Energiewirtschaft in der Corona-Krise 16. Apr 2020 Von Stephan W. Eder

Corona bringt niedrige Energiepreise und sinkenden -verbrauch

In Krisenzeiten wie der Corona-Pandemie ist die Energiewirtschaft als Betreiberin einer kritischen Infrastruktur gefragt und wichtig. Doch auch am Energiesektor dürften die wirtschaftlichen Folgen das Shutdowns nicht spurlos vorübergehen.


Foto: panthermedia.net/Juergen Buettner

Für die Stadtwerke München (SWM) war es eher ein gutes Geschäftsjahr 2019, dessen Ergebnisse sie gestern vorstellten. Sie machten im vergangenen Jahr erstmals mehr als 10 Mrd. € Umsatz, auch wenn sie wegen höherer Kosten für Personal und Instandhaltung weniger Gewinn erzielten, statt 225 Mio. € (2018) waren es 116 Mio. €.

Die SWM betreiben in gleich mehreren Bereichen kritische Infrastruktur: Energie, Wasser, oder den öffentlichen Nahverkehr zum Beispiel. Doch, so wurde gestern deutlich, das dürfte sie nicht davor schützen, dass sich die Auswirkungen der Corona-Pandemie in den eigenen Finanzkennzahlen im laufenden Jahr negativ niederschlagen. Die Einschränkungen für die Wirtschaft würden sich auch bei der SWM-Geschäftstätigkeit abbilden. So sei der Stromabsatz bei Gewerbekunden bisher schon um ein Fünftel gesunken.

Corona beeinflusst schon jetzt die europäischen Energiemärkte erheblich

Die Stadtwerke München sind nur eine Beispiel; andere Branchenplayer geben sich zuversichtlicher, wie der EnBW-Chef Frank Mastiaux, der noch Ende März bei der Vorstellung seiner Jahreszahlen für 2019 keine Notwendigkeit sah, von der bisherigen Prognose für 2020 abzuweichen. Aber alle haben bereits im März mit sinkenden Großhandelspreisen für Gas, Strom und Emissionszertifikate zu tun gehabt – aufgrund von Covid-19 und dies in ganz Europa, wie die Marktforscher von Aurora Energy Research bereits Anfang April bekannt gaben.

„Covid-19 hat die europäischen Energiemärkte erheblich beeinflusst“, so die Analysten. Die Kontakteinschränkungen und die weit verbreitete Heimarbeit hätten den Energiebedarf und die Energiepreise in den Keller geschickt. So hätte es im März in Italien den stärksten Rutsch beim Stromverbrauch gegeben, insgesamt fiel er um 20 % im Vergleich zum üblichen Verbrauch in diesem Monat. In Deutschland sank die Nettostromerzeugung laut www.energy-charts.de seit Beginn dieses Jahres Monat für Monat, von 48,00 TWh im Januar über 44,38 TWh (Februar) bis 43,62 TWh im März.

Verbraucher profitieren vom niedrigen Ölpreis, aber nicht vom niedrigen Strompreis

Hinzu komme, dass aufgrund des milden Winters europaweit der Gasbedarf niedrig war und somit auch die Strompreise unter Druck standen, so Aurora Energy Research. „Die Umsätze der Versorger werden signifikant durch diese Entwicklungen beeinflusst werden“, glaubt der Marktforscher. Beim Verbraucher ankommen dürften diese Preissenkungen allerdings vorerst nicht aufgrund der langfristigen Lieferverträge.

Ganz anders beim Ölpreis: Der Preiskrieg unter den Ölförderstaaten trieb die Preise in Deutschland so weit nach unten, dass 1 l Dieselkraftstoff für unter 1 € zu bekommen war. Erst seit dem Übereinkommen von Ostermontag, die Fördermengen drastisch zu senken, ist eine Beruhigung im Markt zu beobachten.

Rückgang des Stromverbrauchs dürfte zu mehr negativen Strompreisen führen

Die aktuell deutlich gesunkene Stromnachfrage in Deutschland sorge aber nicht nur für sinkende Strompreise an Spot- und Terminmärkten, sondern dürfte kurz- und mittelfristig auch zu einer steigenden Anzahl negativer Strompreise führen; dies bedeute wiederum Erlöseinbußen auch für geförderte erneuerbare Energien. Dies leitet das energiewirtschaftliche Beratungshaus Enervis aus seinen aktuellen Strommarktmodellierungen ab, die die Effekte der Corona-Krise auf Strompreise und Marktwerte erneuerbarer Energien analysieren.

Nach Enervis-Angaben wird sich für 2020 die deutsche Industriestromnachfrage „deutlich“ reduzieren. Auch im Bereich Gewerbe, Handel und Dienstleistungen sei mit einem Nachfragerückgang zu rechnen. Trotz der krisenbedingt niedrigen CO2-Preise von ungefähr 17 €/t verdrängen Gaskraftwerke durch einen historisch niedrigen Erdgaspreis von ungefähr 8 €/MWh zunehmend Kohlekraftwerke aus dem Markt. Dadurch werde 2020 der CO2-Ausstoß des Stromerzeugungssektors deutlich zurückgehen.

Energiewirtschaft leidet jenseits von Corona unter Margendruck

Noch mehr Druck kommt auf die Energieversorger in Europa zu, weil sie nach jüngsten Informationen des Unternehmensberatung Arthur D. Little ohnehin mit Margendruck zu kämpfen haben und daher vor einem Transformationsprozess stehen. „Insbesondere das Geschäft mit größeren Geschäftskunden gestaltet sich schwierig und drückt auf die Bilanzen. Gleichzeitig macht eine höhere Wechselbereitschaft der europäischen Privathaushalte die Planbarkeit von Erträgen noch schwieriger“, heißt es in einer Studie, die gestern veröffentlicht wurde.

Bei dem zu erwartenden Transformationsprozess stünden drei Bereiche besonders im Fokus, so Arthur D. Little:

Dezentrale Energieversorgung: Haushaltseigene Photovoltaikanlagen, neue Speicherlösungen sowie der Aufbau von Ladeinfrastruktur für die Elektromobilität fordern hier die Versorger.

Telekommunikation: Insbesondere im großstädtischen Bereich spielen Versorger eine zunehmende Rolle beim Ausbau der Glasfasernetze.

Energieeffizienz: Die stärkere Bepreisung von CO2 wird Lösungen im Bereich Smart Home langfristig attraktiver bzw. notwendig machen; Kooperationsmodelle mit der Wohnungswirtschaft bieten sich an.

2020 wird also wohl kein leichtes Jahr für die Energiewirtschaft werden.

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