Studie von Korn Ferry 10. Dez 2018 Claudia Burger

Qualifizierung gegen Fachkräftemangel

Das Beratungsunternehmen Korn Ferry sieht beim Thema Weiterbildung Handlungsbedarf in Unternehmen.


Foto: panthermedia.net/ Viktor Cap

Bis 2030 wird jeder vierte Job (24 %) in Deutschland nicht mehr existieren. Schon in sieben Jahren werden 17 % der heutigen Berufe verschwunden sein. Weltweit gehen Unternehmen davon aus, dass fast ein Drittel (30 %) der heutigen Jobs bis 2030 weg ist. Immerhin: Jeder dritte Arbeitnehmer könne nach Ansicht der befragten deutschen Unternehmen ausreichend umgeschult und in einem neuen Bereich eingesetzt werden. Das ist das Ergebnis der Untersuchung „Talent Shift“ des Beratungsunternehmens Korn Ferry. Sie basiert auf der Befragung von 1550 Führungskräften weltweit. „Wenn ein Viertel der Jobs wegfallen und ein Drittel der Arbeitnehmer umschulbar ist, dann hört sich das zunächst wie eine gute Nachricht an“, sagt Thomas Haussmann, Senior Client Partner bei Korn Ferry. „Die Realität könnte aber anders aussehen: Gerade die wegfallenden Jobs sind bisher sehr personalintensiv und trotzdem eher einfacher Natur. Das ist der Grund, warum sie zunächst automatisiert, dann digitalisiert und schlussendlich wegfallen werden. Die Menschen in diesen Jobs sind darum nicht zwingend diejenigen, die deutsche Unternehmen für umschulbar halten.“ International gehen Unternehmen optimistischer an die Herausforderungen der Digitalisierung. Dort erwarten die befragten Unternehmen, dass durchschnittlich 44 % ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Voraussetzungen für eine Neuqualifizierung mitbringen.

56 % räumen Massenumschulungen hohe Priorität ein

Mehr als die Hälfte der deutschen Unternehmen (56 %) hat angegeben, Umschulungen für große Teile ihrer Belegschaft künftig eine sehr hohe Priorität einzuräumen. Sie wollen die ihnen bereits bekannten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer für neue Aufgaben fit machen und damit im Unternehmen halten. Gleichzeitig hat ein Drittel der Unternehmen (32 %) die Relevanz erkannt, räumt groß angelegten Umschulungen aber eine niedrigere Priorität ein. 12 % sagen, dass solche Qualifizierungsmaßnahmen für sie nicht infrage kommen.

„Wir erleben eine kuriose Situation: Obwohl die Wirtschaft damit rechnet, dass jeder vierte Job verschwindet, werden bis 2030 gleichzeitig in Deutschland fast 5 (4,9) Mio. Fachkräfte fehlen“, sagt Thomas Haussmann. „Das heißt: Es werden mehr Menschen gesucht, als dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen werden. Diese Situation können die Unternehmen nicht ausschließlich über externe Rekrutierung in den Griff bekommen. Sie müssen jetzt anfangen, breit angelegte Qualifizierungsmaßnahmen und vor allem Mitarbeiterbindungsprogramme zu starten, wenn sie mit dieser Talentlücke adäquat umgehen wollen. Dass nur 56 % der Requalifizierung eine hohe Priorität einräumen, verwundert.“ Denn: Jedes dritte der befragten Unternehmen geht sogar davon aus, dass neue Jobs mit dafür nicht ausreichend qualifizierten Beschäftigten besetzt werden müssen. „Darunter wird die Qualität des Arbeitsstandorts Deutschland leiden.“

Auf Wirtschaft kommen Personalmehrkosten von 176 Mrd. $ zu

Qualifizierung landet damit auf Platz zwei als Instrument zur Mitarbeiterbindung. Erster Platz: 62 %  der befragten Unternehmen sehen es als Top-Priorität an, ihre Arbeitgebermarke weiterzuentwickeln. 54 % halten es zudem für sehr relevant, die Gehälter gerade für Hochqualifizierte anzuheben. Thomas Haussmann sagt: „Diesen Trend erkennen wir in einigen Branchen bereits bei Neueinstellungen. Während die allgemeinen Gehaltserhöhungen in den meisten Fällen in geordneten Bahnen zwischen nominell  2 % und 3 % verlaufen, wird für Einsteiger oder Jobwechsler zum Beispiel in Bereichen wie IT-Sicherheit oder technischer Vertrieb heute relativ betrachtet mehr bezahlt. Es ist davon auszugehen, dass sich derartige Gehaltsanhebungen auch auf die vorhandene Belegschaft ausdehnen werden.“ Die Korn-Ferry-Studie „Salary Surge“ (2018) hat berechnet, dass auf deutsche Unternehmen exakt dafür Mehrkosten in der Höhe von 176 Mrd. $ bis zum Jahr 2030 zukommen.

Nachfrage nur nach Hochqualifizierten – gesellschaftliche Lösung notwendig

Eine relevante Minderheit der deutschen Unternehmen (41 %) ist der Ansicht, dass Technologie Menschen zum Großteil irrelevant machen wird. Gleichzeitig sagen aber 83 % der Unternehmen, dass diese Technologien eine Vielzahl neuer Jobs für Hochqualifizierte schaffen werden. Und 79 % sind sich sicher, dass gerade durch diese Entwicklung Unternehmen menschliche Fähigkeiten in einer neuen Form schätzen werden.

„Die Soft Skills von heute sind die Hard Skills von morgen“, sagt Thomas Haussmann. „Einige Dinge können Maschinen einfach schlechter als Menschen, vor allem wenn Empathie und Kreativität erforderlich sind. Auch wenn es dazu erste technologische Ansätze gibt, gehen Unternehmen nicht davon aus, dass Menschen sich schnell ersetzen lassen werden. Gleichzeitig lässt sich in den Zahlen aber auch eine nicht ausblendbare Realität ablesen: All die Menschen, die nicht über eine höhere Qualifikation oder die relevanten neuen Hard Skills verfügen, können durch Automatisierung ersetzt werden. Das trifft vor allem diejenigen in der Gesellschaft, die über keinen akademischen oder gleichwertigen Abschluss verfügen und die in einer Tätigkeit eingesetzt werden, die leicht zu digitalisieren ist. Hier werden nicht nur betriebswirtschaftlich, sondern gesellschaftlich neue Lösungsszenarien notwendig sein. Wirtschaft und Politik werden hier künftig eng zusammenarbeiten müssen, um diese Herausforderung bewältigen zu können.“

 

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