Kommentar 22. Feb 2022 Von Stephan W. Eder

Erdgas: Bringt nationale Vorsorge in der Krise wirklich Sicherheit?

Am letzten Wochenende wurde Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck von den Grünen in seinem Heimat-Bundesland Schleswig-Holstein abgewatscht: Nein, bitte kein Flüssigerdgas-Terminal in Brunsbüttel. Sagen wir so: Es fragt sich schon, warum Habeck die zweitbeste Lösung favorisiert ...

Der Sorge Gaslieferung per Pipeline aus Russland lässt sich nur europäisch begegnen.
Foto: PantherMedia/prykhodov

Die Sicherheitslage eskaliert und da fällt vielen urplötzlich auf, dass eine diversifizierte Versorgungslage für Erdgas echt gut wäre. Neu ist das nicht. Aber es passierte sehr lange gar nichts. Russland – und früher die UdSSR – hat immer geliefert. Flüssigerdgas, kurz LNG, ausgerechnet vom damaligen US-Präsidenten Donald Trump unter fast erpresserisch anmutenden Bedingungen sich aufdrücken zu lassen, das wollte auch niemand.

Nur darauf zu verweisen, LNG-Terminals gebe es doch schon woanders in Europa (28 mit Jahreskapazitäten von >1 Mio. m³ waren es 2018), beruhigt die Nerven aber nicht. Es könnten besser mehr sein, und dann halt auch eigene. Was bitte schön, wäre so falsch daran, angesichts eines drohenden Kriegs in Europa, sich um Vorsorge zu kümmern?

Terminals für Flüssigerdgas in Deutschland? Bitte ohne Brunsbüttel!

Mehr Vorsorge ist nötig, das denkt sich auch die Bundesregierung – und ihr Klimaminister Robert Habeck. Doch es gibt Ärger deswegen. Mit den Grünen in Habecks Heimat Schleswig-Holstein. Da ist am 8. Mai Landtagswahl. Letztes Wochenende beim Wahlparteitag heimste ein Antrag, der Unterstützung für den Bau des LNG-Terminals Brunsbüttel vorsah, nur 56 von 122 Stimmen ein. Zu wenig, glatt durchgefallen.

Hohe Gaspreise, niedrige Speicherstände – warum Deutschland zittern muss

Alles grüne Radikalinskis auf Stimmenfang beim Stammklientel? Eine Basisrevolte gegen die Etablierten (den schleswig-holsteinischen Energieminister Philipp Albrecht, der den Antrag einbrachte und seinen Bundeskollegen Habeck)? Der Verdacht kommt schnell auf. In Habecks Fall muss er als Bundeswirtschaftsminister fürs ganze Land denken und nicht nur für Schleswig-Holstein; ihm das vorzuwerfen, wäre unfair. Aber ein Argument der Brunsbüttel-Gegner lohnt sich – auch angesichts der aktuellen Lage – zu bedenken: die Zeitachse.

Erdgaskrise: Was zählt, ist Europa

Der Neubau eines LNG-Terminals in Deutschland hilft in der aktuellen Lage, drehte denn Russland den Gashahn zu – nichts! Wirklich gar nichts. Kurz- bis mittelfristig wäre es einfacher, in der EU bestehende Standorte auszubauen. Wer Energiepolitik europäisch denkt, kommt daran nicht vorbei, genau das ernsthaft zu prüfen: Braucht es wirklich deutsche LNG-Terminals für die Versorgungssicherheit in Deutschland?

Energieredakteur Stephan W. Eder denkt, Energiepolitik gehört am besten europäisch gedacht. Auch in Krisenzeiten.
Foto: VDIn/Zillmann

Dass Europa zählt, machte am Samstag letzter Woche EU-Kommissionspräsidenten Ursula von der Leyen auf der Münchener Sicherheitskonferenz deutlich: „Heute kann ich Ihnen mitteilen, dass – selbst bei einer völligen Unterbrechung der Gasversorgung durch Russland – wir diesen Winter auf der sicheren Seite sind.“ Es sind die LNG-Transporte, die in den letzten Wochen auch durch eine fieberhafte Reisediplomatie seitens der EU-Energiekommissarin Kadri Simson auf den Weg gebracht wurden, die Deutschland jetzt mit absichern, falls Putin nicht liefert.

Wenn Russland den Gashahn zudreht: Woher kommen die Alternativen?

Die nationale Wasserstoffstrategie braucht die nationale Gasinfrastruktur – und damit LNG-Terminals

Der Pferdefuß: Wer LNG für Brunsbüttel sagt, meint Wasserstoff für Deutschland. Da will die Bundesregierung hin – möglichst eigenständig eine Wasserstoffwirtschaft aufbauen. Also braucht es eine eigene Infrastruktur, auch wenn allen klar ist: Deutschland ist ein Energieimportland und wird dies auch beim Wasserstoff sein. Aber wer globale Partnerschaften mit Chile und Australien anstößt und kein eigenes LNG-Terminal hat – was sich später für Wasserstoff nutzen lässt –, verliert ein wichtiges Momentum im weltweiten Wettlauf darum, beim Wasserstoff ganz vorne mit dabei zu sein.

Zur Erinnerung: Wasserstoff und Brunsbüttel, das gehört zusammen. In Schleswig-Holstein gab es eines der fünf sogenannten Reallabore für die Digitalisierung der Energiewende. Es hieß „NEW 4.0“. Im Zuge dessen eröffnete der Strom- und Gasnetzbetreiber Schleswig-Holstein Netz (SH Netz) 2019 in Brunsbüttel die erste Anlage im Bundesland zur Einspeisung von Wasserstoff, erzeugt aus Windstrom, ins Erdgasnetz. Angeschlossen: eine Wasserstofftankstelle. Darum ein LNG-Terminal in Brunsbüttel.

Habeck hat viel vor, das prädestiniert ihn für viel Gegenwind. Der Dämpfer seitens seiner Heimat-Partei bei Brunsbüttel aber ist ein Klacks. Verglichen zu dem, was kommen könnte. Denn es ist durchaus vorstellbar, er müsste eines Tages den Seinen beibringen, Nord Stream 2 wäre doch als schnell verfügbare Lieferroute für blauen Wasserstoff gut geeignet (blauer Wasserstoff: hergestellt aus Erdgas, die Treibhausgase sind in ehemaligen Gasfeldern eingelagert). Die Option wurde in Branchenkreisen längst gedacht, beinhaltet sie doch für Russland, was auch dringend Putin braucht: eine langfristige wirtschaftliche Perspektive.

Auch die am heutigen Dienstag von der Bundesregierung gestoppte Zertifizierung der Pipeline muss daran nichts ändern. Die Rohre liegen. Zudem gelingt Klimaschutz nur mit und nicht gegen Moskau. „Dem Klima ist es ja egal, wo Emissionen entstehen“, sagte Bundesfinanzminister Christian Lindner noch Mitte Januar anlässlich des Neujahrsempfang des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft. Er ergänzte: „Daher liegt es natürlich in unserem Interesse mit der russischen Regierung und Wirtschaft im Bereich des Klimaschutzes zusammenzuarbeiten.“ Klima? Ja, klar, Habeck, übernehmen sie.

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