Informations- und Kommunikationstechnik wachsen 14. Jan 2020 Von Jens D. Billerbeck

Bitkom: Neustart für das System Deutschland

Die Digitalbranche ist in Deutschland weiter im Aufschwung und wird auch 2020 ihre Umsätze und die Zahl der Beschäftigten steigern. Mit 1,2 Mio. Jobs überrundet sie auch die Automobilindustrie. Doch bei der Digitalisierung hat Deutschland Nachholbedarf.

Bitkom-Präsident Achim Berg: "Digitalisierung ist keine Kür, sie ist Pflicht."
Foto: Till Budde/Bitkom

„Unsere Branche steht für stabiles und nachhaltiges Wachstum“, verkündete Achim Berg, Präsident des Bitkom, heute auf der Jahrespressekonferenz des Digitalverbands. Informations- und Kommunikationstechnik sowie die Unterhaltungselektronik sollen auch 2020 zulegen, und zwar um 1,5 % auf dann 172,2 Mrd. € Umsatz. Auch die Zahl der Beschäftigten soll um 39 000 wachsen. „Erstmals werden dann in der ITK-Industrie mehr als 1,2 Mio. Menschen Arbeit finden“, sagte Berg. Damit habe man die Automobilindustrie überrundet.

Wichtiger noch ist das Geschäftsklima in der Branche. Dieses hatte sich in der zweiten Jahreshälfte 2019 deutlich eingetrübt und kletterte im Dezember stark an; auf den höchsten Stand seit Mai letzten Jahres. Über die Gründe muss Berg nicht lange nachdenken: „Aktuelle Debatten um künstliche Intelligenz, 5G-Netze und digitale Souveränität zeigen, welche enorme Bedeutung die digitale Wirtschaft in Deutschland hat.“ Das stabile Wachstum der Bitkom-Branche sei Ausdruck der zunehmenden Digitalisierung von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft. Berg: „Das gilt auch und gerade für das wirtschaftlich allgemein sehr schwierige Jahr 2019, das von Handelskonflikten, konjunktureller Eintrübung und Brexit-Streit geprägt war.“

Informationstechnik gewinnt weiter an Bedeutung

Um stolze 2,7 % auf rund 95 Mrd. € wird die Informationstechnik als stärkstes Segment zulegen. Wobei die Software hier ihre dominierende Stellung weiter ausbaut, gefolgt von den IT-Dienstleistungen. Berg: „Unternehmen verändern ihre Organisationsstruktur und entwickeln Digitalstrategien, was die Nachfrage nach IT-Beratung und Softwareanwendungen stimuliert.“ Das Geschäft mit IT-Hardware entwickle sich dagegen den Erwartungen zufolge leicht rückläufig.

Deutlich schwächer das Wachstum in der Telekommunikation, die um 0,9 % auf 68,8 Mrd. € zulegen soll. Den Lösenanteil machen Telekommunikationsdienste, die nach Bitkom-Berechnungen 48,8 Mrd. € umsetzen werden, ein moderates Plus von 0,4 %. Das Geschäft mit Endgeräten wächst auf 12,8 Mrd. € (+2,5 %). Die Investitionen in die Infrastruktur steigen um 2,0 % auf 7,2 Mrd. €. „Die Netzbetreiber haben im vergangenen Jahr Milliarden aufgewendet, um die 5G-Frequenzen zu ersteigern“, sagte Berg. „Das Umsatzwachstum der Netzbetreiber bewegt sich um die Nulllinie, gleichzeitig werden von ihnen Milliardeninvestitionen in die Netze gefordert.“ Statt die Versteigerungsmilliarden im Bundeshaushalt versickern zu lassen, hätte der Bund lieber Sendemasten bauen sollen, meinte Berg und fordert: „Die Netzbetreiber stehen massiv unter Druck und brauchen jetzt stabile Investitionsbedingungen statt immer neuer Diskussionen um die Rahmenbedingungen des Netzausbaus.“ Dazu gehöre auch die Unterstützung der Politik bei der schwierigen Standortsuche für neue Masten.

Sorgenkind Unterhaltungselektronik

Weiter auf Talfahrt befindet sich die Unterhaltungselektronik, der kleinste der ITK-Teilmärkte. Er wird in diesem Jahr wohl um 7 % schrumpfen und nur 8 Mrd. € umsetzen. „Der Markt für Consumer Electronics ist derzeit weitgehend gesättigt. Zwar entwickeln sich die Preise nahezu stabil, aber die Verbraucher investieren derzeit lieber in Smartphones oder neue Dienste statt in Geräte der Unterhaltungselektronik“, zeigt sich Berg realistisch.

