Dena-Leitstudie 14. Okt 2021 Von Ariane Rüdiger

Klimaschutz: Wie die deutsche Politik ihre selbst gesetzten Ziele erreichen kann

Anfang Oktober präsentierte die Deutsche Energieagentur ihre zweite Leitstudie zu Energiewende und Klimaneutralität. De facto das Hausaufgabenheft der neuen Bundesregierung.

Die Leitstudie „Aufbruch Klimaneutralität“ der Deutschen Energieagentur (Dena) stellten letzte Woche der Dena-Beiratsvorsitzende Christoph M. Schmidt, Dena-Chef Andreas Kuhlmann und Beiratsmitglied ‧Veronika Grimm in Berlin vor.
Foto: imago images/Metodi Popow

Das übergeordnete Fazit der neuen Leitstudie: Die politisch im Klimaschutzgesetz 2021 gesetzten Ziele sind erreichbar, aber nur mit gemeinsamer Anstrengung und kluger Politik.

Vier Wandlungspfade zum klimaneutralen Deutschland hat die Studie der Deutschen Energieagentur, kurz Dena, entwickelt. Sie legen je unterschiedliche Schwerpunkte: Mal gibt es mehr, mal weniger Elektrifizierung, mal wird mehr und mal weniger auf die Effizienz „molekularer“ Technologien geachtet. Zudem formuliert die Studie 84 Maßnahmen, die die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für unabdingbar halten.

Gesellschaftliche Transformation wird zum Thema

Gegenüber der großen Leitstudie „Integrierte Energiewende“ aus dem Jahr 2018 hat die Dena unter ihrem Chef Andreas Kuhlmann einiges verändert. So kalkuliert die Studie heute nun mit 100 % Einsparung gegenüber dem Niveau von 1990. Die 2018er Studie betrachtete zwei Pfade mit 80 % und 95 % Reduktion. Die Ziele des neuen Klimaschutzgesetzes 2021 sind bereits berücksichtigt. Kuhlmann: „Damit sind wir derzeit einmalig.“

Weitere Neuerungen: Es werden Kohlendioxidsenken berücksichtigt, also Aktivitäten, die CO2 binden anstatt es freizusetzen. Vor allem der Bereich Landnutzung und Forstwirtschaft (LULUCF: land use, land-use change and forestry) soll hier einen Beitrag leisten.

Kohlendioxid der Luft technisch entziehen

Die energieintensive Industrie soll mit neuen Prozessen direkt zur Kohlenstoffsenke werden. Ein Beispiel wäre „grünes Naphthalin“, also „grünes Öl“ als Kunststoffbasisrohstoff für die chemische Industrie. Kuhlmann: „Reicht das alles nicht, müssen wir Kohlendioxid technisch direkt der Luft entziehen.“ Ohne Senken einzubeziehen, ginge die Rechnung nicht auf. Somit steht das Thema Carbon Capture and Storage wieder auf der Tagesordnung.

Neben den großen Bereichen Energie, Gebäude, Industrie und Verkehr hat die Dena Querschnittsmodule gebildet: Energiemarktdesign, Transformation sowie Wirtschaft & Europa, um Maßnahmen aus den einzelnen Bereichen sektorübergreifend zu überprüfen. Neben der Hauptstudie gibt es diverse Sonderberichte zu Spezialthemen. So spielt der Wasserstoff eine wichtigere Rolle als noch 2018.

Ohne Verhaltensänderungen wird das Ziel nicht erreicht

Zum ersten Mal werden Transformationsthemen angesprochen. „Ohne Verhaltensänderungen, beispielsweise weniger persönliche motorisierte Mobilität statt Pkw-Nutzung egal mit welchem Antrieb, werden wir das Ziel nicht erreichen“, betonte Kuhlmann.

Gerade die Transformations­themen hätten zu vielen Diskussionen im Lenkungskreis geführt, seien aber unvermeidlich. Man habe über den Lenkungskreis hinaus Gespräche mit unzähligen Stakeholdern geführt und deren Input einfließen lassen. Darüber hinaus bilde die Dena-Studie nur eine Perspektive ab, zu der sich andere gesellen würden, so Kuhlmann (s. Artikel unten).

Energiebedarf 41 % runter

Insgesamt sollen 2045 1477 TWh an Endenergie verbraucht werden – und damit 41 % weniger als noch 2018. Schon bis 2030 soll der Endenergieverbrauch um 21 % sinken. Das sei machbar, wenn die entsprechenden Maßnahmen ergriffen werden.

Dieser Endenergiebedarf von 1477 TWh soll 2045 etwa zur Hälfte Strom decken, weitestgehend erneuerbar. Das erfordert einen doppelt so hohen jährlichen Zubau bei Wind und einen verdreifachten bei Photovoltaik sowie weitere 700 km neue Stromleitungen. Deshalb müsse der Infrastrukturbau dringend beschleunigt und seine Umsetzung vereinfacht werden, so die Studie.

Mehr Eile auch im Gebäudesektor

Wasserstoff gewinnt insbesondere nach 2035 an Bedeutung – dann auch als Heizenergie in den bisherigen Gasnetzen. Sein Anteil soll dann 2045 bei 226 TWh liegen. Fossile Energieträger tragen 2045 laut Dena-Leitstudie noch 271 TWh und damit etwas unter 20 % zum Endenergieverbrauch bei.

Damit das alles klappt, ist auch im Gebäudesektor erheblich mehr Eile nötig. So soll der Absatz an Wärmepumpen von heute 160 000 auf mehr als 500 000 jährlich steigen. Bis 2045 sollen 9 Mio. Wärmepumpen installiert sein. Die Rate, mit der Gebäude klimaschutzgerecht renoviert werden, muss sich laut Studie jedes Jahr um 0,1 % steigern, um in rund zehn Jahren 1,9 % jährlich zu erreichen. Heute liegt sie bei knapp 1 %.

Neue Governance unabdingbar

Man brauche einen starken Willen, marktwirtschaftliche Orientierung und industriepolitische Kompetenz. Das reiche aber nicht. Ohne eine schlüssige Governance, also eine stringente Amtsführung der neuen Bundesregierung in Sachen Klimaschutz, und veränderte ökonomische Anreize seien die Ziele nicht erreichbar. Dazu gehöre, so Kuhlmann, ein einheitlicher Ordnungsrahmen statt ein inkonsistentes Klein-Klein von Maßnahmen. Und auch, dass Steuern, Abgaben sowie Umlagen endlich auf Kohlendioxideinsparung ausgerichtet werden.

Hierfür empfiehlt die Dena eine stärkere Einbindung des Bundestags, einen ständigen Ausschuss für Klimaneutralität und eine öffentlich zugängliche Enquete zu diesem Thema, um die Bewusstseinsbildung anzustoßen. Während es in der Bundesregierung ein Klimakabinett gibt, bemängelt die Dena, gebe es bisher im Kanzleramt keine vergleichbare Ebene. Weiter müsse die Politik von Bund und Ländern besser aufeinander abgestimmt werden. Die Kommunen bräuchten mehr Kompetenzen und Ressourcen, denn viele Aktivitäten müssten dort umgesetzt werden.

Schon heute stehe fest, dass die im Klimaschutzgesetz 2021 festgeschriebenen Einsparungsziele bis 2023 nicht eingehalten werden können. Kuhlmann: „Das bürdet der neuen Bundesregierung die undankbare Aufgabe auf, hier für die entsprechenden Bereiche Sofortmaßnahmen zu definieren, und ich hoffe sehr, dass sich dafür ein befriedigender Weg finden lässt.“

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