Jahrestag Befreiung der Landshut 18. Okt 2019, 08:10 Uhr Peter Steinmüller

Nach einer Minute war alles vorüber

Als die GSG 9 vor 42 Jahren die Passagiere der entführten „Landshut“ befreite, setzte sie auf neuartige Techniken und Taktiken. Die befürchtete Tragödie endete im Triumph.

Sekunden vor dem Sturm: Die Szene aus dem TV-Film „Todesspiel“ zeigt die Ausrüstung der GSG 9 mit Sturmleitern, Pistolen und schusssicheren Westen.
Foto: ddp images/United Archives

Noch nach 42 Jahren klingt Stolz aus der Stimme von Ulrich Wegener: „Ich habe immer gesagt, das Wichtigste ist, die Passagiere unbeschädigt aus der Maschine zu bringen. Das ist uns hundertprozentig gelungen“, erzählt der 89-jährige GSG-9-Gründer den VDI nachrichten beim Gespräch in seinem Wohnzimmer. Am 18. Oktober 1977 schafften er und seine Einheit, was bis dahin völlig undenkbar erschien: Deutsche Polizisten gehen erfolgreich auf fremdem Boden mit Waffengewalt gegen Terroristen vor, ohne dass Unschuldige zu Schaden kommen.

Die „Landshut“ war vier Tage zuvor von vier palästinensischen Terroristen entführt worden und nach einem Irrflug durch den Nahen Osten in Mogadischu gelandet. Wenige Stunden später traf dort eine Boeing 707 mit etwa 60 GSG-9-Beamten ein. Dabei mussten sie sich auf eine Ausrüstung verlassen, die noch nie im Ernstfall zum Einsatz gekommen war. Auf Fotos aus den Siebzigern wirken die GSG-9-Männer sehr martialisch mit ihren Helmen, Sturmhauben, dunkelgrünen Overalls und der Standard-Maschinenpistole der Polizei, der MP5. Doch der Einsatz in Mogadischu verlangte eine andere Ausrüstung.

Zwar sollten die Polizisten bei Zwischenlandungen kein Aufsehen erregen und flogen deshalb in Zivil. Dass aber für den Einsatz keine Uniformen in die 707 gepackt worden waren, rächte sich nun, denn die Beamten mussten auf die Tarnwirkung ihrer Overalls verzichten.

Schutz vor Entdeckung bot zumindest das Dunkelgrün der schusssicheren Westen. Erst kurz vorher hatte die GSG 9 eine neue Generation von Westen erhalten, bei denen die Panzerung aus Kevlar und einer Keramikplatte bestand, und die wesentlich leichter waren und schnellere Bewegungen erlaubten als die bisherigen Modelle. Sie bewährten sich in Mogadischu: Wegener zufolge wurden zwei Polizisten in die Westen getroffen, aber von schweren Verletzungen verschont.

Ulrich Wegener, Gründer der Anti-Terror-Einheit GSG-9, steht am 29.01.2013 in Berlin im Alten Stadthaus bei der Amtseinführung von Polizeipräsident Kandt. Vertreter aus Politik, Gesellschaft, Behörden und Verwaltung nahmen an der Feier teil.
Foto: dpa/Picture-Alliance/ Paul Zinken

Am Gürtel trugen die GSG-9-Männer ihre Pistolen oder Revolver. Auf Maschinenpistolen hatte Kommandeur Ulrich Wegener für den Einsatz in der Maschine mit gutem Grund verzichtet. Er wollte nicht riskieren, dass Passagiere getroffen wurden, wenn bei den Feuerstößen die Geschosse zu weit streuten. Bei ihrer Gründung hatte die GSG 9 Pistolen von Heckler & Koch angeschafft, die trotz der kompakten Bauweise präzise trafen. Manche der Elitepolizisten wie Wegener bevorzugten US-Revolver von Smith & Wesson, die in Deutschland bis dato nur aus US-Krimiserien bekannt waren, aber den für Geiselbefreiungen wichtigen Effekt besaßen, Gegner mit dem ersten Treffer außer Gefecht zu setzen. Das entsprach genau dem Auftrag, den Wegener seinen Männern eingeschärft hatte: „Dass es nicht darauf ankam, jeden Terroristen sofort auf die Fliesen zu legen, sondern in erster Linie, dass es darauf ankommt, ihn außer Gefecht zu setzen.“

Während sich das etwa 30-köpfige Sturmkommando im toten Winkel an die Maschine heranschlich, stand Wegener im Funkkontakt mit den Präzisionsschützen, wie die Polizei Scharfschützen euphemistisch nennt. Zwei Teams versteckten sich in den Stranddünen und gaben weiter, was sie an der Lufthansa-Maschine beobachteten. Allerdings konnten sie nur den Anführer der Terroristen, Zohair Youssif Akache, im Cockpit sehen, denn alle Jalousien der Kabine waren heruntergezogen.

