Neue Daten zum Weltklima – Politik setzt neue Klimaschutzziele 22. Apr 2021 Von Stephan W. Eder

Klimawandel überrollt Covid-Pandemie

Das Klimathema steht seit gut einem Jahr im Schatten der Corona-Pandemie. Doch das Momentum ändert sich derzeit; zu Recht, wie die neuesten Daten der Wissenschaft zeigen. Und auch die große Politik setzt das Thema wieder auf die Tagesordnung, wie der Klimagipfel verdeutlicht, zu dem der amtierende US-Präsident Joe Biden für heute eingeladen hat.

Beim Klimaschutz sind jetzt Richtungsentscheidungen gefragt.
Foto: PantherMedia / jamesgroup

Wer wissen will, wie das jeweils letzte Jahr in Europa klimatisch verlaufen ist, dem bietet der in London ansässige Copernicus Climate Change Service (C3S) jährlich einen Bericht an. „European State of the Climate 2020“ stimmt für uns in Europa das begleitende Grundthema an zum „Leaders Summit on Climate“, zu dem der amtierende US-Präsident Joe Biden heute geladen hat: Er erklärt den Kampf gegen die Erderwärmung zu einer Toppriorität; 40 Staats- und Regierungschefs sind geladen. Und sie werden dabei sein, ob Chinas Staatschef Xi Jinping, der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro oder Russlands Präsident Wladimir Putin – auch Bundeskanzlerin Angela Merkel schaltet sich dazu.

Das Londoner Büro des Klimawandeldiensts C3S hat schlechte Nachrichten: 2020 war für Europa das wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen, wobei der Herbst und Winter wiederum wärmer waren als irgend vorhergehendes Jahr, für das C3S selbst Daten aus seinem Copernicus-EU-Erdbeobachtungsprogramm besitzt. „Besonders die Wintertemperaturen sind bemerkenswert“, heißt es. Sie lägen +3,4 °C über dem langjährigen Mittel von 1981 bis 2010. Das ist zudem 1,4 °C höher als der zweitwärmste Winter. In Nordsibirien ist eine Temperaturanomalie von +6 °C gemessen worden – die größte im gesamten Jahr 2020, wie C3S betont.

Biden beschwört das Wirtschaftspotenzial eines konsequenten Klimaschutzes

US-Präsident Joe Biden will mit dem „Leaders Summit on Climate“ in erster Linie ein bereits früher bestehendes Format wiederbeleben: das „Major Economies Forum on Climate and Energy“ (MEF) jener Staaten, die zusammen sowohl vier Fünftel der weltweiten Treibhausgasemissionen wie auch des Bruttosozialprodukts repräsentieren.

Zum Auftakt seines Online-Klimagipfels mahnte er entschiedenes und schnelles Handeln zur Eindämmung der Erderwärmung an. „Die Zeichen sind unübersehbar. Die Kosten des Nichtstuns werden immer höher. Wir müssen schnell handeln, um diese Herausforderungen zu meistern.“ Vor allem betonte er die wirtschaftlichen Chancen der Klimaschutzmaßnahmen; auch der britische Premier Boris Johnson betonte vor allem auch die wirtschaftlichen Potenziale im Rahmen einer konsistenten und konsequenten Klimapolitik. Energiewende, Elektromobilität und der Ausbau der Infrastruktur sieht Biden als gute Gelegenheiten, Millionen von neuen, gut bezahlten Jobs zu schaffen.

Der chinesische Staatschef Xi Jinping betonte, bis 2030 werde China die Spitze der nationalen Treibhausgasemissionen erreicht haben und die Netto-Null dann bis 2060. Die dazwischen liegenden 30 Jahre seien eine wesentlich kürzere Zeit, als viele Industrieländer brauchen würden, um dasselbe Ziel zu erreichen. Das erfordere eine außergewöhnliche Anstrengung seines Landes, betonte Xi Jinping.

2020 eines der drei wärmsten Jahre

Weltweit war 2020 nach Angaben der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) das drittwärmste seit Beginn der Aufzeichnungen – trotz eines globalen Abkühlungseffekts durch das Auftreten eines La-Niña-Ereignisses im vergangenen Jahr. Auch wenn sich die globalen Emissionen von Treibhausgasen durch die Corona-Pandemie kurzfristig verlangsamt haben, sei die die Konzentration dieser Gase in der Atmosphäre weiter gestiegen, teilte die UN-Organisation bereits am Montag in Genf in ihrem eigenen Bericht über das globale Klima 2020 mit.

