KOMMENTAR 08. Jul 2019 Wolfgang Schmitz

Kurze Arbeitswege sind ein Luxus

Ich verfüge über einen Luxus, der mir nicht immer bewusst ist. Manchmal fluche ich sogar auf ihn.

Wolfgang Schmitz, Redakteur: Steuerliche Anreize zum Pendeln sind kontraproduktiv.

Wenn Gegenwind und Schauer den schwitzenden Radler von innen und außen nässen, wünschte ich mir, in Bus, Bahn oder Auto zu sitzen. Der Gedanke verfliegt, sobald ich auf der Rheinbrücke den morgendlichen Stau passiere. Ich bewege mich, ich brauche für 6,8 km in der Regel exakt 24 Minuten, ohne mich zu quälen und zu stressen, die Kosten halten sich in Grenzen. Welch ein Luxus!

Dass meine Nerven nicht die stabilsten sind, merke ich auf Dienstreisen. „Der ICE nach Stuttgart wird voraussichtlich 20 Minuten später eintreffen“, heißt es gehässig aus dem Lautsprecher. Soll ich jetzt froh sein, dass es nicht 30 oder 40 Minuten sind? Mein Puls jedenfalls ist nicht der, der er noch vor wenigen Minuten war. Ob ich es rechtzeitig zum Termin schaffe? Ich drehe am Rad. Das Erstaunliche: Ich bin auf dem Bahnsteig offenbar der einzige, der das tut. Ein älterer Herr liest unbeeindruckt die Tageszeitung, eine junge Frau lacht in ihr Handy. Noch nie etwas vom Wechselbad der Gefühle gehört? Wo nehmen die Menschen die stoische Ruhe her? Es muss die Macht der Gewohnheit sein. Trost finde ich in der Aussicht auf den kommenden Tag und meinen Drahtesel.

Die Technik nährt die Hoffnung auf Besserung. Saubere Transportmittel sind nur eine Schraube, an der es zu drehen gilt. Der Haken: Die Politik setzt auf mehr statt auf anders. So soll der Rhein-Ruhr-Express im 15-Minuten-Takt den Verkehr in den Ballungszentren zwischen Köln und Dortmund entlasten. Mehr Züge, mehr Bahn-trassen, mehr Autobahnen werden aber nicht zu Entzerrung und Entspannung beitragen, geschweige denn zur Erreichung von Klimazielen. Stattdessen sollte die Arbeit häufiger als bislang dem Menschen folgen und nicht umgekehrt. Das wird nicht immer und überall machbar und sinnvoll sein, schließlich kann die Digitalisierung weder das unmittelbare menschliche Miteinander noch Werkhallen ersetzen. Neue Arbeitskonzepte sollten aber attraktiver sein als steuerliche Anreizsysteme für weite Anfahrten. Damit kämen vielleicht noch mehr Menschen in den Genuss, mit dem Rad zur Arbeit zu fahren.

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