FAMILIE UND BERUF 10. Jan 2014, 11:20 Uhr Matilda Jordanova-Duda

Papa und Mama arbeiten nebenan

Die Einrichtung einer Firmen-Kita zahlt sich aus. Eltern kehren schneller an den Arbeitsplatz zurück und fallen seltener aus, außerdem kann eine Kita für einen Bewerber verlockender sein als ein schicker Dienstwagen. Meist sind es große Unternehmen, die mit Kitas locken. Kleine Betriebe tun sich schwer. KB Schmiedetechnik in Hagen ist eine Ausnahme.

Schicker Dienstwagen oder lieber einen Kita Platz im Unternehmen? Immer mehr Firmen setzen auf Betriebseigene Kitas um Bewerbern entgegen zu kommen.
Foto: panthermedia.net/allzweckjack

Nur 3,4 % der Betriebe leisten sich einen eigenen Kindergarten oder Belegplätze in den städtischen, ergab der Unternehmensmonitor Familienfreundlichkeit 2013 des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Das ist nicht viel, aber immerhin fast doppelt so viel wie vor zehn Jahren. Fast immer sind es Betriebe mit mehr als 250 Beschäftigten. Eine Hagener Industrieschmiede zeigt, dass auch kleinere Unternehmen etwas für Familien tun können.

„Sag Papa Tschüss, Papa muss jetzt ein bisschen arbeiten“, verabschiedet sich Albert Braun. Der Ingenieur leitet die Konstruktionsabteilung von KB Schmiedetechnik in Hagen – und der zweijährige Florian bleibt im Betriebskindergarten gleich daneben. Wo Papa arbeitet, sieht und hört er ganz genau: Das Wummern der Industrieschmiede begleitet die Kinder den ganzen Tag.

Die Tagesstätte wurde vor einem Jahr eröffnet. Mit 30 Plätzen, davon ist ein Drittel der Kinder jünger als drei Jahre, auf einem großen Gelände mit Obstbäumen und Rutschhang. Dienstags kommt Mrs. Preedy, um mit den Kleinen Englisch zu sprechen, donnerstags der Musiklehrer. Mitarbeiter der Schmiede nehmen gegenwärtig nur zwei Plätze in Anspruch. Die Kommune hat die restlichen verteilt: Die Eltern arbeiten meist in den Nachbarfirmen im Industriegebiet.

Die KB Schmiedetechnik GmbH stellt Gesenkschmiedeteile her: von Einzelstücken bis zu mittleren Losgrößen. Es sind Produkte, die in Kraftwerken, Rohrleitungen, Sonderfahrzeugen, Chemie- und Abfüllanlagen verbaut werden und extremen Temperaturen, hohem Druck und aggressiven Medien standhalten. „Wir sind ein Spezialist und mit anderen Schmieden nicht vergleichbar: Wir haben keine Serienprodukte, beliefern breit gefächerte Branchen und haben viel mit Projektkunden zu tun“, erklärt Firmenchefin Angelika Schulte.

Die 120 Beschäftigten arbeiten in zwei bis drei Schichten. Fünf Ingenieure der Fachrichtung Maschinenbau und Konstruktion gehören dazu. „Die Mitarbeiterzahl ist seit Jahren konstant“, so Schulte. Praktisch keine Fluktuation, die meisten haben hier schon als Lehrlinge angefangen: typisch Familienbetrieb. Wer heiratet und Kinder bekommt, wessen Eltern Pflege bedürfen – das alles kriegen Chefin und Kollegen mit.