UN-Generalsekretär António Guterres bezeichnete am Montag im Rahmen einer Schaltkonferenz vom UN-Sitz in New York aus den Bericht als „erschreckend“. WMO-Generalsekretär Petteri Taalas sprach vom „unerbittlichen Klimawandel“, sagte, dessen negativer Trend werde sich unabhängig von Klimaschutzmaßnahmen noch einige Jahrzehnte fortsetzen. Das würden alle Indikatoren, die die WMO für diesen Bericht erhebe, durch die Bank weg anzeigen.

Guterres zufolge zeigt der Bericht, dass die Welt keine Zeit mehr zu verlieren hat: „Dieses Jahr müssen wir handeln. Die Saaten müssen sich zu einer Netto-Null-Emission im Jahr 2050 bekennen“, sagte Guterres mit Blick auf die am Jahresende stattfindende Weltklimakonferenz COP26 im schottischen Glasgow. „Das Klima ändert sich und die Auswirkungen sind schon zu kostspielig für die Menschen und den Planeten“, mahnte er.

Covid-19 kann Klimawandel nicht aufhalten

Die WMO sprach von einem „Doppelschlag“ im Jahr 2020 durch die Kombination von Extremwetterereignissen und Covid-19. „Doch die pandemiebedingte wirtschaftliche Abschwächung schaffte es nicht, die Treiber des Klimawandels und die sich beschleunigenden Auswirkungen zu bremsen“, so die Organisation. Zwar senkte die Pandemie die Emission neuer Treibhausgase, ein Effekt auf die atmosphärische Treibhausgaskonzentration aber konnte die WMO bisher nicht feststellen.

In Zahlen: Die globale Durchschnittstemperatur lag 2020 etwa 1,2 °C über dem vorindustriellen Niveau. Im 2015 beschlossenen Weltklimaabkommen von Paris hatte sich die Weltgemeinschaft darauf geeinigt, dass man den Anstieg der globalen Mitteltemperatur auf „deutlich unter 2 °C“ begrenzen wolle, besser auf ein Niveau von 1,5 °C. Die weltweite CO2-Konzentration könne in diesem Jahr noch auf 414 ppm (parts per million) ansteigen. Für 2020 lag noch kein gesicherter Wert vor, aber er dürfte über den 410 ppm aus dem Jahr 2019 gelegen haben. Letzteres entspricht nach WMO-Angaben 148 % des vorindustriellen Niveaus.

EU einigt sich auf neues Klimaschutzziel von -55 % bis 2030

Heute hat US-Präsident Joe Biden auf dem von ihm initiierten Klimagipfel führender Staaten für die USA eine Verringerung von 50 % der Treibhausgasemissionen bis 2030, bezogen auf das Niveau von 2005, zugesagt. Referenzjahr im internationalen Klimaregime ist in der Regel aber das Jahr 1990, weil das erste internationale Klimaabkommen von Kyoto dieses Jahr als Referenz festschreibt. Das Vereinigte Königreich, seit Jahresbeginn nicht mehr EU-Mitglied und Gastgeber der diesjährigen Weltklimakonferenz, hatte bereits ambitionierte -78 % in Aussicht gestellt – allerdings für das Zieljahr 2035.

Bereits gestern hatten sich Vertretungen der EU-Staaten und des EU-Parlaments (EP) in einem Kompromiss darauf verständigt, ein Ziel von -55 % (bisher -40 %) bis 2030 als neues Ziel für die EU festzuschreiben. Damit setzten sich letztendlich die EU-Regierungschefinnen und -chefs durch. Das EP wollte mindestens 60 %.

Neues EU-Klimaschutzziel als Mogelpackung kritisiert

Sowohl Vertreterinnen und Vertreter des EP sowie Umweltschutzorganisationen bemängeln, dass die -55 % zusätzlich durch die Einberechnung von natürlichen CO2-Senken verwässert würden. „Die Berechnung der Einsparungen unter Einbeziehung von CO2-Senken mindert zudem die tatsächlichen Einsparungen auf 52,8 % und erschwert das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 °C zu begrenzen“, zitiert eine Pressemeldung des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE) seine Präsidentin Simone Peter. Zumindest hat die EP-Delegation den EU-Mitgliedstaaten abgerungen, die Einrechnung von Senken auf 225 Mt CO2-Äquivalente zu begrenzen.

