Studien zur Energiewende 14. Okt 2021 Von Stephan W. Eder

Klima: Der Weg zum 1,5-Grad-Ziel wird steinig

Die 26. Weltklimakonferenz, kurz COP 26, in Glasgow steht vor der Tür (31. Oktober bis 12. November). Marktforschungsunternehmen, Energie- und Klima-Denkschmieden sowie Forschungsteams spielen in diesen Tagen jede Menge Studien, wie denn die Lage der Welt ist. Was also bleibt für die Staaten in Glasgow zu tun, um den Weltklimavertrag von Paris umzusetzen und das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen? Ein Überblick.

Wie sollen die Treibhausgasemissionen weiter gesenkt werden? Das beraten die Staaten der Welt auf der 26. Weltklimakonfeezn, der COP 26 in Glasgow, vom 31. Oktober bis zum 12. November.
Foto: panthermedia.net/Olivier Le Moal

Das Ergebnis ist ernüchternd: „Not on track for a 1,5 °C World“ – „Nicht in der Spur hin zu einer 1,5-°C-Welt“, bescheinigte der heute erschienene „Climate Transparency-Report 2021“ Deutschland. Der Bericht der Initiative „Climate Transparency“, einer Partnerschaft von 16 Wissenschaftsinstitutionen und zivilen Organisationen aus 14 Ländern, nimmt jährlich die Klimaschutzanstrengungen der G20-Staaten unter die Lupe, immerhin mit unterstützt vom deutschen Bundesumweltministerium (BMU). Die G20 bestehen aus den 19 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer sowie der Europäischen Union als Staatenverbund. Sie stehen für rund drei Viertel der weltweiten Treibhausgasemissionen.

Es ist nicht nur Deutschland: Der Bericht, gut zwei Wochen vor der 26. Weltklimakonferenz COP 26 in Glasgow veröffentlicht, bescheinigt den untersuchten Ländern, dass die bisher ergriffenen Maßnahmen zum Klimaschutz erheblich zu kurz greifen. Keines der G20-Parteien ist auf Kurs, das 1,5-°C-Ziel des Pariser Weltklimavertrags einzuhalten. Um 4 % soll der globale CO2-Ausstoß im Jahr 2021 über dem im Corona-Krisenjahr 2020 liegen. Zwar sollen laut dem Bericht fast 30 % des globalen Stromverbrauchs aus erneuerbaren Quellen bereitgestellt werden – aber der Kohleverbrauch wird von 2020 auf 2021 zunehmen (s. unten), vor allem aufgrund der Bedarfe in China, um den Wirtschaftshochlauf nach der Coronakrise zu ermöglichen

Klimaschutz: Akuter Handlungsbedarf für neue deutsche Bundesregierung

Für die zukünftige neue deutsche Bundesregierung wird im landesspezifischen „Climate Transparency Report“ aufgezeigt, wie groß der Handlungsbedarf ist. Die Pro-Kopf-Treibhausgasemissionen (inklusive der aus der Landnutzung) liegen mit hierzulande 10 t CO2-Äquivalenten/Kopf deutlich über dem G20-Durchschnitt von 7,5 t CO2-Äquivalenten/Kopf. Der Bericht dekliniert die einzelnen Handlungsfelder durch, in der Regel schneidet Deutschland mittelprächtig ab. Ein „low“, also die schlechteste Bewertung, gibt es dafür, dass ein Ausstiegsdatum für die Benutzung von Verbrennungsmotoren vermisst wird.

Positiv vermerkt wird, dass rund die Hälfte der Corona-Starthilfen zum Wiederanlaufen der deutschen Wirtschaft als „grün“ bezeichnet werden können – das sieht in anderen G20-Staaten anders aus. Nur Kanada ist besser (75 %). Alles in allem aber sortiert der im „Climate Transparency Report“ genutzt Climate Action Tracker (CAT), der maßgeblich auch vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) mitentwickelt worden ist, Deutschland als „insufficient“ ein: unzureichend. Die deutsche Klimapolitik und Bekenntnisse bräuchten substanzielle Verbesserungen, damit das Land für das 1,5-°C-Ziel wieder in die Spur kommt, so das Fazit.

