ANETTE BRONDER, CHEFIN DER DIGITAL DIVISION BEI T-SYSTEMS 28. Jun 2019, 14:57 Uhr Regine Bönsch

„Digitalisierung kennt keine Grenzen“

Anette Bronder, Chefin der Digital Division der Telekom-Tochter T-Systems, glaubt, dass Digitalisierung nur ohne Zäune im Kopf funktioniert und dafür in einer Gesellschaft stabile Wertesysteme nötig sind.

Anette Bronder, Digitalisierungsexpertin der Telekom: „Wir brauchen Entscheider, die uns in die neue Welt gehen lassen.“
Foto: Deutsche Telekom

VDI nachrichten: Frau Bronder, wenn Sie aus Ihrem Pool von Projekten Ihr Lieblingsprojekt wählen müssten – welches wäre das dann?

Bronder: Eine schwierige Frage, denn in meinem Bereich, der Digital Division, sind jede Menge spannende Projekte beheimatet – von der Digitalisierung der Automobil- und Gesundheitsbranche bis zum Wachstumsthema Cloud. Zurzeit machen mich zwei Sachen besonders stolz. Zum einen ist es uns gelungen, mit der Public-Cloud-Lösung etwas anzubieten, was der Markt wirklich braucht. Jetzt können Kunden direkt und einfach in die digitale Welt einsteigen.

Anette Bronder

leitet seit August 2015 als Mitglied der Geschäftsführung von T-Systems die Digital Division. Diese Sparte der Telekom-Tochter unterstützt Unternehmen bei der Umsetzung ihrer Digitalisierungsstrategien.

Anette Bronder studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt Politikwissenschaften an der Uni Stuttgart.

Sie verfügt über 19 Jahr Erfahrung in diversen Führungsfunktionen der IT- und Telekommunikationsindustrie u. a. bei HP und Vodafone.

Damit spielen Sie auf das große Rechenzentrum der Telekom in Biere nahe Magdeburg an. Ist denn – angesichts der jüngsten Landtagswahlen – der Standort richtig gewählt?

Ich war – ehrlich gesagt – ein wenig geschockt. Wir brauchen gerade jetzt in den politischen Entscheidungen Leute mit Vernunft, Weitblick und dem richtigen Verständnis. In diesem Land müssen wichtige strategische und sicherheitspolitische Entscheidungen gefällt werden, damit wir bei den Themen Industrie 4.0 und Digitalisierung nicht weltweit das Nachsehen haben. Wir sollten uns tatsächlich nicht darüber unterhalten müssen, ob unsere Rechenzentren in München, Hamburg oder Biere stehen.

Ist die Politik zurzeit so mit Themen wie Flüchtlingen und Rechtsruck beschäftigt, dass die Technologiethemen zu kurz kommen?

Das erlebe ich andersherum. Zumindest die Themen, mit denen ich mich beschäftige, sind neu und eben nicht so konfliktbeladen. Hier geht es um einen Weg nach vorne, um wirtschaftliche Chancen. Daher werden die Themen gerne von der Politik aufgegriffen – vom Bundespolitiker bis hin in die Kommunen.

Digitalisierung mag auch der Bürgermeister von nebenan?

… und arbeitet sich gerne in das Thema ein. Schließlich geht ihn die Technik direkt etwas an. Wie sieht eine digitale Stadt aus? Wie bekomme ich Lösungen für Parkplätze? Da können Politiker mit Innovationen punkten, statt mit der Nachricht, dass die nächste Turnhalle für Flüchtlinge freizuräumen ist.

Trotzdem betrachten Sie die aktuellen politischen Entwicklungen mit Skepsis?

Natürlich. Das große Thema ist Digitalisierung – das hat auch die Cebit gezeigt. Die Digitalisierung kennt keine Grenzen. Wenn Sie aber bildlich gesprochen in Grenzen denken, dann können Sie keine digitale Gesellschaft aufbauen. Dann sind Sie nicht offen genug. Hinzu kommt: Digitalisierung geht nicht alleine, sondern nur mit Partnern. Wer sich abgrenzt, kann nicht mit chinesischen oder amerikanischen Unternehmen zusammenarbeiten.

Womit wir wieder bei den Themen sind und bei der Cloud …

Früher konnten wir unseren Geschäftskunden nur eine maßgeschneiderte Private Cloud anbieten. Sie macht auch weiterhin Sinn, vor allem für interne Dienste und sensible Daten, denn sie ist ein unternehmenseigenes Kommunikationsuniversum – abgeschottet nach außen. Aber sie ist auch recht kosten- und betreuungsintensiv.