Akache bekam die Wirkung der Blendknallgranaten ab, die zwei Soldaten der britischen Antiterroreinheit SAS im Moment des Sturms vor dem Bug der „Landshut“ zündeten. Mit ihrem lauten Knall und hellen Lichtblitz lähmen die Granaten sekundenlang Personen, ohne ihnen durch Splitter oder Druckwellen zu schaden. Wegener jedoch fürchtete, dass das enthaltene Magnesium einen Brand entzünden oder Passagiere verletzten könnte und verzichtete im Flugzeuginneren auf die Verwendung der Granaten, die die Briten aus ihren Beständen mitgebracht hatten.

Doch kurz bevor Akache desorientiert aus dem Cockpit taumelte, lehnten die sechs GSG-9-Trupps vorsichtig ihre Sturmleitern an den Rumpf der „Landshut“ – an den vorderen und hinteren Türen jeder Seite sowie an die Tragflächen, um von dort aus an die Notausstiege in der Flugzeugmitte zu gelangen. Obwohl Polizisten die Holmenenden mit Schaumstoff umwickelt hatten, hörten einige Passagiere das Scheuern der Leitern an der Aluminiumhaut des Flugzeugs. Copilot Jürgen Vietor erklärte sich die Geräusche sogar mit Halluzinationen aufgrund seines Schlafmangels.

Die nervenaufreibende Präzisionsarbeit wenige Zentimeter neben Vietor schilderte der ehemalige GSG-9-Mann Dieter Fox in der Talkshow von Markus Lanz: „Da werden die Griffe gesucht, dann werden die Griffe gefasst, dann werden die Griffe langsam herausgezogen. Dann wird der Griff gedreht, und die Tür wird aufgemacht.“ Auf Wegeners Kommando gelang es allen Teams, nahezu im selben Moment in die Kabine einzudringen. Daraufhin schrie Fox jenen Satz, ohne den keine Schilderung der Nacht von Mogadischu auskommt: „Köpfe runter! Wo sind die Schweine?“ Sein Ex-Kommandeur Wegener kommentiert noch Jahrzehnte später Fox‘ Ausdrucksweise trocken mit: „Ich war nicht begeistert.“

Wichtiger ist Wegener, dass seine Männer den Befehl auf Deutsch und Englisch brüllten, damit auch die ausländischen Passagiere ihn verstanden. Denn er fürchtete die politischen Komplikationen, wenn deutsche Polizisten irrtümlich ausländische Geiseln erschossen. Doch in den entscheidenden Sekunden unterschieden Wegeners Männer exakt zwischen den Guten und den Bösen, gemäß den Vorgaben ihres Kommandeurs: „Jeder wurde vergattert: Schießt nur auf Ziele, die hundertprozentig sicher erkannt wurden!“

Im weniger als eine Minute dauernden Feuergefecht starben zwei der Terroristen noch im Flugzeug, einer kurze Zeit später. Nur Souhaila Andrawes, von Fox noch vier Jahrzehnte später respektlos „die Dicke“ genannt, überlebte schwer verletzt. Die Polizisten evakuierten die nach dem tagelangen Martyrium völlig erschöpften und verwahrlosten Menschen über die Sturmleitern oder hoben sie mit Muskelkraft aus dem Flugzeug. Rund 20 Minuten nach dem Angriff waren die Passagiere in Sicherheit – zumindest fast, denn Wegener hatte nicht gewusst, dass sich in der von ihm als Sammelpunkt festgelegten Mulde jede Nacht die Giftschlangen im warmen Sand sammelten.

Welche Gefahren die GSG 9 bei ihrem Einsatz einging, beschrieb der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt im Rückblick: „Das Risiko, dass das Flugzeug in die Luft gesprengt werden würde, hielt ich für 50 % wahrscheinlich.“ Hätten die Polizisten ihre Taktik und Technik nicht so souverän eingesetzt, hätten nicht nur sie und einzelne Geiseln getötet werden, sondern das Flugzeug mit fast 130 Menschen an Bord hätte in Flammen aufgehen können. Das Inferno wäre gespeist worden vom Treibstoff, den Sprengladungen der Terroristen und dem Alkohol, den diese Stunden zuvor über die Geiseln gegossen hatten. Doch es kam anders. Dieter Fox sagt es so: „Wir hatten 50 % Glück und weitere 50 % Können.“

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