Positionspapier der deutschen SAP-Anwendergruppe 12. Mai 2020 Von Jens D. Billerbeck

Digitale Geschäftsmodelle helfen Firmen in der Pandemie

Rein technologisch betrachtet, ist der Digitalisierungsgrad vieler Unternehmen in Deutschland recht hoch. Doch in Krisenzeiten zeigt sich, wie unflexibel viele sind, wenn es z. B. um die Anpassung der Produktion an neue Bedingungen geht. Das konstatiert jetzt der Investitionsreport 2020 der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe e. V. (DSAG).


Foto: panthermedia.net/ Kittipong Jirasukhanont

„Jetzt zeigt sich deutlich, was passiert, wenn Unternehmen sich zu viel Zeit für die Digitalisierung lassen. Sie können nicht schnell genug reagieren und sich anpassen“, erläutert Marco Lenck, DSAG-Vorstandsvorsitzender. In der akuten Corona-Krise habe das zur Folge, dass Zahlungs- und Warenströme sowie Kundenverhältnisse in sich zusammenbrechen. Aus DSAG-Sicht zeigen sich hier auch die Folgen kurzfristiger Bestrebungen zur Gewinnmaximierung, eingefahrener Marktkanäle und fehlender Markttransparenz.

„Darüber hinaus hat sich die Welt der Echtzeitprozesse verändert. Es genügt nicht mehr, das eigene Angebot zu optimieren. Vielmehr gewinnen intelligente Netzwerke aus Lieferanten und Partnern sowie übergreifende Prozessabläufe und gemeinsame Datennutzung an Bedeutung“, so Otto Schell, stellvertretender DSAG-Vorstandsvorsitzender. Unternehmen, die sich bereits frühzeitig mit vernetzten Modellen, künstlicher Intelligenz oder Blockchain auseinandergesetzt hätten, seien daher jetzt möglicherweise im Vorteil. Denn digitale Prozesse und Geschäftsmodelle sind zumeist effizienter und bilden die Voraussetzung dafür, in einem sich wandelnden Markt erfolgreich zu sein.

Verschiebung von SAP-Projekten

Hinsichtlich geplanter SAP-Projekte in den Unternehmen rechnet die DSAG damit, dass es zu Verschiebungen und Stopps kommen wird. Nicht zuletzt deswegen, weil Projektmitarbeiter von Kurzarbeit oder anderen internen Maßnahmen betroffen sein können. „Zudem schieben Unternehmen in solchen Situationen häufig Zahlungsziele und damit Projekttermine auf. Gleichzeitig wird es auch Unternehmen geben, die ihre gesamte Strategie hinterfragen“, ist sich Lenck sicher.

Die DSAG erwartet, dass sich die SAP wie jedes andere Unternehmen der aktuellen Situation stellen muss. „Aus DSAG-Sicht ist es interessant zu beobachten, wie SAP hier agieren wird. Zu erwarten ist, dass das Unternehmen sein Profil schärft und schneller Proof of Concepts bereitstellt, damit Unternehmen und Partner schnellstmöglich ihre Entscheidungsprozesse anstoßen können“, erläutert Schell. Die Interessenvertretung empfiehlt ihren Mitgliedsunternehmen jetzt vor allem permanent zu planen, um Projektstaus zu vermeiden. Entsprechenden Projekten sollte ein strategischer Status gegeben werden. „Auf diese Weise werden sie in der Geschäftsführung sichtbar und in die Gesamtarchitektur eingebunden. Zudem lässt sich die Zeit nutzen, um festzulegen, wo gewohnte Wege weitergegangen und wo andere einschlagen werden sollen“, sagte Schell.

Diskussion um KI konsequenter führen

Bezogen auf die wirtschaftlichen Maßnahmen der Bundesregierung, ist die DSAG davon überzeugt, dass das Ziel, das Gesundheitssystem nicht zu überlasten und damit dessen hohen Standard zu halten, Priorität haben sollte. „Anders als Länder wie Italien oder Spanien hat Deutschland die Möglichkeit, frühzeitig zu reagieren. Dies gilt es zu unterstützen“, so DSAG-Vorstandsvorsitzender Lenck. Gleichzeitig ist es aus DSAG-Sicht wünschenswert, dass Bund und Länder sich schnell und kontinuierlich abstimmen, um trotz föderalistischer Strukturen eine einheitliche Linie zu fahren. Insgesamt zeige die Pandemie, dass Diskussionen z. B. über die Ausweitung künstlicher Intelligenz, konsequenter geführt werden sollten.

Nach der Pandemie wird aus Sicht der DSAG ein strukturiertes Anfahren für die Unternehmen im Vordergrund stehen. „Die oberste Regel wird sein, Umsatzeinbußen zumindest zu beschränken und sich auf das kommende Jahr vorzubereiten“, schätzt Lenck und ergänzt: „Als Anwendervereinigung sehen wir in allen Branchen und Industrien unterschiedliche Konzepte, um in den Alltag zurückzukehren. Und vermutlich werden erst später im besten Fall neue digitale Geschäftsmodelle nachgefragt werden.“ Das läge auch daran, dass Mechanismen wie Kurzarbeit, um Gewinne und Verluste zumindest auszugleichen, noch eine Weile vorherrschen werden.

Neue Geschäftsmodelle machen krisenfest

Daneben werden Unternehmen voraussichtlich Investitionen verschieben und neu bewerten, da die nötigen Mittel nicht mehr verfügbar sein werden. „Daher ist die Gefahr groß, dass insbesondere Transformationsprojekte, die erst mal wirtschaftlich nicht attraktiv sind, hintangestellt werden. Somit ist zu befürchten, dass die Situation bei einer neuen Krise ähnlich sein wird und sich dies auch in den Budgets für 2021 widerspiegelt“, prognostizieren die beiden DSAG-Vorstände. Insgesamt rät der Interessenverband seinen Mitgliedsunternehmen vor dem Hintergrund bestehender Krisen oder noch kommender Herausforderungen in einer Welt zunehmend autonomer Prozesse, in neuen Geschäftsmodellen zu denken.

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