Mit unseren neuen Public-Cloud-Angeboten bieten wir großen wie kleinen Unternehmen nun zusätzlich eine flexible und kostengünstige Möglichkeit, Cloud-Services mit wenigen Klicks über das Internet zu beziehen, ohne eigene Anschaffungskosten für die IT, ohne Wartungskosten. Ein ganz wichtiger Schritt – auch für die Telekom. Und keiner kann die Public Cloud so sicher anbieten wie wir.

Wir können uns als europäischer Player mit unseren Sicherheitskriterien im Cloud-Markt etablieren und sind eine starke Kraft gegenüber vielen Anbietern aus Fernost und Amerika. Das hat mit einer Telekom vor fünf Jahren nichts mehr zu tun. Allein in meinem Bereich, der Digital Division, hat sich der Umsatz mit Cloud-Diensten vervierfacht. Konzernübergreifend hat die Telekom im Cloud-Umsatz um 30 % zugelegt.

Was heißt das übertragen auf Mitarbeiter? Ist ihre Anzahl gewachsen?

Nicht so stark. Die Kunden machen heute vieles online. So wie wir unsere Schuhe oder Kleider online bestellen. Und das, obwohl ich noch immer gerne in den Laden gehe. Wir bieten unseren Kunden Lösungen an, mit deren Hilfe sie über drei Mausklicks schnell ihre Cloud konfigurieren können und nur für das bezahlen, was sie wirklich nutzen.

Geht ein mittelständisches Unternehmen lieber zu einem deutschen Anbieter?

Wir haben unsere Open Telekom Cloud erst jetzt gelauncht. Aber unsere Betaversion haben wir mit 200 Kunden getestet. Da waren viele aus dem Mittelstand dabei und auch Große – vom Ponyhof in Niedersachsen bis hin zum großen Dax-Retail-Unternehmen. Für mich ist aber wichtig, dass wir nicht nur deutsch sind. Klar, das sind wir auch und können viele Bedenken in puncto Sicherheit nehmen. Gleichzeitig haben wir Partner aus aller Welt wie Cisco, Microsoft und Huawei und keine Berührungsängste.

Welches ist denn das zweite Thema, auf das Sie stolz sind?

Das Internet der Dinge.

Mehr als auf Industrie 4.0?

Ja, weil das Internet der Dinge bereits greifbar ist – wie z.B. Smart Home und Smartwatch. Die intelligenten Dinge sind im Alltag angekommen. Das Thema Industrie 4.0 hat noch eine ganz andere Digitalisierungskomponente, eine andere Komplexität und Bandbreite. Hier geht es darum, Menschen, Maschinen und Produkte – ganze Wertschöpfungsketten – zu vernetzen. Da ist noch viel Intelligenz, Arbeit und Zeit vonnöten, bis wir die richtigen Standards etabliert und in die Industrie gebracht haben. Spannende Projekte machen wir dazu bereits.

Können Sie Beispiele nennen?

Wir haben dazu beispielsweise einen kompletten Produktzyklus im Bereich Agrar auf der Cebit vorgestellt, buchstäblich vom Acker bis auf den Teller. Da sind zunächst die Sensoren, die auf dem Acker stehen und Temperatur, Feuchtigkeit etc. im Boden messen können. Informationen für den Landwirt, der dann weiß, wann der richtige Zeitpunkt zum Säen ist, ob er mehr bewässern muss oder an welchen Stellen er Schädlingsbekämpfungsmittel einsetzen muss.

Als Nächstes werden Sensoren beim Transport der Lebensmittel eingesetzt. Nach Studien geht fast ein Drittel unserer Nahrung verloren, weil sie verdirbt. Dann sind sie in der klassischen Welt des Internets der Dinge für Logistiker. Das Tracken von Lkw und Containern, die Lösungen im Hamburger Hafen – wir wissen immer, wo sich genau was befindet und in welchem Zustand. In der verarbeitenden Fabrik sind wir dann schon beinahe in den Prozessen von Industrie 4.0. Und letztlich endet der Zyklus beim Mülleimer, der anzeigt, dass er voll ist, oder bei der Optimierung von Müllwagenrouten. Das sind spannende Projekte.

… bei denen Sie aber auch noch ordentlich zulegen müssen. Führt nicht Vodafone bei M2M-Projekten, bei der Maschinenkommunikation?

Das kommt darauf an, wie man zählt. Wie viele sind Zugänge und SIM-Karten und wie viele wirkliche Lösungen? Im Tiefgang, z. B in der Automobilindustrie mit kommenden Echtzeitlösungen, haben wir die Nase vorn.