Positiv sieht er die Arbeitsmarktbilanz seiner Branche: „Die Digitalisierung schafft jedes Jahr Zehntausende neuer Jobs und ist in Deutschland der stärkste Beschäftigungsmotor. Seit 2016 hat die Bitkom-Branche gut 200 000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen.“ Doch kein Licht ohne Schatten: „Die positive Jobbilanz wird allein durch den Mangel an IT-Spezialisten getrübt, der sich immer weiter zuspitzt.“ Laut Berg waren nach einer aktuellen Bitkom-Studie Ende vergangenen Jahres 124 000 Jobs für IT-Experten unbesetzt. Das ist ein Anstieg um 51 % im Vergleich zu 2018 mit 82 000 offenen Stellen. Berg: „Das Fachkräfteproblem ist der Bremsklotz der Digitalbranche und damit auch der gesamten deutschen Wirtschaft. Jede unbesetzte Stelle steht für ein Weniger an Wachstum, Wertschöpfung und Innovation – was uns im globalen Wettbewerb zurückwirft.“

Digitalstrategie 2025 fordert Neustart

Deshalb fordert der Bitkom-Präsident nicht weniger als einen Neustart für das System Deutschland. „Digitalisierung ist nicht die Kür, sie ist Pflicht“, schrieb er der Politik ins Stammbuch. Als Beispiel nennt er die Pro-Kopf-Ausgaben für IT: Sie betragen in Deutschland 909 € und wachsen jährlich um 2 %. In den USA dagegen seien es 1900 € bei 4 % jährlichem Wachstum. Von Aufholjagd könne angesichts dieser Zahlen keine Rede sein. In seiner jetzt veröffentlichten Digitalstrategie 2025 identifiziert der Bitkom dazu vier zentrale Handlungsfelder, in denen dieser Neustart gelingen müsse. Berg fasste diese wie folgt zusammen:

Bildung: „In der Bildung müsse der Bund in die Lage versetzt werden, bundesweite Mindeststandards zu setzen und die Schulen dort zu unterstützen und zu verpflichten, wo sie diese Mindeststandards nicht erfüllen. Unabhängig davon müssen Weiterbildungen und jenseits formaler Bildungswege erworbene Kompetenzen sehr viel stärker gesellschaftlich und finanziell gewürdigt werden. Sie müssen auch im öffentlichen Sektor unkompliziert als Zugangsvoraussetzung für Laufbahnen anerkannt werden. Die Bedeutung der Weiterbildung muss politisch und kommunikativ viel stärker ins Zentrum rücken und auch in den Unternehmen selbst gestärkt werden.“

Öffentliche Hand muss investieren

Infrastruktur: „Deutschland braucht erstklassige digitale Infrastrukturen: performante glasfaserbasierte und mobile Datennetze, intelligente Verkehrs- und Energienetze und leistungsfähige digitale Netze in smarten Städten und Gemeinden, Verwaltungen, Sicherheitsbehörden sowie Gesundheits- und Bildungseinrichtungen. Als wichtigster Akteur ist die öffentliche Hand zu entschlossenem Handeln aufgefordert und muss kräftig investieren. Neben effizienten Förderprogrammen sollten effektive Anreize für private Investitionen geschaffen werden. Nach dem Vorbild anderer Länder sollte Deutschland den Genehmigungsvorbehalt für Standardinfrastruktur wie Funkmasten abschaffen. Dies gilt gleichermaßen für den Einsatz neuer und effizienterer Verfahren für die Verlegung von Glasfaser. Parallel gilt es, traditionelle Infrastrukturen in den Bereichen Verkehr und Energie flächendeckend digital zu ertüchtigen.“

Digitaler Staat: „Der Staat ist als Leitanwender digitaler Technologien gefordert, seine Verwaltung von Grund auf umzubauen. Staatliche Strukturen und Prozesse müssen ‚digital by design‘ sein und von vornherein digital gedacht werden. Die bestehenden analogen Verfahren müssen mit einem Verfallsdatum versehen und damit beendet werden. So würde im Nebeneffekt dem sich verschärfenden Personalmangel im öffentlichen Dienst begegnet. Mitarbeiter, die in Verwaltungstätigkeiten nicht mehr eingesetzt würden, könnten als digitale Streetworker denjenigen helfen, die in der Onlinewelt Begleitung brauchen.“

Datenpolitik: „Eine funktionierende digitale Wirtschaft und eine inklusive digitale Gesellschaft brauchen einen neuen, ganzheitlichen Ansatz in der Datenpolitik. Daten sind die Grundlage digitaler Schlüsseltechnologien wie künstliche Intelligenz und damit etwa auch der Individualmedizin, einer intelligenten Verkehrssteuerung, bedarfsgerechter Bildungsangebote oder beispielsweise der Industrie 4.0. Von der Schuhgröße bis zum analysierten Genom werden derzeit Daten unterschiedlichster Qualität und Kritikalität über denselben Kamm geschoren. Dieser Ansatz wird der Bedeutung von Daten für ein funktionierendes Gemeinwesen und eine leistungsfähige Volkswirtschaft nicht mehr gerecht. Wir müssen einen neuen Anlauf nehmen, um den Schutz persönlicher Daten und den Einsatz von Daten in eine funktionierende Balance zu bringen.“

Berg ist sich sicher: „Dabei müssen wir das Rad nicht neu erfinden. Andere haben vorgemacht, wie Digitalisierung geht, auch unter schwierigen Bedingungen. Die Digitalisierung wartet nicht auf uns. Jetzt heißt es: Last Call: Germany!“

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