MEDIZIN 19. Apr 2018 Matilda Jordanova-Duda

Die Knochenbrecher

Mit bildgebenden Verfahren und im 3-D-Druck nachgebildeten Knochenbrüchen erleichtert das Kölner Start-up Rimasys Unfallchirurgen, die Behandlung komplizierter Frakturen zu üben.

Ein junger Mediziner übt anhand einer von Rimasys erzeugten Fraktur das Operieren .
Foto: Jordanova.Duda

Frauen und Männer in blauen Kitteln drängen sich um die OP-Tische, einer setzt den Bohrer an. Dem Patienten mit dem Beinbruch tut nichts mehr weh: Es handelt sich um eine Körperspende. Und die ist so präpariert, dass Unfallchirurgen genau definierte, komplizierte Frakturen operieren können – fast wie im echten Leben. Bildgebende Verfahren und im 3-D-Druck nachgebildete Knochen- und Gelenkbrüche erleichtern zudem die Planung und die Erfolgskontrolle der Therapie im neuen Trainingszentrum des Kölner Start-ups Rimasys.

Die Rimasys GmbH

gegründet: 2016 in Köln
Produkt: realitätsnahe Frakturen für die medizinische Aus- und Weiterbildung
Umsatz: 230 000 € im Jahr 2017
Mitarbeiter: neun mjd

Piloten üben ihr Handwerk im Flugsimulator, bevor sie eine Maschine mit echten Passagieren steuern. So etwas Ähnliches will Rimasys den Chirurgen bieten. Normalerweise üben Mediziner an künstlichen Knochen oder während des Studiums an unverletzten Körperspenden im Anatomiekurs. Im OP-Alltag heißt es dann: Learning by doing, unter Aufsicht direkt am Patienten. „Ein Kniespezialist wird man nach mindestens 50 Knie-OPs“, betont André Passon, Mitgründer von Rimasys. Aber wer will schon das erste Knie sein? Mit ihrer Ausgründung aus der Deutschen Sporthochschule Köln wollen die drei Ingenieure Marc Ebinger, André Passon und Robert Holz die Weiterbildung für Orthopäden und Sportmediziner aufwerten.

Im Dienste der Medizin macht Rimasys Handgelenke, Knie, Schultern, Füße, Ellbogen oder Hüften gezielt kaputt. „Der Kern unserer Technologie ist die Frakturerzeugung: so wie der Arzt sie haben will – und zwar ohne das anatomische Präparat äußerlich zu verletzen. Das ist lebensecht und weltweit einmalig“, sagt Passon. „Realitätsnahe Frakturen in Humanpräparaten mit geschlossenem Weichteilmantel“ lautet der Fachausdruck. Es gibt zig unterschiedliche Brüche. Manche kommen im Alltag nur selten vor, sodass ein Facharzt hin und wieder etwas auf den Tisch bekommt, das er bisher gar nicht oder nur einmal operiert hat.

Fürs Knochenbrechen haben die Ingenieure einen Roboter entwickelt. „Am Wichtigsten ist jedoch, zu verstehen, wie eine spezielle Fraktur entsteht“, sagt der Wirtschaftsingenieur Passon, der für Strategie und Business Development zuständig ist. „Dafür befragen wir Patienten, lesen Fachliteratur und schauen uns viele Sport- und Unfallvideos an.“ Unfälle von Prominenten seien da besonders ergiebig, weil Körpergröße und Gewicht wie auch alle Umstände des Unfalls bekannt seien. Mit den Parametern wird ein biomechanisches Computermodell gespeist, das wiederum die physischen Kräfte errechnet, die auf den Knochen wirken. Damit wird der Roboter programmiert, der den gespendeten Gliedmaßen maßgeschneiderte Verletzungen zufügt. Unterstützt werden die Rimasys-Gründer von Kliniken, die medizinische Expertise über die verschiedenen Arten von Frakturen liefern.