Neben dem Betriebskindergarten gibt es auch ein eigenes Therapiezentrum mit kostenlosen Sport- und Gesundheitsangeboten für die Mitarbeiter. „Heute nennt man es familienfreundlichen Betrieb, aber wir machen das schon immer so“, sagt Schulte. „Ich finde diese Dinge wichtig.“ Auch der Konstruktionsleiter ist so ein Eigengewächs: In den 90ern hatte er hier seine Ausbildung zum Technischen Zeichner angefangen, danach studierte er berufsbegleitend Maschinenbau. Seine Frau arbeitet ebenfalls in der Firma. Für die Familie ist der Betriebskindergarten ein Glücksfall. „Wir hatten uns bereits nach Betreuung umgeschaut, aber die Alternativen waren längst nicht so toll“, erläutert Braun. „Sie hätten zwei bis vier Extrafahrten pro Tag bedeutet.“ Zudem ist die Kita von 7 Uhr bis 17 Uhr geöffnet. Nur zwischen Weihnachten und Neujahr bleibt sie zu, aber dann hat auch der Betrieb Ferien.

Grundstück und Gebäude gehören KB Schmiedetechnik. Das Unternehmen nahm dafür keinerlei öffentliche Fördermittel in Anspruch. Für seine Arbeitnehmer zahlt es die Betriebskosten sowie die Elternbeiträge. Messungen und Auflagen gab es für den Neubau zuhauf, aber die Schmiede macht weniger Lärm als eine viel befahrene Straße.

Eltern kehren schneller auf den Arbeitsplatz zurück und fallen seltener aus, außerdem kann eine gute Betriebskita für einen jungen Bewerber verlockender sein als ein schicker Dienstwagen, zeigen Studien. Je größer das Unternehmen und je qualifizierter seine Leute, desto eher investiert es in firmeneigene Angebote: Daimler, Bosch, Bayer und Jenoptik haben sie, aber auch einige Mittelständler rüsten auf.

„Unternehmen, die keine Personalknappheit spüren und keine besonderen Anforderungen haben, haben dagegen wenig Anreiz, eine solche Aufgabe zu übernehmen“, sagt Eric Seils vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung. Und viele Arbeitgeber betrachteten es ganz einfach als Sache des Staates.

Um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf dennoch zu ermöglichen, greifen sie laut Unternehmensmonitor auf flexible Arbeitszeiten zurück. Obwohl die betriebswirtschaftlichen Belange immer noch Vorrang haben, können in drei von vier Betrieben Beschäftigte mit Kindern oder pflegebedürftigen Eltern ihr Modell individuell aushandeln. Bei KB Schmiedetechnik auch. „Wir haben sieben Arbeitszeitmodelle hier“, erklärt Chefin Angelika Schulte: „Das entstresst total und entzerrt das Verkehrsaufkommen.“

Frühaufsteher können so um 15 Uhr zu Hause sein und Morgenmuffel später zur Arbeit kommen. Junge Mütter steigen mit wenigen Stunden pro Woche wieder ein und dehnen die Stundenzahl aus, „bis es passt“.

Für Diana Wüstewald hatte die Firma vor 13 Jahren einen Telearbeitsplatz eingerichtet. Damals hatte sie ein Baby, wurde aber als Qualitätsprüferin im Unternehmen dringend gebraucht. Drei Tage die Woche stellte Wüstewald ihre Prüfzeugnisse am heimischen Computer aus, an zwei Tagen kümmerte sich die Oma um das Kind, damit sie ins Büro gehen konnte. Heute sieht sie die Kollegen aus der Verwaltung einen Tag länger. Ganz auf Telearbeit verzichten möchte sie jedoch nicht: „Man spart Fahrzeit und Kosten dadurch und kann gewisse Termine besser managen.“

„Alles jammert über Fachkräftemangel. Wir haben keinen“, sagt die Firmenchefin. Vor einem halben Jahr hat sie zuletzt einen Ingenieur eingestellt, und als zwei versierte Facharbeiter in Ruhestand gingen, gab es jede Menge geeignete Bewerbungen. Schulte: „Die Bewerber sind heutzutage über die Firma gut informiert. Und in der Region ist es bekannt, dass wir etwas für Familien tun. Das zahlt sich langsam aus“.

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