HOCHSCHULE 28. Jun 2019, 13:36 Uhr Wolfgang Schmitz

Digitale Lehre ja, aber …

Die Digitalisierung des Studiums schreitet voran. Der Wandel bleibt aber ohne Bildungseffekte, wenn die Frage „Wozu der Aufwand?“ nicht beantwortet wird.

Ist das die Zukunft akademischer Lehre? Im „Wow Room“ der IE Business School in Madrid begrüßt der Dozent die „anwesenden“ Studenten aus aller Welt.
Foto: Rafa Martin/IE Business School Madrid

Nikolaus Forgó ging die neue Herausforderung als Professor für Technologie- und Immaterialgüterrecht an der Universität Wien mit Verve an. Der Aufbau des „Instituts für Innovation und Digitalisierung im Recht“ beanspruchte aber auch sein Nervenkostüm. Die IT-Versorgung erwies sich als „katastrophal“. Als sich 4500 Studierende zur Kick-off-Veranstaltung trafen, war dem digital gebildeten Juristen klar: Das schaffe ich nicht allein. Mithilfe des „Center for Teaching and Learning“ der Uni Wien baute Forgó auf einer Moodle-Plattform zusammen, was er für unverzichtbar hielt: Texte, Links, Videos sowie Experteninterviews.

Hochschulen fördern freien Zugang zu Wissen

Neue Kooperationsformen mit externen Partnern finden keine breite Unterstützung bei Hochschulleitungen. Das geht aus einer Umfrage von Stifterverband und Nixdorf Stiftung hervor.

In staatlichen Universitäten sieht weniger als ein Drittel (30 %) große Potenziale durch die Zusammenarbeit mit Bürgern, Internetnutzern oder fachfremden Wissenschaftlern.

Ganz anders sieht es beim Thema Open Access (freier Zugang zu Wissen) aus. Fast 80 % der staatlichen Universitäten haben oder planen eine Open-Access-Strategie, bei den staatlichen Fachhochschulen sind es nur 49 %.

Die ersten Erfahrungen waren ernüchternd. Abgesehen von den Rechtsfragen, die der Datenschutz aufwirft, erwies sich der Aufwand für die Digitalisierung der Lehre als „zehn Mal höher“ als zuvor, berichtete der Rechtswissenschaftler auf der Tagung „Digitale Hochschullehre“ der Kultusministerkonferenz in Hannover. Zudem werde auf allen Feldern versucht, zu schummeln. Studierende schlossen sich bei Prüfungen unerlaubterweise in Whats-App-Gruppen zusammen, begingen aber so haarsträubende „Fehler“, dass Forgó versucht war, sich in die Gruppen einzuklinken und per Video dazwischenzu- funken. Auch hatte der Professor die Hoffnung, die Studierenden über Experteninterviews mit hochrangigen Juristen für spannende Rechtsthemen zu begeistern. Die bis zu 40-minütigen Interviews erwiesen sich aber für die twittergewohnten Abnehmer als viel zu lang. Das Interesse war entsprechend. Das, so Forgó, sei auch ein Indiz für den „Clash of Generations“, für die unterschiedliche Mediennutzung der Generationen.

Was in Österreich hakt, beschäftigt so oder ähnlich auch Hochschulen in Deutschland. „Jede Universität kann digitale Erfolgsgeschichten erzählen, der Einsatz digitaler Tools ist angekommen, alle haben Zentren aufgebaut“, weiß Ramin Yahyapour, Geschäftsführer der Gesellschaft für wissenschaftliche Datenverarbeitung in Göttingen und Professor für Praktische Informatik an der dortigen Universität. Meist beruhten die Erfolgsstorys jedoch auf Einzelinitiativen oder seien projektgetrieben. Von Standardisierung und Breitenwirkung könne nicht die Rede sein. Man laufe Entwicklungen hinterher, ohne ein übergeordnetes Ziel zu verfolgen. Die entscheidende Frage bliebe unbeantwortet: Warum machen wir eigentlich digitale Lehre? Die großen US-Universitäten verfolgten hingegen eine klare digitale Mission. Das MIT etwa sei businessgetrieben und schwöre seine Studierenden auf die Zielmärkte China und Indien ein. Eine solche Strategie finde man an deutschen Hochschulen nicht, so Yahyapour.

Der Wissenschaftler begrüßt die digitale Hochschullehre, erinnerte in Hannover aber auch an die Probleme, die der virtuelle Hörsaal in der täglichen Praxis aufwirft. „In meinen Vorlesungen habe ich immer weniger physisch anwesende Hörer. Die aber schneiden bei Prüfungen im Durchschnitt besser ab als ihre digital vernetzten Kommilitonen. Da muss ich mich doch fragen: Machen meine Angebote Sinn?“ Und schließlich stelle sich die Frage, wie groß das Bedürfnis der Hochschulen nach breiter Streuung ihres gesammelten Wissens über die gesamte akademische Landschaft ist. Yahyapour: „Wenn wir standardisieren, büßen wir die Einmaligkeit unserer Angebote ein.“ Und damit einen Trumpf im universitären Wettbewerb.

Thesen zur Universität der Zukunft legte Michael Jäckel vor, Präsident der Universität Trier und Direktor des dortigen Competence Center E-Business. So glaubt der Soziologe, dass der Einfluss der Digitalisierung allgemein überschätzt werde und sie der Erweiterung des akademischen „Handwerkskastens“ diene, mehr nicht. Die Vorstellung vom „digitalen Wandel“ sei zudem sehr diffus und beruhe auf singulären Betrachtungen und nicht auf einer alle vereinenden Philosophie. Ein Vorteil: Der Zugang zu Wissen werde künftig erleichtert. Ein Nachteil: Wissenschaft verliere an Wertschätzung, Wissen werde nach dem Drehtürprinzip behandelt: reingehen, mitnehmen, rausgehen. Ein großer Gewinn der Digitalisierung sei die Vielfalt an Lehr- und Lernräumen, während vernetztes Denken die Gefahr berge, eine neue und womöglich unerfüllbare Erwartungshaltung hervorzurufen.

Der niedersächsische Wissenschaftsminister Björn Thümler rief dazu auf, „vom digitalisierten Drittweltland“ in neue Sphären zu springen, um Ländern wie Südkorea oder auch den Niederlanden die Stirn bieten zu können. Dabei müsse aber auch nach links und rechts geschaut und Ängste müssten ernst genommen werden, mahnte der Christdemokrat. „Die Menschen fragen sich: Sind wir in der Digitalisierungsfalle gefangen? Jetzt haben wir die Digitalisierung, dann kommt die künstliche Intelligenz – und was dann?“ Das menschliche Miteinander müsse als eigenständiger Wert erhalten bleiben. Für das Studium heißt das: „Die Digitalisierung kann die soziale Interaktion im Hörsaal nicht ersetzen.“

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