Ebinger und Holz sind Biomechanikingenieure und begeisterte Sportler. Sich den Sportverletzungen zu widmen lag daher nicht fern. Angefangen hat es mit einem Studienprojekt an der Sporthochschule: Man musste ein komplexes Ellbogentrauma, die Essex-Lopresti-Verletzung, analysieren. „Wir wollten den Vorgang nachmachen“, erinnert sich Passon. Ein Produzent von Sondermaschinen baute für sie ein Spezialgerät, das die Druck- und Torsionskräfte nachahmt. An der Uniklinik Köln starteten die angehenden Ingenieure eine Versuchsreihe an Humanpräparaten. „Allerdings haben wir nie genau die Verletzung hinbekommen, die wir wollten. Die Ärzte waren dennoch begeistert und baten uns, auch die anderen für sie zu rekonstruieren.“

Aus der Arbeit wurde später eine Promotion. 2016 gründeten Marc Ebinger, André Passon und Robert Holz die Rimasys GmbH auf dem BioCampus Köln. Kunden sind vor allem die Hersteller von Implantaten, die ihre Prototypen testen wollen oder Fortbildungskurse für Chirurgen in Trainingszentren anbieten. Auch Kliniken nutzen das Angebot für ihr Talentmanagement, um etwa Spezialisten für verschiedene Bereiche zu qualifizieren. Das hat auch einen unmittelbaren wirtschaftlichen Nutzen. Das realitätsnahe Training reduziert die teure OP-Zeit.

Zusätzlich zu den anatomischen Präparaten liefert Rimasys das ganze Drumherum des „OP-Simulators“ aus virtueller Realität und 3-D-Druck. „Wir erzeugen virtuelle 3-D-Modelle unserer Frakturen und bilden sie im 3-D-Druck nach“, erklärt Passon, „sodass der Chirurg die Behandlung einer bestimmten Fraktur planen kann, diese zum haptischen Lernen auf dem Tisch vorfindet und im Nachhinein durch das bildgebende Verfahren den Erfolg kontrollieren kann.“

Bereits im zweiten Jahr nach der Gründung machte Rimasys einen Umsatz in sechsstelliger Höhe. „In Europa werden wir sehr gut angenommen und starten im Herbst die Expansion in die USA“, so Passon. Geplant sei dort eine Kooperation mit einem Lokalpartner. Auch in Australien seien die Kölner Knochenbrüche sehr gefragt. Eine Finanzierungsrunde mit dem Hightech-Gründerfonds als Investor brachte Rimasys 0,6 Mio. € Risikokapital.

Als Anfang des Jahres ein Trainingszentrum in Basel – bis dahin ein wichtiger Kunde – unerwartet den Betrieb einstellte, entschlossen sich die Gründer spontan, selbst in die Bresche zu springen. In nur sechs Wochen stampften sie ihr eigenes Trainingszentrum aus dem Boden: drei OP-Säle mit zehn Tischen, mit Umkleiden und Computertomographen. „Wegen des Strahlenschutzes und der TÜV-Zulassung war das extrem sportlich“, sagt Passon lächelnd, aber Start-ups seien nun mal dynamisch.

Melanie Kall ist bei der Eröffnung Mitte April unter den Besuchern. Sie ist Geschäftsführerin der AIOD-Akademie, einer Aus- und Weiterbildungseinrichtung für Unfallärzte und Orthopäden. „Wir bieten Kurse in ganz Deutschland an und arbeiten mit den Präparaten von Rimasys. Das ist eine tolle Sache.“ Das Kölner Trainingszentrum sieht sie nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung, denn „nicht jeder Arzt kann hierherkommen“.

Das Jungunternehmen wird 2018 wahrscheinlich eine schwarze Null schreiben. „Wir sind bis Ende des Jahres fast vollständig ausgebucht“, zeigt sich Passon zuversichtlich. Er erwartet diesmal 1 Mio. € Jahresumsatz und will vorerst ohne weitere Finanzierungsrunden auskommen. Gegenwärtig hat Rimasys neun Beschäftigte, ein bunt gemischtes Team. Mittelfristig sollen es bis zu 25 werden. „Wir werden weitere Ingenieure brauchen, vor allem für Messtechnik, Sensorik und Datenanalyse“, sagt der Gründer. Denn die erzeugten Daten sollen für die Diagnostik und Qualitätskontrolle weiter verwertet werden. Denkbar sei auch eine Verwendung in der Industrie, etwa für Sicherheitssysteme im Auto oder für Sportkleidung. ws

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