auch schon ihre Eltern als Traumjobs oder als solche mit hohem Ansehen betrachteten: Arzt, Lehrer, Manager oder Polizist. Die weitreichenden Veränderungen der Arbeitswelt spiegeln sich bislang noch nicht in ihren Berufsvorstellungen wider. Auf die Frage, welchen Beruf sie mit 30 Jahren erwarten auszuüben, nennen 15-Jährige in den großen Industrieländern überwiegend traditionelle Berufsbilder. Dies ist das Ergebnis einer heute auf den Daten der Bildungsuntersuchung Pisa beruhenden Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Etwa die Hälfte nennt einen von nur zehn besonders bekannten Berufen, was laut OECD auf eine insgesamt geringe Vorstellungskraft bezüglich der Vielfalt des Arbeitsmarkts schließen lasse. Auch präge die soziale Herkunft der Schülerinnen und Schüler deren beruflichen Erwartungen und Ambitionen stark.

Frühe Kontakte zur Arbeitswelt zahlen sich aus

„Dream Jobs: Teenager’s career aspirations and the future of work“ zeigt, dass auch im Zeitalter sozialer Medien und künstlicher Intelligenz Jugendliche in den OECD-Ländern kaum Tätigkeiten anstreben, die mit der Digitalisierung entstanden sind. So nannten in der aktuellen Pisa-Erhebung 47 % der Jungen und 53 % der Mädchen einen von zehn besonders häufig genannten Berufen. Damit hat sich die Fokussierung auf wenige Berufe seit Pisa 2000 noch um einige Prozentpunkte erhöht.

Auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz lässt sich eine verstärkte Fokussierung beobachten, allerdings sind die beruflichen Ambitionen hier insgesamt deutlich diverser als im Durchschnitt: Nur etwa vier von zehn Schülerinnen und Schülern nannten einen der zehn am häufigsten genannten Berufe. In diesen Ländern hat sich vermutlich bewährt, dass Schulen frühzeitig Kontakte in die Arbeitswelt vermitteln.

Duale Ausbildung bietet Perspektiven

Leistungsstarke Schülerinnen und Schüler aus privilegierten Verhältnissen nannten im Schnitt viermal häufiger ambitionierte und mit höherer Bildung verbundene Berufsziele als Schülerinnen und Schüler mit vergleichbaren Leistungen aus benachteiligten Verhältnissen. Letztgenannte hatten auch wesentlich häufiger eine falsche Vorstellung von dem für ihren anvisierten Beruf notwendigen Bildungsweg.

In Deutschland und Österreich fällt auf, dass besonders viele leistungsstarke Schülerinnen und Schüler trotz ihrer schulischen Erfolge keine tertiäre Ausbildung, in der Regel ist das ein Studium, anstreben. Hier mag eine Rolle spielen, dass in diesen Ländern auch die duale Ausbildung als gute Karriereperspektive wahrgenommen wird.

Auffällig ist außerdem, dass sich die Berufsvorstellungen zwischen den Geschlechtern weiterhin deutlich unterscheiden. Jungen, die bei Pisa in Mathematik und Naturwissenschaften gut abschnitten, interessierten sich weit häufiger für einen Beruf im Bereich Naturwissenschaften oder Ingenieurwesen als Mädchen. Mädchen, die hier gut abschnitten, visierten häufiger eine berufliche Zukunft im Gesundheitswesen an.

Plädoyer für Jobmessen und Praktika

„Zu denken gibt, dass viele der genannten Berufe nicht nur traditionell, sondern möglicherweise schon bald nicht mehr zeitgemäß sind“, bilanziert die OECD. Sie geht davon aus, dass 39 % der genannten Berufe dem Risiko unterliegen, in zehn bis 15 Jahren durch Automatisierung wegzufallen. In Deutschland, Griechenland, Japan, Litauen und der Slowakischen Republik sieht man dieses Risiko bei über 45 %.

„Entsprechend wichtig ist es, Schülerinnen und Schülern frühzeitig ein Bild vom Wandel des Arbeitsmarkts zu vermitteln, etwa durch Praktika und andere Kontakte in die Berufswelt, Berufsberatung oder den Besuch von Jobmessen.“ Positiv sei, dass solche Aktivitäten heute häufiger stattfänden als noch vor 15 oder 20 Jahren. „Dass dennoch nicht einmal 40 % der befragten 15-Jährigen angeben, bereits eine Jobmesse besucht oder ein Praktikum absolviert zu haben, verdeutlicht den Bedarf, entsprechende Aktivitäten auszuweiten“, heißt es abschließend.

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