Stimmt es, dass Automobilbauer wirklich alle LTE-Karten in ihren Fahrzeugen haben wollen, obwohl rein von der Menge der Daten, die übertragen werden soll, auch viel weniger reichen würde?

Mindestens. Und wir reden schon jetzt mit der Automobilindustrie über 5G, über die fünfte Mobilfunkgeneration, und Dienste, die sie dann anbieten will. Das ist wichtig. Denn im Zeitalter des hochassistierten Fahrens wird es viel mehr und ganz andere Daten geben, mit denen beide Seiten umgehen müssen – das sind dann nicht nur Daten vom Automobil, sonder auch von Baustellen, Ampeln und Verkehrsschildern. Auch hier spielt die Public Cloud eine entscheidende Rolle. Für Echtzeitinformationen im Auto, wie eine Glatteiswarnung vom BMW, der zwei Kilometer vor Ihnen fährt, brauchen Sie nicht nur ein gutes Netz, sondern auch unabhängige, skalierbare IT-Plattformen, auf denen relevante Informationen gesammelt, analysiert und umgehend weitergesendet werden.

Ein Datenpool, den es dann auch zu schützen gilt. Wie gläsern werden wir auf Dauer?

Ich bin da sehr zwiegespalten. Wir als Verbraucher geben schon über Dienste wie Facebook so viel über uns preis. Das ist manchmal erschreckend.

Aber das entbindet Sie ja nicht als Unternehmen, mit unseren Daten sicher und sorgsam umzugehen …

Das stimmt. Deshalb haben wir uns der digitalen Verantwortung verschrieben. Wir wollen die Menschen nicht verunsichern, sondern Vertrauen in digitale Lösungen stärken. Unsere Guideline lautet: anonymisierte und pseudonymisierte Daten, so dass keine Rückschlüsse auf eine Person möglich sind. Nur damit arbeiten wir und das reicht vollkommen aus.

Big Data Analytics, proaktive Wartung – damit kommen wir im Internet der Dinge aus der Nische der Individuallösungen heraus. Ein Beispiel: Setzen Sie eine kleine Hardware-Box mit fünf Sensoren auf einen Aufzug. Sie liefert uns nur Daten zu Temperatur, Gewicht, Türschließvorgängen usw. und sagt damit etwas über die notwendige Wartung aus. Heute muss u. a. bei Kone alle zwei Wochen ein Servicetechniker die Daten von Aufzügen auslesen. Das Gleiche gilt für Rolltreppen, Heizungen und Pumpen.

Wenn wir das gerade zu Ende gegangene Go-Spiel betrachten, könnten künftig Anwendungen auch selbstlernend sein. Stichwort: Künstliche Intelligenz.

Ich habe kürzlich einen ganzen Tag am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz verbracht. Mich interessiert, wie viel beispielsweise von der Spieletheorie künftig in das Internet der Dinge einfließen wird. Ich möchte proaktiv Forschungsergebnisse in unsere Arbeit einbringen. Eine T-Systems oder auch eine Telekom sitzt nicht in Bonn und erfindet Technologie. Wir müssen Kundenbedürfnisse und Innovation zu einem Produkt bündeln, das Kunden überzeugt.

T-Systems engagiert sich auch im Bereich Healthcare, Automobil, Energie – da hängt doch viel von der Akzeptanz ab?

Healthcare ist ein sehr regulierter Bereich. Da könnte es nach unserer Ansicht gerne ein bisschen schneller gehen. Das Entscheidende ist: Was werden wir Menschen akzeptieren? Es gibt schon jetzt viele technische Lösungen, die daran scheitern, dass die Menschen sie nicht nutzen.

Natürlich müssen wir genau hinschauen, was mit den Daten passiert, und Sicherheit bieten. Aber schon die nächste Generationen geht ganz anders mit ihren Daten um. Die Kommunikation meiner Kinder ist völlig anders. Sie teilen alles. Die Frage wird sein: Welchen Teil unseres Wertesystems nehmen unsere Kinder mit und was kommt Neues hinzu.

Da schließt sich der Kreis zum Beginn unseres Gesprächs …

Ja, eine Gesellschaft braucht ein sehr stabiles Wertesystem und kulturelle Fundamente, auf denen sie steht. Es muss einen Rahmen für alles geben, was technologisch machbar ist. Die digitale Verantwortung ist für uns als Telekom ein wichtiges Thema. Dafür brauchen wir Entscheider, die uns in die neue Welt gehen lassen. Es kommen spannende Themen auf uns zu und ich bin froh, dass ich sie mitgestalten kann.

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