Der Verhandlungsführer der EVP-Fraktion, der deutsche CDU-Politiker Peter Liese, gab sich dennoch zufrieden: „Das 55 %-Ziel ist entgegen anderer Behauptungen sehr ambitioniert. Wenn man berücksichtigt, dass wir von 1990 bis 2020 25 % reduziert haben und jetzt in neun Jahren 30 % reduzieren müssen, kann sich das auf jeden Fall sehen lassen.“

Deutschland muss nationale Klimaschutzziele endlich unterfüttern

Speziell für Deutschland bleibt die Frage, wie das ehrgeizige Ziel erreicht werden kann. Denn bisher hat die Bundesregierung immer noch nicht festgelegt, wie denn die für Deutschland festgelegten nationalen Klimaschutzziele konkret erreicht werden sollen. Nacharbeiten am Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) – zum Beispiel über die konkreten Ausbaupfade für erneuerbare Energien – fehlen bislang ebenso wie die vom Bundeswirtschafts- und Bundesenergieministerium fällige Korrektur der bisher angenommenen zukünftigen Strommengen.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) mahnte gestern auf den Berliner Energietagen beim Koalitionspartner (zuständig ist Peter Altmaier, CDU) an, diese Strommengen realistischerweise nach oben zu korrigieren. „Wir brauchen mehr Strom, wenn wir die deutsche Industrie auf CO2-Neutralität umbauen wollen ,“ sagte Scholz. Und zwar mehr, als die Bundesregierung über den Kabinettskollegen Altmaier bislang offiziell zugesteht.

Veronika Grimm, Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, geht ebenso wie Scholz von einem deutlich höheren Strombedarf aus, als ihn das Bundeswirtschaftsministerium prognostiziert. Auch sie hat erst kürzlich auf die wichtige Rolle von Erdgas, vor allem mit Blick auf die Versorgungszuverlässigkeit, hingewiesen. Solange aber die Bundesregierung über ihren Energieminister von zu niedrigen Zahlen ausgeht, lässt sich immer noch argumentieren, der Ausbaubedarf sei nicht vorhanden.

Kohle treibt 2021 im Energiesektor die CO2-Emissionen

Die globale Realität sieht trotz hochgesteckter Ziele derzeit aber gänzlich anders aus, wie der „Global Energy Review 2021“ deutlich macht, den die Internationale Energieagentur (IEA) am Dienstag am Hauptsitz in Paris vorstellte. Demnach könnte 2021 das Jahr mit dem zweithöchsten Anstieg der Emissionen von Treibhausgasen werden, die durch das menschliche Wirken verursacht sind. Die IEA sieht einen Anstieg der energiebedingten CO2-Emissionen um 1,5 Mrd. t auf 33 Mrd. t.

Als Treiber sieht die IEA die bereits weltweit angekündigten bzw. angelaufenen Wirtschaftsfördermaßnahmen, um die jeweiligen nationalen Ökonomien nach der Corona-Pandemie wieder flottzumachen. Zudem setzten vor allem die Schwellenländer immer noch beim Wirtschaftswachstum stark auf fossile Energieträger, auch auf Kohle. Der Kohlebedarf werde wohl um 4,5 % wachsen, drei Viertel des Anstiegs gehen auf das Konto des Stromsektors. Allerdings war der globale Kohleverbrauch 2020 um 4 % eingebrochen, der stärkste Rückgang seit Ende des Zweiten Weltkriegs.

Kohle wächst 2021 stärker als erneuerbare Energien

Beim Zuwachs würde damit Kohle nach IEA-Angaben sogar die erneuerbaren Energieträger überholen. Hauptverantwortlicher ist China. Dessen Kohlekraftwerksflotte – inklusive Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen – stehe für rund ein Drittel des weltweiten Kohleverbrauchs, so die IEA.

„Schockierend“ nannte IEA-Exekutivdirektor Fatih Birol die Entwicklung und mahnte im Vorfeld des heutigen Klimagipfels: „Falls die Regierungen auf der Welt sich nicht rasch bewegen, um die Emissionen zu kappen, werden wir 2022 wahrscheinlich eine noch schlimmere Situation haben.“ Er nannte den „Leaders Summit on Climate“ einen „kritischen Moment“ für klares und sofortiges Handeln im Vorfeld der Weltklimakonferenz in Glasgow.

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