Studien zur Energiewende 28. Apr 2021 Von Stephan W. Eder

„Deutschland wird Wasserstoffland“

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hat heute eine Vorauswahl für ein neues Innovations- und Technologiezentrum Wasserstofftechnologie bekannt gegeben. Während Scheuer sich für Verkehrsanwendungen von Wasserstofftechnologie starkmacht, betonten zwei Studien die Wichtigkeit von Wasserstoff für industrielle Anwendungen im Rahmen der Energiewende.


Foto: PantherMedia / 4eka13

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hat heute Morgen in Berlin erste Ergebnisse des Wettbewerbs zur Standortwahl eines Technologie- und Innovationszentrums „Wasserstofftechnologie für Mobilitätsanwendungen“ (ITZ) bekannt gegeben. Drei Standorte aus Bayern, Nordrhein-Westfalen und Sachsen sind damit in einer Vorauswahl (s. Kasten). 15 Standorte hatten sich laut Scheuer beworben.

„Deutschland wird Wasserstoffland“, sagte Scheuer. Sein Antrieb zur Schaffung eines ITZ sei, die Brennstoffzellentechnologie in Deutschland zu fördern. Zu den drei vorausgewählten Standorten werden jetzt Machbarkeitsstudien erstellt. Dem final auserwählten Standort winken Fördergelder im dreistelligen Millionenbereich. Dabei will Scheuer es aber nach eigenen Worten nicht belassen: „Auch die Bewerbungen von Bremerhaven, Hamburg und Stade waren so interessant, dass wir ihnen eine gemeinsame Untersuchung mit Fokus auf die Luftfahrt und Schifffahrt fördern werden.“

Studie: Klimaneutralität bis 2050 auf Basis von Wasserstoff und Ökostrom erreichbar

Gestern veröffentlichte die Energy Transitions Commission (ETC) zwei neue Studien zur Machbarkeit einer Net-Zero-Wirtschaft (Netto-Null-Treibhausgasemissionen) bis zum Jahr 2050. Das ist die Ziellinie im Rahmen des Pariser Weltklimaabkommens, um die Erderwärmung der globalen Mitteltemperatur auf 2 °C – und besser noch auf 1,5 °C – gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen.

„Im Mittelpunkt dieser Umstellung steht die CO2-neutrale Elektrifizierung, die durch die rasch sinkenden Kosten für erneuerbare Energien ermöglicht wird. Nachhaltiger Wasserstoff wird eine bedeutende Rolle in den Sektoren spielen, die nur schwer oder gar nicht elektrifiziert werden können“, heißt es in einer Mitteilung der ETC, einer Organisation mit mehr als 45 Vertretern aus Unternehmen, Umweltschutz und Finanzwelt.

Der Bericht „Der Weg zur nachhaltigen Elektrifizierung: 30 Jahre für die Elektrifizierung der Weltwirtschaft“ zeigt, dass es machbar und bezahlbar ist, die globale Stromproduktion um den Faktor 5 zu erhöhen, und gleichzeitig auf eine Ökostromversorgung umzusteigen.

Die Studie „Der Weg zur nachhaltigen Wasserstoffwirtschaft: Ausbau von nachhaltigem Wasserstoff in einer elektrifizierten Weltwirtschaft“ beschreibt, wie eine Kombination aus privatwirtschaftlicher Zusammenarbeit und politischer Unterstützung die anfängliche Produktion und Nutzung von nachhaltigem Wasserstoff bis zum Jahr 2030 auf 50 Mio. t steigern kann.

Produktionskosten für grünen Wasserstoff müssen bis 2030 deutlich unter 2 $/kg sinken

Grüner Wasserstoff, das stellt die ETC-Studie voran, werde nur eine „ergänzende Rolle bei der Dekarbonisierung der Sektoren“ spielen, und zwar dort, wo die direkte Elektrifizierung technologisch sehr anspruchsvoll oder unerschwinglich ist. „Dazu zählen etwa die Stahlproduktion und die Langstrecken-Schifffahrt“, heißt es. „Nachhaltiger Wasserstoff wird der Schlüssel zur Dekarbonisierung von Sektoren sein, in denen die direkte Elektrifizierung unmöglich oder zu teuer ist“, so Lord Adair Turner, Vorsitzender der ETC.

Eine Wirtschaft, die das Ziel der Net-Zero-Treibhausgasemissionen bis Mitte des Jahrhunderts erreichen kann, werde jährlich wahrscheinlich zwischen 500 Mio. t und 800 Mio. t an sauberem Wasserstoff benötigen. Das, so die ETC, sei das Fünf- bis Siebenfache des heutigen Verbrauchs. Fernziel ist dabei grüner Wasserstoff auf Basis von Elektrolyse von Wasser mithilfe von Ökostrom, der aber 2050 nicht den gesamten Wasserstoff, den man braucht, darstellen wird. Die Studie rechnet mit 85 %. Damit das aber klappt, müsse auch eine Ziellinie für die Produktionskosten erreicht werden, die die Studie bei unter 2 $/kg verortet.

Politik muss Wasserstoffwirtschaft massiv ankurbeln

„Doch selbst wenn nachhaltiger Wasserstoff billiger wird als grauer Wasserstoff, wird die Nutzung von Wasserstoff in verschiedenen Industrie- und Transportsektoren im Vergleich zu den derzeitigen fossilen Technologien oft noch eine ‚grüne Kostenprämie‘ erfordern“, resümiert die Studie. Die Politik sei daher von „entscheidender Bedeutung, um die Verbreitung von sauberem Wasserstoff zu beschleunigen“. Es gelte, in den 2020er-Jahren die Nachfrage nach sauberem Wasserstoff anzukurbeln, um die Produktionsmengen zu erhöhen und bis 2030 50 Mio. t zu erreichen.

„Grüner Wasserstoff aus erneuerbarem Strom wird die beste Ergänzung zu einer breiten Elektrifizierung sein, um den nachhaltigen und dekarbonisierten Energiesektor zu schaffen“, so Agustin Delgado, Chief Innovation and Sustainability Officer bei Iberdrola. Die ETC fordert eine rasche Dekarbonisierung der Wasserstoffproduktion für bereits bestehende Anwendungen und eine beschleunigte Technologieentwicklung, Erprobung und frühzeitige Einführung von Wasserstoff in anderen Schlüsselsektoren mit geringerer Technologieverfügbarkeit, aber großem potenziellen Bedarf, wie Stahl, bei der Schifffahrt und synthetischen Flugkraftstoffen. Als zentrale Instrumente, um die Ziele zu erreichen, führt die Organisation unter anderem eine entsprechend Anreize schaffende CO2-Bepreisung an sowie die Etablierung von Industrieclustern, um die gleichzeitige Entwicklung von Wasserstoff-Produktion, -Speicherung, -Transport und -Endverbrauchernutzung zu ermöglichen und so das Risiko von Investitionen für alle Akteure zu verringern.

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