Klima: Dena schreibt Hausaufgabenheft für deutsche Energiewendepolitik

Was die neue deutsche Bundesregierung denn nun am besten unternehmen sollte, das weiß sie spätestens seit einer Woche. Am 7. Oktober nämlich legte die deutsche Energieagentur (Dena) in Berlin ihre Leitstudie „Aufbruch Klimaneutralität“ vor. Schon heute stehe fest, dass die im Klimaschutzgesetz 2021 festgeschriebenen Einsparungsziele bis 2023 nicht eingehalten werden können, führte Dena-Chef Andreas Kuhlmann aus: „Das bürdet der neuen Bundesregierung die undankbare Aufgabe auf, hier für die entsprechenden Bereiche Sofortmaßnahmen zu definieren.“

2045 sollen in Deutschland noch 1477 TWh an Endenergie verbraucht werden – das sind 41 % weniger als noch 2018. Schon bis 2030 soll der Endenergieverbrauch im Vergleich zu 2018 um 21 % sinken. Die Implementierung entsprechender Maßnahmen in diesem Jahrzehnt wird daher als entscheidend eingestuft. Die Hälfte des Endenergiebedarfs von 1477 TWh soll für 2045 so zur Hälfte mit Strom gedeckt werden, weitestgehend erneuerbar. Wasserstoff soll 2045 bei 226 TWh liegen. Fossile Energieträger tragen 2045 laut Dena-Leitstudie noch 271 TWh und damit etwas unter 20 % zum Endenergieverbrauch bei.

Internationale Energieagentur mahnt mehr Klimaschutz an

Gestern erst stellte Fatih Birol, Generaldirektor der Internationalen Energieagentur (IEA), in Paris den diesjährigen „World Energy Outlook 2021“ vor. Früher als sonst, weil auch die COP 26 früher als bisherige Klimakonferenzen stattfindet. Die Bedeutung, die er der Konferenz in Glasgow beimisst, ist hoch, daher stellt die IEA den gesamten Bericht kostenlos online. Ein Novum.

Besonderes Augenmerk legt die IEA auf die fossilen Energieträger. Zwar sieht der Bericht Öl für die kommenden Jahren konsistent auf einem absteigendem Ast – egal in welches der Szenarien, die die Pariser durchrechneten, man hineinschaut. Die Kohle aber macht dem aus der Türkei stammenden Energieexperten Sorge: „Die sehr ermutigende globale Dynamik bei den erneuerbaren Energien stößt auf eine hartnäckige Vorherrschaft fossiler Brennstoffe“, beschrieb Birol den Status quo.

Klimaschutz braucht steile Abnahme der Treibhausgasemissionen

Die absehbare Folge wäre, dass – auch wenn alle angekündigten Schritte zu saubererer Energie realisiert würden – die energiebedingten CO2-Emissionen dann nur um rund zwei Fünftel bis 2050 sinken würden. Das käme auf eine Erderwärmung von 2,6°C gegenüber dem vorindustriellen Niveau heraus– das Pariser Ziel liegt bei 1,5 °C. Um dieses Ziel erreichen zu können, skizziert die IEA vier Maßnahmen:

Erstens einen massiven Ausbau von Wind- und Solarstrom, aber auch – wo gesellschaftlich akzeptiert – der Kernkraft. Zweitens müsse endlich das Potenzial der Energieeffizienz gehoben und der Energieverbrauch für die Endnutzer gesenkt und damit auch für die breite Bevölkerung die entsprechenden Kosten eingehegt werden. Drittens gebe es immer noch viel zu viel Methanemissionen aufgrund des Betriebs von Anlagen für fossile Energieträger. Methan ist nach CO2 das zweitwichtigste anthropogene Treibhausgas. Und schließlich brauche es eine große Menge an Innovationen. Die seien vor allem nötig, um die Treibhausgasemissionen aus dem Eisen- und Stahlsektor, der Zementindustrie und anderen energieintensiven Industrien senken zu können.

