E-MOBILITÄT 05. Jul 2019, 13:06 Uhr Christiane Schulzki-Haddouti

Dezentrale Lademeister

Die Gründer von Ubitricity nehmen die Vorstellung vom E-Fahrzeug als mobiler Stromspeichereinheit ernst – und feiern jetzt mit ihrem intelligenten Ladekabel erste internationale Erfolge.

Fahrer von Elektromobilen müssen ihren Strom nicht unbedingt an Ladesäulen abrechnen, sie können es auch über mobile Stromzähler in Form von intelligenten Ladekabeln. Dann können sie auch selbst festlegen, wie und über wen die Abrechnung erfolgt. Das Berliner Start-up Ubitricity hat diese Lösung Anfang 2016 auf den Markt gebracht. Den Durchbruch erzielte es jedoch nicht auf dem heimischen Markt. In London und Oxford konnte das Unternehmen bereits 290 Ladepunkte in Straßenleuchten installieren. In New York gewannen die Berliner erst im August die „NYCx Climate Action Challenge“.

Ubitricity

Gesellschaft für verteilte Energiesysteme mbH

Gründung: 2008

Mitarbeiter: 44 (Vollzeit, Stand: Ende 2017)

Investoren: u. a. Gründer, Heinz Dürr Invest, Earlybird, EDF Deutschland GmbH; IBB Beteiligungsgesellschaft, Next47 GmbH (Siemens).

Für viele E-Auto-Käufer ist das Stromladen der Dreh- und Angelpunkt: Es muss flexibel, schnell und überall gehen. Die Gründer Knut Hechtfischer und Frank Pawlitschek erkannten in diesen Anforderungen von Anfang an eine Parallele zum Mobilfunkmarkt. Sie fragten sich daher: „Wie übersetzt man die Mobilfunklogik in die Energiewirtschaft?“

Knut Hechtfischer ist Jurist und Betriebswirt, kommt aber aus einer Physikerfamilie. „Messen und Regeln waren bei uns Familienalltag“, sagt er schmunzelnd. „Von daher lag es nahe, eine technische Lösung für ein Regulierungsproblem zu finden, so dass jeder seinen Stromvertrag einfach mitnehmen kann.“ Für ihn ist „der Autoakku eine adressierbare mobile Speichereinheit, die sich gesteuert laden lassen muss“.

Die Gründer: Frank Pawlitschek und Knut Hechtfischer (re.) suchten die Parallelen zwischen E-Mobilität und dem Mobilfunkmarkt.

Foto: Ubitricity

Klar war auch die konzeptuelle Anforderung an die Vertragsgestaltung: Der Kunde muss seinen Stromlieferanten für das Elektroauto frei wählen können. Dieser Lieferant beliefert das Fahrzeug dann immer und unabhängig davon, wo es lädt. So können z. B. Mitarbeiter ihren E-Firmenwagen mit dem intelligenten Ladekabel zu Hause laden und über ihren Arbeitgeber abrechnen.

Die Ladepunkte selbst enthalten keine Zähltechnik und können daher wesentlich einfacher und günstiger als konventionelle Ladesäulen ausgeführt werden. Zudem lassen sie sich günstig integrieren – in Straßenlaternen und anderes. Das Ladekabel von Ubitricity verfügt über eine eigene Nummer, die Zählernummer des mobilen Stromzählers.

Patentiert wurde es 2008 als Zähl- und Messpunktsystem für Energie. „Die Patentfähigkeit lag in dem Systemansatz, der das Messen, Zählen und Abrechnen von Strom ortsungebunden vornimmt und damit die Zähl- aber auch die Kommunikationsanforderung von der Verteilnetzseite auf die mobile Seite verlagert“, erklärt Hechtfischer.

Die Ubitricity-Lösung gehört zu den ersten eichrechtskonformen Lösungen, bei denen der Nutzer am Monatsende eine Abrechnung der mobilen Verbräuche mit Einzelverbindungsnachweis bekommen konnte.

Verwunderlich ist das nicht, weil die Gründer die eichrechtlichen Grundlagen gemeinsam mit der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in den Jahren 2010 bis 2015 im Rahmen des Forschungsprojekts „On Board Metering I & II“ entwickelten. Die Hauptidee hinter dem vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten Projekt bestand darin, eine dezentral organisierte Ladeinfrastruktur zu schaffen. Entsprechend musste der Ladepunkt zum Fahrzeug hin verschoben werden.

Das Argument, dass die Kunden selbst flexibel über ihre Stromverträge entscheiden können, war auch für den Regulierer in Großbritannien wesentlich. Zuletzt gewann Ubitricity Anfang 2018 mit verschiedenen Partnern ein Vehicle-2-Grid-Förderprojekt im Wettbewerb „Innovate UK“ mit einem Volumen von rund 4 Mio. £ (4,5 Mio. €). In diesem Projekt namens V2Street geht es nicht nur um die intelligente Anbindung des Fahrzeugs ans Netz, sondern darum, in einer Modellkommune das Henne-Ei-Problem anzugehen: Anwohner wollen ohne eigenen Stellplatz in dicht besiedelten städtischen Gegenden keine E-Fahrzeuge anschaffen, solange sie nicht sicher sind, dass sie über Nacht ihre auf der Straße geparkten Fahrzeuge laden können. Stadtverwaltungen wiederum errichten keine Ladeinfrastruktur, wenn keine entsprechende Nachfrage zu sehen ist.

Aus dieser Sackgasse will das Projekt ausbrechen, indem es die Kundennachfrage mit flexiblen Lademöglichkeiten ankurbelt. Die erzielten Mehreinnahmen sollen direkt in Ladeinfrastrukturen reinvestiert werden und so letztlich eine Aufwärtsdynamik erzeugen. Mit an Bord sind u. a. zwei Stadtbezirke von Southend-on-Sea/Essex und Durham im Nordosten Englands, der Energieversorger UK Power Networks, der Ubitricity-Investor EDF und das Imperial College London. „Aus städteplanerischer Sicht sind zwei Ladesäulen samt Parkplatz bereits komplex“, sagt Hechtfischer, da nicht nur die Ladesäulen aufgestellt, sondern auch die Parkplätze gesondert markiert werden müssten. Günstiger sei es, wenn wie in London ein Bezirk mehrere Straßenleuchten mit Anschlüssen erweitert, sobald ein Anwohner einen entsprechenden Antrag stellt.

An seinem Heimatstandort Berlin hat Ubitricity bis heute erst ca. 30 Laternenladepunkte installiert. Auf Initiative des Bundeswirtschaftsministeriums hin kam Bewegung in die Sache: Anfang dieses Jahres brachte das Ministerium das Förderprogramm „Saubere Luft“ über 100 Mio. € auf den Weg, womit auch Fördergelder für den Aufbau einer Langsamladeinfrastruktur an Lichtmasten zur Verfügung standen. Inzwischen kommt die Lösung in mehreren deutschen Städten wie Iserlohn, Unna und Schwerte in Kooperation mit lokalen Stadtwerken zum Einsatz. Ubitricity bietet nämlich für Stadtwerke eine White-Label-Lösung an, damit sie Kabel und Dose im eigenen Design vertreiben können.

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