Klimaschutz: Deutsche Wissenschaftsakademien für neue deutsche Energiepolitik

Aus Sicht der deutschen Wissenschaftsakademien – der Leopoldina, Acatech und der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften – sind die nächsten vier Jahre wegweisend für die deutsche Energiewende: „Werden heute nicht die Weichen gestellt, sind die Klimaziele bis 2030 und 2045 kaum zu erreichen“, teilten die drei Einrichtungen heute Mittag mit. Doch noch gebe es Handlungsspielräume. Fachleute des gemeinsamen Projekts ESYS („Energiesysteme der Zukunft“) skizzieren elf Handlungsfelder, mit denen Deutschland die Energiewende national und international voranbringen kann.

Zentrales Element ist ein interdisziplinärer und systemischer Ansatz. „Effektiver und effizienter Klimaschutz kann nur mit einer ganzheitlichen Energie- und Klimapolitik gelingen, die Raum für innovative Lösungen bietet und unterschiedliche Lebensrealitäten berücksichtigt“, erläutert der Vorsitzende des ESYS-Direktoriums, Dirk Uwe Sauer (RWTH Aachen). „Für viele Herausforderungen verfügen wir bereits über technologische Lösungen. Doch es gelingt uns nicht, diese voll zu nutzen. Die Fachleute weisen dem Wasserstoff und der Bioenergie für die zukünftige Energieversorgung eine zentrale Rolle zu.

Energiewende: Sehr schnell muss sehr viel auf den Weg gebracht werden

Das ist auch die Hauptaussage eines ersten Szenarienreports des Kopernikus-Forschungsprojekts Ariadne, den die am Projekt teilnehmenden Institute am Montag dieser Woche vorstellten. Der Bericht buchstabiere erstmals Transformationspfade zur Klimaneutralität 2045 im Modellvergleich aus, heißt es in der Mitteilung. Die wesentliche Botschaft: Es muss schnell gehen. „In der Politik wird oft noch unterschätzt, wie tief greifend der notwendige Umbau zur Klimaneutralität 2045 ist“, sagt Gunnar Luderer, Vize-Leiter des Ariadne-Projekts am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). „Fest steht: Scheitern wir am Meilenstein des Klimaziels 2030, werden wir wohl auch 2045 nicht klimaneutral sein.“

Schneller raus aus der Kohle, mehr Solarparks und Windkraftfelder – bei allen Hindernissen, die es da gibt, hat der Energiesektor doch den Vorteil, dass sich die Energiewende direkt vollziehen lässt. Wo diese direkte Umsetzung zumindest in Teilen nicht funktioniert, führt das zu besonderen Herausforderungen. Beim Verkehr, im Gebäudesektor, im Industriebereich. „Die Klimaschutzziele für 2030 und 2045 sind extrem herausfordernd und können nur mit massiven Investitionen, zusätzlichen politischen Maßnahmen und Infrastrukturaufbau in allen Sektoren erreicht werden“, so die Studie.

Für den Verkehr zeigt der Modellvergleich die größte Diskrepanz zwischen Transformationspfaden und Sektorziel. Individueller Pkw-Verkehr und Lkw-Transporte sind den Vergleichen zufolge die wirksamsten Ansätze. „In dieser Dekade müssen wir bedeutende Schritte in der Antriebswende gehen“, sagt Florian Koller, Leiter des Ariadne-Arbeitspakets Verkehrswende am Institut für Verkehrsforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Dabei sind im Verkehrssektor die Effekte von Verhaltensänderungen bei dem Modellvergleich noch gar nicht mit berücksichtigt. Dies erfolgt noch im Verlauf der weiteren Arbeiten des Ariadne-Projekts.

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